| Peter Sloterdijk und das „Gewicht der Welt“: (II) Die Entdeckung der Empörung |
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| Geschrieben von: Felix Menzel |
| Samstag, den 03. September 2011 um 09:51 Uhr |
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Ein Hauptproblem der Demokratie ist, daß sie nur funktionieren kann, wenn alle stimmberechtigten Bürger über ein ausreichendes Wissen verfügen, damit sie mündig und unabhängig eine Wahlentscheidung treffen können. In den modernen Massengesellschaften bleibt dieser Zustand unerreichbar. Es herrscht deshalb immer diejenige Elite, der es mit ihren Manipulationsmitteln am besten gelingt, ihre Macht über die Interessen der einfachen Bürger zu begründen. Währenddessen bilden sich unbedeutende Gruppen der Unzufriedenen, die mit vernünftigen Argumenten und ohne direkte Interessen als Korrektiv des Politikbetriebs wirken möchten. Die Einsamkeit der Intellektuellen und die „Neuen Barbaren“ Sloterdijk schreibt über sie: „Die Sezession von der Gewohnheitswelt als erste ethische Operation führt eine unbekannte Spaltung in die Welt ein. Sie zertrennt nicht nur die Menschheit asymmetrisch in die Gruppen der Wissenden, die weggehen, und der Unwissenden, die am Ort des vulgären Verhängnisses bleiben, sie impliziert unvermeidlich die Kriegserklärung der ersten an die zweite.“ Es ist zu bezweifeln, daß diese Kriegserklärung überhaupt bei ihren Adressaten ankommt, da es keinen Grund gibt, warum sich die Unwissenden die Mahnungen der Wissenden zu Herzen nehmen sollten. Dies gilt, solange sie gleich oder materiell sogar besser gestellt sind. Die „Neuen Barbaren“ etwa, die sich global den besten Arbeitgeber aussuchen, nehmen dabei keine Rücksicht auf kulturelle Traditionen oder Grenzen. Sie sind im schlechtestmöglichen Sinne libertär und verweigern sich trotz ihrer Fähigkeiten dem Gemeinwesen. Geradezu weltfremd wirkt da der ursprüngliche Sinn von Rilkes strenger Aufforderung „Du mußt dein Leben ändern“. Der Satz steht am Ende des Gedichts „Archaischer Torso Appollos“ und fordert dazu auf, nach dem Betrachten eines Kunstwerkes, in diesem Fall einer Skulptur, Konsequenzen zu ziehen. Der Betrachter ist nicht allein auf der Welt. Vielmehr ist er selbst einem ungenannten, imaginären Wesen Rechenschaft schuldig. „Denn da ist keine Stelle, / die dich nicht sieht.“, schrieb Rilke. Diese Verpflichtung hat sich heute für die meisten Europäer und selbst Christen erledigt. Niemand kann die Welt ändern Zur Folge hat dies, daß sich die Weltverbesserung vom Konkreten ins Utopische verschiebt. Auch diese Gefahr benennt Sloterdijk in diesem Werk über Anthropotechnik: „Du mußt die Welt verändern, damit du, wenn sie im richtigen Sinn umgestaltet ist, dich guten Gewissens an sie anpassen kannst.“ In der Moderne wüßten die Menschen nicht mehr, „womit sie beginnen sollen: mit der Welt oder mit sich selbst – oder mit beidem zugleich.“ Als Ausweg aus diesem Dilemma würden sie häufig eine „willkommene Passivität“ wählen. All jene hingegen, die sich ihr verweigern, enden wie Franz Kafkas Hungerkünstler, also als eine Witzfigur am Rande des großen Zirkus. Selbst einige Journalisten und Intellektuelle, die zumindest noch materielle Vorteile aus dem Zirkus ziehen, begreifen so langsam ihr jämmerliches Schicksal. Es lohnt sich etwa, die letzten Wortmeldungen des scheidenden FAZ-Feuilletonchefs Patrick Bahners unter diesem Gesichtspunkt zu lesen. Sein Buch Die Panikmacher mag eine völlig inkompetente Auseinandersetzung mit dem Islam sein. Dennoch zeigt bereits die Titelgebung, daß der Autor vor allem die hysterische Zerstörung von Debatten kritisiert. Diese Lesart findet bestätigt, wer die beschwichtigenden Worte des Journalisten in der Affäre um die Bundeswehr-Studentenzeitung Campus und ihren Chefredakteur Martin Böcker im Hinterkopf hat. Hier war es ausgerechnet der linksliberale Bahners, der den jungen, studierenden Offizier gegen seine aufbrausende Universitätspräsidentin in Schutz nahm, obwohl sich seine Weltsicht mit der rechtskonservativen von Böcker nicht verträgt. Der FAZ-Mann scheint also zu ahnen, daß Lagerkämpfe nicht mehr weiterführen, weil es inzwischen ums Ganze geht: um seine Stellung als aufgeklärter Wortführer, um die Existenz der Zeitung als reflektierendes Medium und damit um die Fundamente der europäischen Geistesfreiheit. Es geht ums Ganze: Die Fundamente der europäischen Geistesfreiheit Diese Problematik entfällt, wenn man die Bürger voraussetzungslos mündig spricht. Dann entscheiden sie sich selbständig und frei für Hexenjagden, die aufgrund ihrer demokratischen Legitimation einen guten Zweck haben müssen. Aus welchen Gründen auch immer begeht Sloterdijk diesen Kardinalfehler seit Neuestem. Absurderweise betont er gerade in seiner Rede zur Freiheit, die mit Streß und Freiheit überschrieben ist, daß ein Kollektiv den Vitalitätstest solange bestehen würde, wie es sich „bis zur Weißglut erregen kann“. Sloterdijk spielt hier auf die Massenempörung nach Sarrazin an. Er meint also tatsächlich, wir müßten uns keine Sorgen machen, weil die Deutschen noch zum Überschäumen in der Lage sind. Diese Sicht verkennt sämtliche harte Fakten, auf die gerade Sarrazin aufmerksam macht. Die demographische Lage eines Volkes ist durch ein zeitlich begrenztes Echauffieren nicht auszutricksen. Und die Überfremdung westdeutscher Großstädte sowie die Verdummung werden ebenso wenig im Zuge einer Hysterie gelöst. Vielmehr hat sich ein Jahr nach Sarrazin gezeigt, daß die politisch-mediale Klasse nur kurzzeitig ein Ventil öffnete, damit die Bürger Dampf ablassen konnten. Seitdem hat sich nichts mehr getan: Die kollektive Empörung war noch nicht einmal beständig genug, um eine Bürgerinitiative – geschweige denn eine erfolgversprechende Partei rechts der sozialdemokratischen CDU – entstehen zu lassen. Empört Euch! Ja, aber worüber und zu welchem Zweck? Wenn sich zumindest die Empörung in einer gestalterischen Teilnahme am Gemeinwesen äußern würde, wäre sie ein ernstzunehmender demokratischer Faktor. Bisher blieb es aber beim reinen „Dagegen“. Sloterdijks Entdeckung des sich empörenden Bürgers ist somit nur auf eine neue Mode der Intellektuellen zurückzuführen. Der 93-jährige Franzose Stéphane Hessel führt diesen Trend mit seinem Manifest Empört Euch! an. Konsequenterweise hat er im Gegensatz zu Sloterdijk nachgelegt und nun die zweite, folgerichtige Forderung gestellt: Engagiert Euch! So weit schafft es Sloterdijk nicht. Er bleibt bei der Bewunderung des neuen zivilen Ungehorsams nach Stuttgarter Vorbild stehen: „Mit einem Mal steht er wieder auf der Bühne – der thymotische (ein Neologismus Sloterdijks, der im altgriechischen Wort für Zorn und Aggression, thymós, wurzelt, F. M.) Citoyen, der selbstbewußte, informierte, mitdenkende und mitentscheidungswillige Bürger, männlich und weiblich, und klagt vor dem Gericht der öffentlichen Meinung gegen die misslungene Repräsentation seiner Anliegen und seiner Erkenntnisse im aktuellen politischen System“, schreibt der philosophierende Schriftsteller in dem Essay „Über die Entstehung der res publica aus dem Geist der Empörung“, der in dem Sammelband Der Profi-Bürger veröffentlicht wurde. Hier spricht ein grenzenloser Optimist, der glaubt, die Entfremdung des Volkes von seinen Vertretern sei schon dann überwunden, wenn die Bürger opponieren. Die Angespannten und die Empörten, die ihr Leid zur Schau stellen Das unterschätzt jedoch die Machterhaltungsstrategien der Eliten und überschätzt zugleich die Ausdauer der Empörten. Eine Massenhysterie birgt selbstverständlich die Chance eines abrupten Richtungswechsels, weil dieser just in diesem Moment per Umfragen-Plebiszit legitimiert ist. Aber dieser Richtungswechsel ist eben kein Naturgesetz, das sich vollzieht, wenn eine kritische Masse überschritten ist. Die kollektive Empörung entlarvt meistens für alle sichtbar eine zu große Lücke zwischen der politischen Romantik der Öffentlichkeit und der harten Realität. Soweit hat Sloterdijk recht. Aber allein das Aufblitzen eines Mißstandes im unruhigen und wechselvollen Universum der Öffentlichkeit reicht nicht. Erst wenn die Elite oder eine im Eiltempo wachsende Graswurzelformation praktische Konsequenzen zieht, bewegt sich etwas. Sloterdijk schließt seine Überlegungen mit der Bemerkung ab, die Postdemokratie müsse warten, da politische Alleingänge „im Zeitalter der digitalen Zivilität“ unmöglich seien. Damit reißt er sein plausibles Argumentationsgebäude der letzten (mindestens) 20 Jahre ein. In dem bereits angesprochenen Essay über Hyperpolitik kurz nach der Wende behauptete Sloterdijk noch das genaue Gegenteil: „Die ‚Menschheit‘ bricht hier auseinander in Gruppen, die sich durch Anspannung steigern, und Gruppen, die im Leiden stagnieren.“ Die kollektive Empörung ist das Zur-Schau-Stellen eines angeblichen Leids ohne die innere Spannung, etwas Besseres, etwas Konstruktives anzubieten. Das Internet dient denen, die sich gern in mehr gefühltem als tatsächlichem Leid suhlen, dazu, diese Seuche in sozialen Netzwerken zu verbreiten. Einen Schutz vor der Postdemokratie bietet das aber noch lange nicht. (Bild: „Peter Sloterdijk zwischen (weichen) Kissen“ – „Sloterdijk entre cojines“/ flickr.com/ Freire-Pintor) |