| Breiviks „2083 - Eine europäische Unabhängigkeitserklärung“: Anspruch und Wirklichkeit eines Manuskripts I |
|
|
|
| Geschrieben von: Hugo Bengal |
| Mittwoch, den 16. November 2011 um 13:54 Uhr |
|
Doch diese Argumente verhindern die sachliche Auseinandersetzung. Eine solche Auseinandersetzung ist aber unabdingbar um die Zukunft bestreiten zu können, ohne dauerhaft einen „Breivik-Knüppel“ zwischen die Beine geworfen zu bekommen. Breiviks Manifest ist äußerst vielseitig. Es enthält eine Erklärung seiner Positionen, ist zugleich ein Geschichtsbuch, ein Chemiebuch, eine Anleitung zum Bombenbau, eine Anleitung zur Bildung terroristischer Zellen und die Grundlage einer von ihm geplanten Vereinigung aller „christlichen Kämpfer für die Freiheit“, den „Knights Templar Oath“ (auch „The PCCTS“ oder „Justiciar Knights“ genannt). 2083 soll dieser Orden nach Breivik Westeuropa erobert und vom Islam befreit haben. Formelle Ideologiekritik: Die größte Gemeinsamkeit zwischen Breivik und Konservativen Die größte Gemeinsamkeit zwischen Breiviks Pamphlet und konservativen Argumenten besteht wohl hinsichtlich der Einstellung zu Sozialismen aller Art. Breivik erklärt „Einer der wichtigsten Erkenntnisse des Konservatismus ist, dass alle Ideologien falsch sind. Ideologie nimmt ein intellektuelles System, ein Produkt von einem oder mehreren Philosophen und sagt: Dieses Weltbild muss wahr sein. Zwangsläufig endet die Realität sobald sie dem System widerspricht, in der Regel widerspricht sie dem System in mehreren Punkten. [..] Am Ende ist das Ergebnis zwangsläufig das Konzentrationslager, der Gulag und das Grab.“ Auf eine vergleichsweise milde, aber effiziente Form des Denkverbots, die Political Correctness (PC), geht Breivik ab Seite 12 seines Manuskripts sehr genau ein. Die Wurzeln der PC sieht er in der Frankfurter Schule. Die ideologischen Väter der Frankfurter Schule hätten sich seit dem Ende des Kaiserreichs um eine neue Linguistik in der deutschen Sprache bemüht, getreu dem Motto: „Wer die Sprache beherrscht, beherrscht auch die Gedanken.“ Er sieht die Wurzeln der Frankfurter Schule in verschiedenen kommunistischen Vordenkern begründet. Erwähnt werden beispielsweise Karl Marx, Leo Trotzky, Friedrich Hegel und Georg Lukász. Dabei kommt die PC in einem freundlichen Gewand daher: Sie sagt, man sollte die Gefühle anderer Menschen nicht verletzen, etwa durch falsche Wortwahl. Breivik merkt dazu an: „Die Realität ist anders. PC ist nicht nur „nett sein“, genauso wenig, wie irgendjemand sagen würde, ein Gulag wäre ein „netter“ Ort gewesen. PC ist Marxismus mit all seinen Eigenschaften: Weniger Freiheit des Ausdrucks, des Denkens, Meinungsmache und Totalitarismus.“ Auch diesem Standpunkt wird wohl kaum jemand innerhalb der islamkritischen Gefilde widersprechen. Breiviks Feinde: Die „Kirchenpolizei“ und der nette Nachbar Nachdem er mit Hilfe diverser Zitate und Klarstellungen seine Position zu „(Kultur-)Marxisten“ erläutert hat, zeigt er auf, wie diese sich mit dem Islam verbrüdert hätten. Er hat diverse Gründe gefunden, warum unsere Gesellschaft ein starkes Interesse an „Verbündeten“, wie etwa dem Islam, hegt. Dabei unterscheidet er zwischen sechs Gruppen:
Wie zutreffend die letzte Unterteilung ist, zeigte sich in der Debatte um Thilo Sarrazins Buch Deutschland schafft sich ab: Die These vom arbeitslosen Türken, die Statistik spricht von 16% erwerbslosen Türken, sollte in den Medien immer wieder durch einen arbeitenden Türken widerlegt werden. Dieser erklärte dann: „Aber ich bin doch der lebendige Gegenbeweis für Sarrazins Thesen!“ Diese Methode, statistisch nicht repräsentative Beispiele heranzuziehen, sei ebenfalls ein Faktor für die Verankerung des Islams im heutigen Europa, so Breivik.
Abweichende muslimische Glaubensrichtungen ignoriert Breivik In diesem Kapitel wird erstmals eine Radikalisierung Breiviks deutlich, er charakterisiert „die Muslime“ als homogene Masse. Abweichende Glaubensrichtungen, etwa die Aleviten oder die Ahmadiyya, ignoriert er. Stattdessen unterstellt er jedem Muslim ein Gewaltpotential gegenüber Ungläubigen zu und wirft allen Muslimen, die sich gegen Gewalt aussprechen, vor eine Randgruppe von Abweichler zu sein. Vielmehr würden diese sogar bewusst gewaltbereiten Muslimen den Weg bereiten. Ein solches Menschenbild resultiert aus tiefem Hass. Immer wieder greift er auf historische Beispiele zurück, in denen Muslime Christen töteten oder, wie er es stellenweise nennt, „abschlachteten“. Derart voreingenommen erklärt Breivik den Islam. Hier bezieht er sich auf die Schlachten des Islams und führt vier davon detailliert aus – die Schlachten von Badr, Uhud und Medina sowie die Eroberung von Mekka. Nachdem die Grundlagen und geschichtlichen Zusammenhänge erläutert sind, spannt er den Bogen zum, Heiligen Krieg, dem Dschihad. Breivik erläutert den Dschihad grob und zitiert dann Hasan Al-Banna, einen der Gründer der Muslimbruderschaft: „Der Dschihad ist eine Verpflichtung von Allah für jeden Muslim und kann nicht ignoriert oder umgangen werden. [..] Darüber hinaus hat Allah speziell die Mudschaheddin mit bestimmten außergewöhnlichen Qualitäten ausgestattet, sowohl spirituell als auch praktisch, um sie in dieser und der nächsten Welt zu belohnen. Ihr reines Blut ist ein Symbol des Sieges in dieser Welt. [..] Wer sich dem Dschihad nur durch Ausreden verweigert, wird von Allah qualvoll bestraft werden, Allah hat die Bestrafung mit den schlimmsten Worten beschrieben.“ Ab dieser Stelle darf an Breiviks Verstand gezweifelt werden. Denn die Worte Al-Bannas sind derart verblendet und radikal, dass niemand mit gesundem Menschenverstand ihnen Glauben schenken möchte. Breivik unterstellt an dieser Stelle indirekt zum einen, dass ein Dschihad das Ziel aller Muslime, unabhängig von deren Ausrichtung, wäre. Zum anderen suggeriert Breiviks Vorwurf, dass er, der Menschen wie Hasan Al-Banna zurecht für seine Worte und entsprechenden Taten verachtet, nie auf die gleiche Weise handeln würde. Anmerkung der Redaktion: Dieser Beitrag wird diesen Freitag fortgesetzt. Darin geht es um Breiviks Fantasieorden „Justiciar Knights“, Plagiatsstellen und seine Position zu Meinungssanktionen. |