Startseite Gesichtet Freiwilligendienst in Europa: Ein Jahr Bewusstseinserweiterung in Bosnien-Herzegowina
Freiwilligendienst in Europa: Ein Jahr Bewusstseinserweiterung in Bosnien-Herzegowina PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Moritz Lüttich   
Dienstag, den 17. Januar 2012 um 07:47 Uhr

Natürlich darf der Spaß nicht zu kurz kommen. Und ein Jahr im Ausland verspricht neben der Flucht aus dem Kreis der Gewohnheiten neue Erfahrungen und Kompetenzen. Mit diesen Gedanken verließ ich im September 2009 Deutschland, um die nächsten zwölf Monate im Rahmen eines freiwilligen kulturellen Jahres am Gymnasium „Fra Grge Martica“ im bosnisch-herzegowinischen Mostar, gelegen in der südlichen Provinz Herzegowina-Neretva zu verbringen. Mein Tätigkeitsbereich lag in der deutsch-bosnischen Kulturvermittlung.

„Waffenbrüderschaft”: Deutsche Kultur vermitteln und bosnische kennenlernen

Konkret bedeutete das etwa Anwesenheit beim Deutschunterricht, Hilfe bei den Hausaufgaben, Unterstützung für die Abiturienten beim mündlichen Vortrag zur Prüfung „Sprachdiplom Deutsch” und die Präsentation deutscher Filme, etwa von Das Leben der Anderen, welcher aufgrund der knapp 50jährigen Herrschaft des Kommunismus in Ex-Jugoslawien begeistert aufgenommen wurde. Kurzum: Die Schüler sollten ein zeitgemäßes Deutschlandbild vermittelt bekommen und die deutsche Kultur kennen lernen. Im Gegenzug lehrten sie die bosnische Kultur: Sie erzählten über ihre Traditionen und Gepflogenheiten. Aufgrund des obligatorischen Sprachkurses, den ich zu absolvieren hatte und der mir bei der Integration in die bosnisch-herzegowinische Gesellschaft sehr hilfreich war, entwickelten sich leidenschaftliche Gespräche und Diskussionen über die Politik, Kultur, und Geschichte unserer Länder. Thema war auch die „Waffenbrüderschaft“ zwischen Kroaten und Deutschen, vom Dreißigjährigen Krieg angefangen, über die beiden Weltkriege und im immer noch aktuellen Bosnienkrieg der 1990er Jahre.  Im Laufe der Zeit entwickelte sich ein freundschaftliches Verhältniss, das über den normalen Unterricht hinausging und bis heute besteht. So traf ich einzelne von ihnen nach der Schule oder auch am Wochenende zu einem Kaffee oder einem Bier in einem der vielen Cafehäuser in Mostar.

Lehrreiches Gespräch mit einem Miloševic-Anhänger

Neben der Arbeit blieb auch viel Zeit, um das Land und seine Nachbarstaaten zu erkunden und die balkanische Gastfreundschaft zu genießen. Egal ob in Bosnien-Herzegowinas Hauptstadt Sarajevo, dem serbischen Pendant Belgrad oder Prizren im Kosovo, überall fühlte ich mich willkommen. Überall entwickelten sich interessante Gespräche mit Vertretern der einzelnen Ethnien vor Ort. Schnell ergaben sich Möglichkeiten, in die Kultur der jeweiligen Volksgruppe einzutauchen. Eines Morgens saß ich um fünf Uhr in einem Café am Belgrader Busbahnhof, trank einen Kaffee und stöberte in einem deutschen Reiseführer über Serbien. Plötzlich fragte ein älterer Herr in gebrochenen Deutsch, ob er sich dazu setzen könne. Er habe in den siebziger Jahren fünf Jahre in Deutschland gelebt und gearbeitet.

Im Laufe des Gespräches kamen wir auf die Bombardierung Belgrads durch die Nato 1999 zu sprechen und mein Gesprächspartner entpuppte sich als ein großer Verteidiger Slobodan Miloševic. Unter Miloševic habe Serbien zur alten Stärke wiedergefunden und die Kriminalitätsrate sei sehr niedrig gewesen. Dieses Gespräch gestaltete sich sehr spannend, da ich zuvor nie einen Anhänger Miloševics getroffen hatte. Durch die vielen Gespräche ergab sich ein ganz anderer Blick sowohl auf Deutschland als auch auf andere Länder Europas. Der Blick auf die derzeitige sozialpolitische und ökonomische Lage der Balkanstaaten wurde realistischer und wich von dem der etablierten deutschen Medien ab.

Der Balkan ist sicherer als Berlin

Die deutschen Medien neigen zu einem düsteren Balkan-Bild: Belgrad sei ein sehr unsicheres Pflaster, in Bosnien bestehe immer Gefahr, auf eines der immer noch vorhandenen Minenfelder zu geraten oder es komme mindestens zu Begegnungen mit der albanischen Mafia. Ich aber fühlte mich auf dem Balkan sicherer als in den Straßen des nächtlichen Berlins.

Doch vor allem aber lernt sich der Freiwillige selber kennen, er kann sich rückblickend gut einschätzen und kennt seine Stärken und Schwächen. All dies reicht schon als Grund, um ein freiwilliges kulturelles oder soziales Jahr im Ausland zu absolvieren. Zudem lernt er sowohl seine als auch die Kultur seines Gastlandes zu schätzen und erhält dadurch einen ganz anderen Blick auf die Geschehnisse in der Welt.

Das Gastland: eine zweite Heimat mit Erinnerungen, Emotionen und Freunden

In sein Heimatland kehrt man als anderer Mensch zurück, der sich sowohl charakterlich und geistig verändert hat. Geblieben ist die Erinnerung an ein Land, zu dem die emotionale Nähe bestehen bleibt: durch Erfahrungen, Freunde vor Ort und natürlich wegen der individuellen Erinnerungen. Schaden kann ein Freiwilligenjahr im europäischen Ausland keinesfalls. In jeder Hinsicht handelt es sich um einen langfristigen Gewinn: für sich selbst, für seine Freunde und für die Zukunft des ersten und des heimlichen zweiten Heimatlands.

Bild 1: Die berühmte Stari most” (Alte Brücke) von Mostar, das Wahrzeichen der Stadt. Kroatische Truppen zerstörten sie 1993. Nach dem Krieg bauten die Einwohner die Brücke wieder auf, heute verbindet sie den katholischen und den muslimischen Teil der Stadt./ Copyright: flickr.com/Cheryl & Rich

Bild 2: Moritz Lüttich

Bild 3: Moritz Lüttich

 
ANZEIGE

Rundbrief







Aufgepasst!

Banner

Umfrage

Das größte Problem in Deutschland ist ...
 
Die dringlichste Aufgabe der deutschen Konservativen ist ...