Startseite Gesichtet „Größe ist, was wir nicht sind“: Das 20. Berliner Kolleg des Instituts für Staatspolitik restaurierte den Friedrich-Mythos
„Größe ist, was wir nicht sind“: Das 20. Berliner Kolleg des Instituts für Staatspolitik restaurierte den Friedrich-Mythos PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Marco Röthig   
Freitag, den 27. Januar 2012 um 08:03 Uhr

Auch zum 300. Geburtstag gilt der „Alte Fritz“ weitestgehend als Vorbild, sei es in der Rolle als fürsorgender Landesvater, Feldherr oder Reformer. Längst hat sich um den König von Preußen und Kurfürsten von Brandenburg ein Mythos gebildet. Warum Friedrich den Beinamen der Große zurecht trägt, wollte das Institut für Staatspolitik (IfS) am 21. Januar zum 20. Berliner Kolleg mit namhaften Referenten klären. Das IfS möchte als gemeinnützige Einrichtung aktuelle, politischen Debatten aufgreifen und zugleich die konservative Deutungshoheit darüber erlangen. Auch deshalb wollten die Geschäftsführer, der Historiker Karlheinz Weißmann und der Philosoph Erik Lehnert, die Friedrich-Interpretation nicht allein den meinungsführenden Medien überlassen.

Weißmann: „Größe ist, was wir nicht sind“

Weißmann bezeichnete vor diesem Kontext Friedrich als „großes Individuum” und legte nach:  „Größe ist, was wir nicht sind.“ So gäbe es in der Menschheitsgeschichte nur wenige Herrscher, die den Beinamen der Große erlangt hätten. Dass deren Ruhm  aber in der Gegenwart keineswegs gültig bleiben muss, beweise u.a. der biblische König Herodes „der Große”. Friedrichs Nachruhm sei vor allem seinen Erfolgen in den drei Schlesischen Kriegen zu verdanken.

Trotzdem bleibe historische Größe ein Mysterium, welches sich bereits zu Friedrichs Lebzeiten bildete. Bereits damals sei solch eine Persönlichkeit selten gewesen, betonte Weißmann. In Zukunft werde sie unmöglich sein, denn in einer demokratischen Zeit könne es keine allgemein erwünschte Größe geben. Nicht zuletzt die zahlreichen Versuche, Friedrich nach 1945 in den braunen Schatten zu stellen, hätten dies bewiesen.

Friedrich als pragmatischer Philosophenkönig: „Ich bin der erste Diener meines Staates.“

Lehnert widmete sich aus philosophischer Sicht der Frage, ob Friedrich der Große in heutiger Zeit als Vorbild dienen könne. Folge man der Maxime Platons, müsste der Staat von Philosophen geleitet werden. Friedrich begriff sich als solcher und ordnete sich diesem Prinzip unter. So ergäben sich auch aus seiner Korrespondenz mit dem französischen Aufklärer Voltaire die Grundprinzipien friderizianischer Politik: Gleichheit vor dem Gesetz, pragmatische Toleranz in Bezug auf Religion und eingeschränkte Pressefreiheit. In den Mittelpunkt rückte Lehnert den pragmatischen Toleranzgedanken, welcher sich von heutiger Beliebigkeit deutlich unterscheide.

Friedrich, so Lehnert, habe sich keineswegs um religiöse Gleichgültigkeit bemüht. Vielmehr habe er Toleranz als notwendige Bedingung für die Einwanderung qualifizierter Fachkräfte in die nach drei Kriegen ausgeblutete Mark Brandenburg gesehen. Keineswegs hätte es in dessen Interesse gelegen, das evangelisch-lutherische Fundament des preußischen Staatswesens aufklärerisch zu demontieren, betonte Lehnert. Vor dieser zugleich philosophischen und pragmatischen Politik sei auch seine oberste Maxime zu verstehen: „Ich bin der erste Diener meines Staates.“ Gerade dieser Satz beweise, dass er den Staat nicht als Raubobjekt verstand, sondern es als höchste Ehre ansah, ihm zu dienen.

Nur Gott konnte Friedrich aus dem schlimmsten Schlamassel retten

Friedrich war als mindestens tendenzieller Atheist bekannt. Während seiner Schlachten und insbesondere während des Siebenjährigen Krieges von 1756 bis 1763 schien der Preußenkönig Gott dennoch auf seiner Seite zu haben. Über sein militärisches Geschick hinaus rettete ihm so manche göttliche Fügung aus dem schlimmsten Schlamassel. Der Militärhistoriker Dirk Reitz stellte in seinem Vortrag Taktik und Strategie des Preußenkönigs dar. Denn Friedrich war ein Verfechter der neuartigen „Schiefen Schlachtordnung“, welche nur mit „preußischer Disziplin” Erfolg haben konnte. Bis zu den ersten Niederlagen des Siebenjährigen Kriegs galt die friderizianische Armee als unschlagbar.

Reitz wagte Vergleiche mit Caesar und Napoleon. Insbesondere letzterer habe viel von Friedrich gelernt, kopiert und verbessert. Seine taktischen Erläuterungen, die mitunter den Krieg als Spielerei auf dem Reißbrett erschienen ließen, schloss Reitz mit einem klaren Fazit: Friedrich der Große gelte zu Recht als der größte Feldherr des 18. Jahrhunderts. Dies habe er im „Ersten Weltkrieg des 18. Jahrhunderts”, dem Siebenjährigen Krieg, bewiesen. Denn auf den sächsischen und schlesischen Schlachtfeldern habe sich auch das Schicksal Nordamerikas und Indiens entschieden. Reitz wies auf Preußens stärksten Bündnispartner Großbritannien hin, der sich zeitgleich mit Frankreich im internationalen Kolonialkrieg befand.

Kroll: Unter Deutschlands Konservativen galt Friedrich lange als persona non grata

Der Chemnitzer Historiker Frank-Lothar Kroll ordnete den Preußen-Mythos in die deutsche Geschichte nach Friedrichs Tod am 17. August 1786 ein. Bereits zu Lebzeiten des Königs hätte es auch in der Heimat keineswegs nur eine wohlwollende Friedrich-Rezeption gegeben. So verwies Kroll auf die Berlin-Erinnerungen des französischen Schriftstellers Mirabeau. Dieser zeigte sich mehr als erstaunt, weil nach dem Tod des Herrschers die Zahl der Trauernden in Berlin und Potsdam verschwindend gering gewesen sei. Vielmehr hätte der Franzose in den meisten Gesichtern etwas wie „Erleichterung” lesen können.

Wie umstritten das friderizianische Erbe war, bewies die ambivalente Haltung deutscher Konservativer und Romantiker. Nicht allein die katholischen Fraktionen, darunter Novalis und Friedrich Schlegel, hätten den friderizianischen Staat als „mechanisiert” und „seelenlos” kritisiert. Auch der preußische Adel sah im pragmatischen Gestus Friedrich des Großen die Entmythisierung der Monarchie begründet. Bemerkenswert sei jedoch gewesen, dass auch die schärfsten Kritiker des Obrigkeitsstaates klar zwischen dem preußischen Staatsapparat und Friedrich unterschieden hätten. Auch Johann Wolfgang von Goethe habe einerseits die Bürokratie der Frühindustrialisierung in Preußen verachtet, andererseits aber den gebildeten und willensstarken König vergöttert.

Kroll: Friedrich interessierte die deutsche Einheit nicht

Kroll schmunzelte, als er die größten Freunde Friedrichs des Großen im 19. Jahrhunderten nannte. Denn vor allem die Liberalen sahen in ihm das Ideal des toleranten Herrschers verkörpert. Erst im Prozess der Reichseinigung von 1866 bis 1871 konnten sich die konservativen Anhänger Bismarcks für den „Alten Fritz” erwärmen, wenn auch aus falschen Motiven. Wie die Nationalliberalen sahen sie in ihm vor allem einen Vorkämpfer der deutschen Einheit. Doch beide hätten vergessen, dass dieser weniger aus edlen Motiven seine Eroberungsfeldzüge führte, sondern vielmehr im Geiste legitimer Machtpolitik des 18. Jahrhunderts.

Bis heute geistert Friedrich durch die deutsche Kollektivpsyche. Im 19. und 20. Jahrhundert unterlag sein Mythos jedoch einem ständigen Wandel. Erst in der Weimarer Republik habe in allen politischen Lagern ein Friedrich-Mythos geherrscht, betonte Kroll. Deutlich werde dies vor allem in der Person des Schauspielers Otto Gebühr, der den König in den Fridericus-Rex-Filmen in Perfektion gemimt habe. Auch die Nationalsozialisten missbrauchten Friedrich für ihre Zwecke. Im friderizianischen Staat sahen sie einen Vorläufer des nationalsozialistischen Staatsverständnisses. Der NS-Staat habe sich mitunter als Vollendung Preußens glorifiziert, bewies Kroll anhand von Goebbels-Zitaten. Sein formelles Ende habe Preußen durch die Auflösung des Staats seitens der Alliierten am 25. Februar 1947 gefunden.

Trotz allem bleibt der „Alte Fritz” ein Mythos, weil er der deutschen Kollektivpsyche Geschichten und greifbare Bilder liefere, unterstrich Weißmann. Denn ein Volk, dass nichts mehr erzählen könne, sei dem Untergang geweiht. So habe Griechenland Alexander den Großen, Frankreich Napoleon und Deutschland eben Friedrich den Großen. Welche Wirkungsmacht dessen Persönlichkeit besitzt, bewiesen nicht zuletzt die guten Referenten des 20. Berliner Kollegs. Denn Friedrichs Dasein enthält für jede Zeit eine Botschaft. Auch für die unsrige.

Bild: Der Schauspieler Otto Gebühr in Fridericus Rex (1920/21) / Postkarte von 1928

 
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