Startseite Gesichtet Václav Havel II: „Einheit in der Unterschiedlichkeit“? Wiedergeburt Europas mitten im Verfall
Václav Havel II: „Einheit in der Unterschiedlichkeit“? Wiedergeburt Europas mitten im Verfall PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Felix Menzel   
Montag, den 30. Januar 2012 um 04:41 Uhr

Der vor kurzem verstorbene Schriftstellerpräsident Václav Havel war einer der wichtigsten Köpfe der „Samtenen Revolution“ in der Tschechoslowakei. Diese hätte jedoch viel weiter gehen müssen. Sie hätte den ganzen Kontinent erfassen müssen, denn Unser Schicksal ist unteilbar. Ein von Havel unter dieser Überschrift verfaßter Essay aus dem Jahre 1986 skizziert ein freies Europa der Völker, das seine „Einheit in der Unterschiedlichkeit“ sucht und der „Kriminalisierung der Andersartigkeit“ entgegentritt.

Havel predigt keine politische Romantik

Havel war sich sicher, daß ein freies Europa keine Konstruktion von Regierungschefs sein darf. Die Herausforderung sei es vielmehr, die Völker an dieser Einigung teilhaben zu lassen. Es liegt nahe, ihm für diese Vision zunächst politische Romantik zu unterstellen. Hat doch die westliche Zivilisation ein Stadium erreicht, in dem jegliche öffentliche Willensbildung nur über eine Manipulation der Masse laufen kann. Das größtmögliche Zugeständnis an das Volk könnte es daher nur sein, Parteien zwischen Staat und Volk als Vermittler zwischenzuschalten. Von diesen spricht Havel jedoch nicht.

Bewußtsein und Tradition statt Parteien

Er spricht von einem „tiefen Bewußtsein der tausendjährigen gemeinsamen Geschichte und geistigen Tradition“ der Völker, das die Grundlage eines geeinten Europas sein müsse. Dieses Bewußtsein speist sich aus den „Tausenden von Fäden“ der geistigen und politischen Unterschiede der europäischen Völker, die sich im Gesamtverbund jedoch zu einem „einzigen Gewebe verknüpfen“.

Auch hier drängt sich ein Veto auf. Gerade das 20. Jahrhundert lehrt, daß unter diesem geistigen Gewebe tiefe Gräben gefüllt mit unendlich viel Blut verlaufen. Die europäische Katastrophe von 1945 hat eine „Gemeinde der Erschütterten“ hinterlassen, wie der ebenfalls tschechische Philosoph Jan Patocka treffend feststellte. Patocka, den Havel als ein großes Vorbild ansieht, skizziert jedoch auch die positive Kehrtwende aus dieser elenden Situation heraus. Eine gemeinsame Geschichte entstehe „als Aufschwung aus dem Verfall, als die Einsicht, daß das Leben bislang ein Leben im Verfall war und daß es andere Möglichkeiten zu leben gibt, als einerseits für den vollen Magen zu schuften (…), (sich, F. M.) andererseits, privat oder öffentlich orgiastischen Momenten, der Sexualität, dem Kult hinzugeben.“

Die Gemeinde der Erschütterten braucht Ideale, an denen sie sich aufrichten kann

Diese Mischung aus alltäglicher Rationalität und fanatischer Blindheit hat unendliches Leid über Europa gebracht und für die tiefste Identitätskrise gerade des deutschen Volkes gesorgt. Ohne in kulturellen Selbsthaß zu verfallen, muß es diese „Gemeinde der Erschütterten“ dennoch schaffen: Aus dieser Katastrophe heraus das „Ideal einer Art Rekonstitution des europäischen Selbstbewußtseins“ ins Auge zu fassen. Denn nur mit diesem Ideal können Völker selbstbestimmt leben. Geben sie es auf, endet dies zwangsläufig in der Zwangsherrschaft einer mehr oder weniger offenen Despotie.

Für Havel ist dieser Bewußtseinswandel weniger eine Frage der richtigen Politik: „Worum es geht, ist etwas anderes: das unauffällige, je weniger ideologische, desto tiefer und innerlicher gefühlte, alltäglich wirksam geäußerte und so fest wie möglich in den Seelen und Herzen der Völker verwurzelte Bewußtsein von der Einheit unserer Schicksale.“

Bereits im ersten Teil dieses Beitrags wurde betont, daß die westliche Welt vor einer fundamentalen Frage steht: Entweder entscheidet sie sich dafür, mittels Bürokratismus, sanftem Totalitarismus, unreflektiertem Fortschrittsglauben und einer ökonomischen Beschleunigung den erreichten Wohlstand zu halten und weltpolitisch so langsam wie möglich abzusteigen. Oder sie wagt eine Generalrevision der modernen Zivilisation, indem sie auf organische Kräfte, den gesunden Menschenverstand und Eigenverantwortung setzt.

Konsum bis in den Tod oder Verzichten für eine Revitalisierung

Der erste Weg ist der des Konsums bis in den Tod. Der zweite setzt auf eine Revitalisierung der Lebenswelt, die jedoch nur gemeinsam mit einem großen materiellen Verzicht zu haben ist. Nur die freilich unwahrscheinliche Bereitschaft zum Verzicht kann also ein freies Europa, ein Europa der Lebenswelt, der Regionen und der Völker hervorbringen. Aber es bleibt die einzige Alternative, um die verlorengegangene Freiheit zurückzugewinnen. Wie Havel in dem Essay Ereignis und Totalität 1987 richtig erkannte, ist der moderne Mensch vom „totalitären Nichtigwerden“ bedroht, das ihm von außen die Möglichkeit nehme, sein Leben „überhaupt zu beobachten und zu begreifen“.

Damit verbunden ist ein merkwürdiges „Stehenbleiben der Geschichte“. Das öffentliche Geschehen habe so „seine Fallhöhe, Richtung, Spannung, seinen Rhythmus und sein Geheimnis“ verloren. Es bildet sich ein standardisiertes Leben heraus, das von „Großherstellern der Banalität“ produziert wird. Gegen diese Großhersteller eine Front aufzubauen, hinter der ein bewußtes, normales und selbstbestimmtes Leben stattfinden kann, bleibt die große Herausforderung unserer Zeit, der sich nur ein wohlhabender Kulturkreis, der sich im Verfall befindet, stellen kann. Damit kann Havel uns dem Traum vereinter europäischer Wiedergeburt ein ganzes Stück näher bringen.

Literatur:

Jan Patocka: Ketzerische Essays zur Philosophie der Geschichte. Berlin 2010

Havel, Václav: Unser Schicksal ist unteilbar / Ereignis und Totalität. In: ders.: Am Anfang war das Wort. Reinbek 1990

Hier geht's zum ersten Teil des Artikels zu Václav Havel.

(Bild: Martin Kozák/Wikipedia)

 
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