| Friedrich in Amerika: Vom „King of Prussia“ zum Vorläufer des Nationalsozialismus |
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| Geschrieben von: Prof. Dr. Paul Gottfried (Gastautor) |
| Mittwoch, den 08. Februar 2012 um 07:50 Uhr |
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Friedrich: Garant religiöser Toleranz Mehr als andere historische Figuren hat der preußische König Friedrich der Große einen fundamentalen Rufwechsel erlebt. Als ich an der Yale-Universität in Connecticut vor 45 Jahren die europäische Geschichte lehrte, stand Friedrich immer noch in hohem Ansehen. Der schon lange verstorbene Herrscher genoss beträchtliches Renommee. Der akademische Betrieb meiner Universität schätzte ihn rückblickend als Förderer der „Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften“, die vor 1946 noch „Königlich-Preußische Akademie der Wissenschaften“ hieß. Er war es, der eine vernunftsorientierte Herrschaft umzusetzen versuchte, wie auch sein Freund, Korrespondent und Aufklärer Voltaire. Zu einer Zeit, die auf religiöse Toleranz keine großen Stücke hielt, begrüsste Friedrich in seinem Königreich eine Vielfalt von christlichen Glaubensgemeinschaften, einschließlich der protestantischen Sektierer, deren Mitglieder auch die britische Kolonie Pennsylvanien besiedelten hatten. In leuchtendsten Farben: Die amerikanischen Protestanten feierten Friedrich Unweit von Philadelphia und meiner Heimat liegt eine Ortschaft, die den bezeichnenden Namen „King of Prussia“ trägt. Obwohl der Standort jetzt nur noch ein weiträumiges Shoppingcenter mit laufendem Gedränge bietet, diente das Gelände als einstiger Zufluchtsort für abweichende Protestanten aus Mitteleuropa. Die Einwohner benannten den Ort nach Friedrich, der für sie die Idee der Religionsfreiheit in Europa verkörperte. Diese „Pennsylvania Dutchmen“ bejubelten den Sieg Friedrichs gegen die Armeen der Habsburger und ihren Alliierten. In England und in den amerikanischen Kolonien wurden die gewöhnlich eintönigen Häuser der protestantischen Gemeinden munter und glänzend aufgeleuchtet, als Friedrich gegen die besser ausgestatteten Truppen des Reiches und der Kaiserin Maria Theresa in der Schlacht bei Leuthen am 5. Dezember 1757 siegte. Da galt es auch als Nebensache, dass Friedrich sich im Unterschied zu seinen tiefgläubigen, calvinistischen Eltern als religiöser Skeptiker erwies. Und obgleich auch Friedrich über „jüdische Schacherer“ wetterte, ließ er viele, meistens aus dem Osten stammende, jüdische Gewebetreibende in seinem Lande ihre Wohnsitze aufrichten. Diese damals prinzipiell verhöhnte Minderheit, wie ungehobelt sie auch aussah, konnte laut Friedrich „gebraucht werden“. Sie würde der Wirtschaft Vorschub leisten. Wegen dieser praktischen Haltung entwickelte sich ein jüdisches Bildungsbürgertum, woran auch Jahrhunderte später prominente Familiennamen wie Mendelssohn und Varnhagen erinnern sollten. Ohne Friedrich einen unverdienten Philosemitismus anzurechnen, wäre es gerecht, ihn nach dem damals geltenden Maßstab zu bewerten. Demnach hat er vieles geleistet, um den Juden den Aufstieg in das aufsteigende Bürgertum zu ermöglichen. Historisch legitim: Der Einmarsch in Schlesien verletzte nicht das Völkerrecht Die provokante These des englischen Historikers George Peabody Gooch, laut der die preußische Annektion Schlesiens zu den scheußlichsten Verletzungen des Völkerrechtes in der neueren europäischen Geschichte zu zählen sei, wurde von meinen Professoren schlicht abgelehnt. Vielmehr betrachteten auch meine Kollegen diese Thesen im Kontext einer britischen Deutschenfeindlichkeit während des Zweiten Weltkriegs. Wegen des Kampfes gegen das Dritte Reich ließ sich Gooch instrumentalisieren. Er legte einen Territorialkrieg des 18. Jahrhunderts, der unter örtlich eingegrenzten Hausmächten in Gang gesetzt wurde, einseitig aus. Denn Friedrich nahm sich sein Recht, eben nur auf militärische Weise. Denn die im gleichen Jahr wie Friedrich an die Macht kommende Maria Theresia prellte dessen Vater, König Friedrich Wilhelm I., um das versprochene Schlesien. Ohne das Zugeständnis Friedrich Wilhelms I. wäre es für die Tochter des hingeschiedenen Heiligen Römischen Kaisers Deutscher Nation bei weitem schwieriger gewesen, ihre Regentschaft anzutreten. Maria Theresia betrog Friedrichs Vater um Schlesien Wegen der Salischen Erbfolge wäre für die Nachfolgerin, Maria Theresa, der Weg zum Reichsthron versperrt gewesen. Das aus der Zeit Karls des Großen stammende Gesetz sah vor, dass Frauen prinzipiell keine Krone erben konnten ? selbst wenn es keinen männlichen Nachfolger für den Thron gab. Um dieses Gesetz umgehen zu können, benötigte sie die Zustimmung des brandenburgischen Kurfürsten. Für das Einverständnis seines Vaters verlangte Friedrich 1740 den versprochenen Lohn: Schlesien. Eine Freveltat welthistorischen Ausmaßes war seine Handlung keineswegs, auch wenn sie die Wirren der Österreichischen Erbfolge lostrat. Für Schlesiens Protestanten etwa bedeutete der Einmarsch preußischer Truppen zugleich das Ende langjähriger religiöser Repressalien. In den USA gab es einen Kurswechsel bezüglich der Friedrich betreffenden Publizistik, der bei seiner Wiederbestattung 1991 in Erinnerung gerufen wurde. Dieses Ereignis wurde in amerikanischen Zeitungen, und vor allem in der maßgeblichen New York Times, umfangreich behandelt, inklusive der Klarstellung, dass der Sarg mit Friedrichs Leichnam im Laufe der Bombardierung von Berlin seiner Grabstätte entzogen und auf eine besser befestigte Stelle übertragen wurde. Irreleitend legten die Darstellungen den Akzent auf Friedrichs positiven Anklang bei den Deutschnationalen und den Nationalsozialisten. Friedrich, Bismarck, Hitler So verfestigte sich in den 1990ern Jahren das Bild, dass Friedrich den deutschen Militarismus einführte und dass er dem Alptraum der Hitlerzeit den Weg ebnete. Es fehlte an widerlegenden Eckdaten. Denn der Preußenkönig war vor allem ein Förderer von Kunst und Kultur. Nach den Schlesischen Kriegen wendete sich der Alte Fritz mannigfaltigen Kunsttätigkeiten zu, die u. a. französische Geschichtsschriften, architektonische Anlagen und musikalisches Schaffen nach klassischer Art umfassten. Der deutschen Sprache und dem damals aufkeimenden deutschen Literatentum war Friedrich grundsätzlich abgeneigt. Ihn trotzdem in die Nähe der Deutschtümelei zu rücken, widerspricht den historischen Tatsachen. In seinen letzten Jahren beschäftigte der Alte Fritz sich mit der Erstellung eines nach seinem Tod 1786 eingeführten Landrechts. Alle Staatsbürger galten demnach als gleich. Umso befremdender erscheint es, eine solche Figur als Vorläufer des Dritten Reich zu sehen, auch wenn Hitler Friedrichs militärische Kunstfertigkeit anpries. Vielmehr färbte die deutsche Vergangenheitsbewältigung auch auf den US-amerikanischen Journalismus ab, wenn sie nicht bereits früher fruchtete. In der Bearbeitung deutscher Geschichtsthemen schlägt diese Überschneidung eindringlich durch. Die negative Verklärung des großen Friedrichs zeugt von einem weitgehenderen Zeitzug, der über den preußischen Herrscher hinausgreift. Er spiegelt sich in der überstürzten Uminterpretation einer Reihe von deutschen politischen und kulturellen Prominenten als Nazi-Vorboten wider. Leider drang auch in den USA diese Lesart widerstandslos durch. Zur Liste der Verbrämten gehören Bismarck, der in der neueren Biographie von Jonathan Steinberg als Vorbereiter des Abgrunds genannt wird. Obwohl die einschneidenden Ereignisse kleinteilig behandelt sind, fühlt sich Steinberg motiviert, die einführenden und abschließenden Seiten seines Reißers mit deutschen- und bismarckfeindlichen Äußerungen zu versehen. In anderen amerikanischen Werken sind Kant und Hegel mit Fragezeichen angestrichenen, wenn nicht zu regelrechten Wutrassisten herabgestuft. In ihren anthropologischen Nebenbemerkungen fände man, so Steinberg, den einstigen Allgemeinplatz, dass die verschiedenen Rassen der Welt als erkenntnismäßig unterschiedlich abzustufen seien. So bleibt es noch offen, ob die Deutschen ihrer königlich-preußischen Geniegestalt den angemessenen Tribut zollen werden. Doch zu diesem Zweck müssen sie sich, ebenso wie die US-Amerikaner, zuerst von der Deutungshoheit der Eliten lösen. (Bild: Friedrich-Denkmal in Knock, Ostfriedland. gerrit/flickr.com) |