| In der Menschenkette mit den Guten: Zwischen Trauer und Volksfest am 13. Februar in Dresden |
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| Geschrieben von: Felix Menzel |
| Dienstag, den 14. Februar 2012 um 14:02 Uhr |
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Der 13. Februar ist für Dresden ein ganz besonderer Tag. Das ganze Jahr über wird für diesen ganz besonderen Tag getrommelt. Möglichst jeder Bürger soll in die Innenstadt kommen, um sich in eine große Kette einzureihen. An der Universität üben kleine Gruppen bereits Monate vorher Theaterstücke ein, um sie dann am 13. Februar auf der Straße aufzuführen. An keinem Tag im Jahr kommt zudem so viel Prominenz nach Dresden. Bei einem Gang über das Volksfest begegnet man der Linken-Chefin Gesine Lötzsch, dem Bundestagsvizepräsidenten Wolfgang Thierse (SPD), dem sächsischen Ministerpräsidenten Stanislaw Tillich (CDU) und allerlei anderen Hochkarätern. Sie präsentieren sich zum Anfassen nah und reihen sich wie Jedermann in diese Kette ein. Hand in Hand mit Wolfgang Thierse Jeder anständige Mensch weiß: „Wo man singt, da laß' dich nieder, böse Menschen haben keine Lieder.“ Schrecklicherweise gibt es auch an diesem Tag böse Menschen, die den Frieden und die gute Stimmung stören. Sie wollen an diesem Rosenmontag einen Trauermarsch durchführen. Warum, weiß keiner der Bürger so recht. Es heißt über die Demonstranten, sie würden so ihren Fremdenhaß, ihre Menschenverachtung und ihr falsches Geschichtsbild zum Ausdruck bringen. Irgendwie muß das ja auch stimmen, sonst würden sie doch einfach beim Volksfest mitmachen. Gesehen hat sie aber niemand. Sicher ist das auch besser so. Schlimm ist nur, daß Tausende von Polizisten auf diese bösen Menschen aufpassen. Das trübt die Stimmung auf dem Volksfest doch erheblich, da den ganzen Tag Hubschrauber über der Stadt kreisen, laute Polizeisirenen zu hören sind und an manchen Ecken auch Feierlustige festgehalten werden, weil sie es übertrieben haben sollen. Trotzdem: Der Tag ist gelungen. Man kann sich mit Tee wärmen. Es gibt Bratwürste und was am späten Abend in der einen oder anderen Kneipe abgeht, bleibt das Geheimnis der Bürger und ihrer Gäste. Der 13. Februar ist das Band, das die Stadt und unser Volk vereint Der 13. Februar 2012 in Dresden – er ist ein Tag, an dem Jung und Alt, Reich und Arm, Dick und Dünn, Groß und Klein zusammenkommen. Er ist das verbindende Band dieser Stadt und dieses Volkes, das sich ansonsten nichts mehr zu sagen hat. Sonst geht jeder seine eigenen Wege, befriedigt seine eigenen Bedürfnisse und fühlt sich dennoch einsam, ohne diese Einsamkeit artikulieren zu können. Auch in der Kette stehen zunächst nur massenweise Einzelne, aber dann, Punkt 18 Uhr, läuten die Glocken und die Bürger der Stadt fassen sich mutig an den Händen und merken dabei, daß es schön ist, wenigstens eine Viertelstunde eine Gemeinschaft zu spüren. Jede Gemeinschaft zerbricht, wenn sie ihre Rituale aufgibt, über keine identitätsstiftenden Symbole mehr verfügt und sich ihrer Mythen nicht mehr erinnert. Aus diesem Grund reicht es auch nicht aus, nur zu feiern. Das Volksfest braucht eine Bedeutung, damit sich die Urenkel positiv an ihre Ahnen erinnern können. Die Stadt und ihre literarischen Helfershelfer haben sich deshalb eine Heldensage für diesen Rosenmontag, für den 13. Februar 2012, überlegt. Widerstand gegen fremde Invasoren mit der Weißen Rose am Revers Die paar hundert Teilnehmer vom Trauermarsch spielen darin eine entscheidende Rolle. Die Großerzähler der Stadt behaupten nämlich einfach, diese kleine Gruppe stünde kurz vor der Machtübernahme. Sie wolle die Stadt erobern und dann ganz viele Menschen auslöschen, so wie das schon einmal war, als die Bürger noch nicht wußten, was gut und was böse ist. Gegen die feindlichen Invasoren könne man sich folglich nur noch mit vereinter Kraft verteidigen. Dazu braucht es viele mutige Menschen, weil die Stadt keine hohen Mauern mehr hat. Die Bürger selbst müßten deshalb einen Schutzwall um die Stadt legen und dafür ihr eigenes Leben aufs Spiel setzen. So viel Mut zeigten in der deutschen Geschichte noch nicht viele. Einzig die Geschwister Scholl, Mitglieder der Widerstandsorganisation „Weiße Rose“, können als positives Beispiel dienen. Im Jahre 1943 mußten sie diesen Mut sogar mit ihrem Leben bezahlen. So couragiert müssen wir nun erneut sein und uns opfern, damit sich die Geschichte nicht wiederholt. Es ist bereits fünf vor zwölf, oder soll es zumindest sein, damit die Heldensage funktioniert und die Weiße Rose am Revers ihre Berechtigung hat. Die Heldensage über den 13. Februar ist wie die Geschichte über den Weihnachtsmann Wie verhält sich aber nun der Einzelne, wenn er weiß, daß diese Heldensage Unsinn ist? Obwohl wir wissen, daß sie falsch ist, kann ja trotzdem jede Weihnachtsmanngeschichte ihren Zweck erfüllen. Zum Beispiel ist es ja hin und wieder ganz gut, das eigene Gewissen zu beruhigen. Jeder anständige Mensch geht einmal im Jahr ins Pflegeheim zur todkranken Großmutter, kreuzt auf dem Geburtstag des Onkels auf, obwohl er ihn nicht leiden kann und der dritte Pflichtbesuch im Jahr bleibt eben dieser 13. Februar. Natürlich weiß der Bürger, daß hier nur mit Illusionen gespielt wird, aber es kostet eben auch nur eine unerhebliche Anstrengung, an einem Montagabend nach der Arbeit sich eine Weiße Rose anzustecken und sich kurz eine Viertelstunde in der Menschenkette gut zu fühlen. In 40 Jahren fragen dann die Enkel, wenn sie das Geschichtsbuch durchblättern, ob denn der Opa damals auch die Stadt mitverteidigt hat. Man kann dann eine schöne Geschichte erzählen und sich nochmal gut fühlen. Was will man mehr? Zudem trifft man alte Bekannte, die man sowieso nur einmal im Jahr sehen will. Man holt sich seine Bratwurst und wenn man Glück hat, kommt man sogar ins Fernsehen oder die Zeitung. Jeder darf sich gut fühlen. Auch ich! Es ist eine Win-Win-Situation für die 13.000 Teilnehmer der Menschenkette. Die Schüler erzählen ihrer Geschichtslehrerin jetzt, daß sie ausnahmsweise mal brav waren und ihrem Aufruf gefolgt sind. Dafür gibt es das nächste Mal bessere Noten. Die Geschichtslehrerin freut sich auch, weil ihre Zivilcourage Wirkung gezeigt hat. Die Stadt Dresden darf ebenfalls glücklich sein. Sie hat nicht tatenlos zugesehen und außerdem konnte sich jeder Lokalpolitiker ein paar Minuten bürgernah zeigen.
Abseits des Trubels: Die stille Revolution des Geistes! Der Trubel und das Blitzlichtgewitter sind trotzdem groß. Der Ministerpräsident hält bereits Händchen für die Kameras, als es offiziell noch gar nicht losgeht, und bei all der Aufregung vergißt beinahe die ganze Stadt, was im Inneren geschieht. Eingekreist von der Menschenkette findet sich ein kleines Grüppchen, das in kein Klischee paßt. Vor der Frauenkirche, dem Symbol des gelungenen Wideraufbaus Dresdens nach der totalen Zerstörung von 1945, suchen vielleicht 150 Menschen die Stille. Auch sie stehen zwar um eine leuchtende Rose herum, aber das liegt sicher nur daran, daß sie einfach gedenken wollen und keinen Gedanken an den Symbolfetischismus der Großerzähler der Stadt verschwenden. Nach ihrem stillen Gedenken gehen sie in die Frauenkirche und hören den Erinnerungen der Zeitzeugin Ursula Skrbek zu. Am 13. Februar 1945 wurde sie bis zu den Armen verschüttet und zum Glück rechtzeitig gerettet. Ihr Vater starb in jener Nacht genauso wie alle Bewohner des Nachbarhauses. Wer hier zuhört, gehört zum anderen Dresden: zum Dresden der stillen und friedlichen Revolution des Geistes. Mehr ist an einem solchen Tag während eines Volkfestes, das die Massen erfaßt, nicht möglich und auch nicht angemessen. |