Startseite Gesichtet Als Hitler die Kunst aus Deutschland vertrieb
Als Hitler die Kunst aus Deutschland vertrieb PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Benjamin Jahn Zschocke   
Montag, den 08. September 2008 um 02:00 Uhr

Bauhaus DessauBereits im Jahre 1933 beschlossen die Nationalsozialisten das Bauhaus, eine bis heute einzigartig komplexe interdisziplinäre Kunsthochschule, zu schließen und trieben viele seiner Mitglieder ins unweigerliche Exil. Dieses Vorgehen basierte auf der nationalsozialistischen Kunstideologie, welche im krassesten Kontrast zu der liberalen Kunstauffassung der Bauhaus-Lehrer und -Schüler stand. Die Frühzeitigkeit und Härte dieser Entscheidung illustriert die Tiefe der sich inhaltlich widersprechenden Kunstauffassungen. Somit zählen die Künstler des Bauhaus zu den frühesten Opfern des NS-Regimes überhaupt.

Viele seiner Mitglieder siedelten 1933 nach den USA über und begründeten dort die weltweit bedeutende Schule der modernen (Industrie-)Architektur großen Stils. Dem Handeln Hitlers ist es zu „verdanken“, dass der überwiegende Prozentsatz der frühen Wolkenkratzer in den USA von Deutschen geplant und entwickelt wurde und ferner ein Großteil der künstlerischen Arbeiten aus der Zeit zwischen 1930 und 1945, heute unwiederbringlich in US-amerikanischen Museen verschwunden ist.

Neue Sachlichkeit und industrielle Kunst

Mit dem ersten großen Krieg endete die emotional vollkommen überfrachtete Epoche des Expressionismus in Malerei, Bildhauerei, Theater und Literatur – die lyrischen Gesänge, welche noch bis kurz vor dessen Ausbruch die drohenden Kriegskreuzer am Horizont der europäischen Geschichte ignorierten und das Wissen um die unmittelbare Gefahr ihren jugendlich-unreifen Träumereien opferten, wurden nach seinem Ende von der allgemein herrschenden Ernüchterung erfasst, welche sich in der Kunst zur sogenannten „Neuen Sachlichkeit“ formierte. Der Lärm des Expressionismus wich nun einer gelähmten Ruhe, der barocke Zierrat seiner Kunstwerke fiel ab, wie der Putz deutscher Kriegsruinen und räumte nur noch dem Nötigsten eine Existenzberechtigung ein: Dieser Trend des Formen-, Farben und Materialminimalismus setzte sich schnell fort und fand fortan rasche Verbreitung und große Anhängerschaft in allen Bereichen der bildenden-, angewandten- und darstellenden Kunst.

Der Architekt Walter Gropius (1883-1969) gründete genau in dieser wenig optimistischen Phase der deutschen Geschichte, also im Jahre des Versailler Diktates 1919, die spätere Kunst-, Architektur- und Design-Hochschule Bauhaus in Weimar, welche unmittelbar aus der „Vereinigten ehemaligen großherzoglich sächsischen Hochschule für bildende Kunst“ hervorging. Der revolutionäre Ansatzpunkt dieser neuen Hochschule formulierte die Auffassung, ein Kunstwerk fortan als „Produkt“, also als Objekt und nicht länger als Subjekt zu verstehen, etwas, das nicht in jedem Falle vom Individualismus des Künstlers durchdrungen sein musste und nur durch und mit ihm existieren konnte, wie im vorangegangenen Expressionismus. Nach Abschluß des künstlerischen Schöpfungsaktes konnte und sollte es beliebig zu vervielfältigen sein. Zwar bezog sich dieser Ansatz zunächst weniger auf die Malerei und die Graphik, dafür um so intensiver auf die industrielle Fertigung von Interieur- und Designgegenständen – und nicht zuletzt auf den neuen Ansatz in der Architektur. Auf diese Weise manifestierte sich der Begriff der industriellen Kunst, welcher erst 50 Jahre später von den Künstlern der Pop Art, vor allem von Andy Warhol, wieder aufgenommen und schließlich perfektioniert wurde.

Vernetzung der Disziplinen und einmalige Freiheiten

Das oberste Ziel der Baushaus-Kunst war das Gesamtkunstwerk – ein im Stil der Neuen Sachlichkeit geplantes Wohn- und oder Geschäftshaus, in welchem vom Stuhl, über die Bodenbeläge, bis hin zu den Gardinen, Tapeten, Besteck und Türklinken alles aus einer Hand kam. Das Bauhaus Bauhausverband den Entwurf, die Planung und die Herstellung aller dieser Teilgebiete zu einem großen, künstlerisch perfekten Endergebnis. Und so hieß es schon 1919 im „Programm des Staatlichen Bauhauses Weimar“: „Das Bauhaus erstrebt die Sammlung alles künstlerischen Schaffens zur Einheit, die Wiedervereinigung aller werkkünstlerischen Disziplinen – Bildhauerei, Malerei, Kunstgewerbe und Handwerk – zu einer neuen Baukunst als deren unauflösliche Bestandteile. Das letzte, wenn auch ferne Ziel des Bauhauses ist das Einheitskunstwerk – der große Bau – in dem es keine Grenze gibt zwischen monumentaler und dekorativer Kunst.“

Zur Umsetzung dieser neuen Leitziele und vor allem zur effizienten Gestaltung der industriellen Fertigung der Produkte organisierte man das Bauhaus in verschiedenen Werkstätten, welche die unterschiedlichen Lehrdisziplinen in sich vereinten. Es gab unter anderem Werkstätten für die Herstellung von Schmuck, Mode, Alltagsgegenständen, wie Porzellan, Geschirr, Lampen, Besteck und Möbel und selbst eine hauseigene Weberei war vorhanden. Alle diese Kunstwerke und Kunstgegenstände waren ihrer äußeren Erscheinung nach von höchster Schlichtheit in Form und Material, zugleich aber von hochwertigster Verarbeitung und geometrisch zurückhaltendem Design.

Waren Kunsthochschulen bis dato nach dem Prinzip „Alle lernen das Gleiche“ organisiert gewesen, konnten sich die Studenten nun entsprechend ihrer Neigungen für die Arbeit in einem der vielen Teilgebiete entscheiden, die nicht nur aus der Weiterbildung in den Werkstätten bestand, sondern auch eine Ausbildung in Malerei, Graphik, Bildhauerei, Schauspiel oder Tanz umfassen konnte. Im „Programm des Staatlichen Bauhauses Weimar“ klang das so: „Das Bauhaus will Architekten, Maler und Bildhauer aller Grade je nach ihren Fähigkeiten zu tüchtigen Handwerkern oder selbstständig schaffenden Künstlern erziehen und eine Arbeitsgemeinschaft führender und werdender Werkkünstler gründen, die Bauwerke in ihrer Gesamtheit – Rohbau, Ausbau, Ausschmückung und Einrichtung – aus gleichgeartetem Geist heraus einheitlich zu gestalten weiß.“

Die Bauhaus-Pädagogen erkannten also bereits sehr früh die Notwenigkeit einer talentbezogenen Förderung der Studenten und organisierten so eine völlig neue Lernkultur, welche in ihren Teilen ein Ganzes bildete und jedem die Freiheiten ließ, die er zu seiner künstlerischen Entfaltung bedurfte. Es ist nur zu verständlich, dass ein solch liberaler pädagogischer Ansatz in einer vom Wilhelminismus bis ins Mark geprägten Gesellschaft nicht nur auf Befürworter stieß. Die vom Bauhaus entwickelte Lern- und Lehrkultur war vollkommen im Geiste der damals allerorten entstehenden Reform- und Förderschulkonzepte verankert. Nie wieder gab es in der deutschen Kunstgeschichte eine Epoche, die freier und zugleich hochwertiger und produktiver war als die Ära des Bauhauses.

Brennglas der Kreativität  und weltweite Bedeutung

Im Jahr 1925 strich die Stadt Weimar die Geldmittel für die Lehreinrichtung, was einen Umzug nach Dessau nach sich zog. Bis zur Schließung 1933 und einem erneuten Umzug 1932 nach Berlin entstanden dort nicht nur ein Großteil der heute weltweit bekannten architektonischen Kleinode und Denkmäler, wie zum Beispiel die Meisterhäuser, sondern auch der bis heute fortdauernde weltweite Ruhm. Dieser lag einerseits in der Perfektionierung der in Weimar begonnenen Reformleistungen begründet und andererseits setzte man mit modernsten Technologien eine vollkommen neue Bauweise in die Tat um. Die bereits in Weimar manifestierten gestalterischen Eckpunkte, welche von schlichter Form- und Farbgebung ebenso bestimmt waren, wie von höchster Präzision, fanden nun auch im Bau ihre konsequente Fortsetzung. Die neuen Werkstoffe hießen Stahl, Glas und Beton. Die neuen Planungsziele waren Schaffung von Freiraum, Licht und Luft, in Kombination mit höchstem Komfort und modernster Technik.

Der sogenannte Dessauer Funktionalismus prägt die moderne Architektur bis heute und kann vor allem in Europa und den USA als der Anfangspunkt in der Entwicklung bezeichnet werden. Die ungewöhnlich hohe Konzentration an herausragenden Künstlerpersönlichkeiten ließ das Bauhaus zur einzigartigen Ideenschmiede werden, die ihrer Zeit mehr als nur einmal voraus war. Bis heute sind die Namen der Designerin Marianne Brandt, der Architekten Walter Gropius und Ludwig Mies van der Rohe sowie der Maler und Kunstwissenschaftler Johannes Itten, Paul Klee, Lyonel Feininger, Oskar Schlemmer und Wassily Kandinsky weltweit bekannt und geschätzt. Nach dem abrupten Ende des Hochschulbetriebes im Jahre 1933 wurden viele der in Weimar und Dessau entwickelten Ideen und Konzepte im Ausland, allen voran den USA, weitergeführt. Dabei entfaltete sich besonders die Architektur zu einer ungeahnten Blüte. Von den ideologischen Zwängen ihrer früheren Heimat befreit und von einem ungeheuren Bedarf an Wohn- und Geschäftsbauten in den wachsenden Großstädten Nordamerikas zu wahren Höchstleistungen angetrieben, prägten vor allem die Architekten Gropius und Mies van der Rohe das Gesicht der neuen amerikanischen Städte.

Quelle und empfehlenswerte Literatur: Magdalena Droste: „Bauhaus“. Herausgegeben vom Bauhaus-Archiv Museum für Gestaltung/ Berlin, Benedikt Taschen Verlag, Köln, 1998

 
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