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Innere Emigration: Passivität oder Heldentum PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Benjamin Jahn Zschocke   
Dienstag, den 23. September 2008 um 02:00 Uhr

Werner-Bergengruen-Briefmarke„Mag die Zeit uns bestreiten, wir lassen es ruhig gescheh’n, wir kommen aus anderen Zeiten, und hoffen in And’re zu geh’n.“ Wenngleich dieser Sinnspruch mit seinem anklingenden „ruhig“ etwas passiv anmuten mag, so trifft er doch in seinem Kern genau jene geheimnisvolle Mystik des Ausharrens und Standhaltens des unbeugsamen Idealisten gegenüber unerhörten, kulturfeindlichen und widersinnigen Zeiten. Ein klares „Arbeiten statt klagen – immer dem Ziele zu!“ muss deshalb auch unser heutiges Credo sein. So bemühen wir eine ähnliche Grundeinstellung wie viele Autoren, Künstler und Gelehrte der Inneren Emigration, die diese zwar nicht unmittelbar auf den Lippen trugen, so aber doch immer im Geiste.

Doch wer sind „wir“ überhaupt? Eingeschlossene in einer Enklave des Geheimen Deutschland? Verborgene in mittelalterlich anmutenden Dörfern ohne Fernseher und Telefon? „Anachronistische“ Anhänger der Konservativen Revolution oder einfach die vielzitierten Fremden im eigenen Land? Wie kurz oder lang ist der Weg von einer bloßen Entfremdung hin zu einer glasklaren und sich bedrohlich ballenden Kampfansage von außen, welche die eigene Existenz, die des Inneren Emigranten, zu bedrohen beginnt?

„Der deutsche Gruß (...) wird weder von ihm noch von seiner Familie angewendet.“ So beurteilte das Gaupersonalamt München die politische Brauchbarkeit des baltisch-deutschen Schriftstellers Werner Bergengruen, der sich klar für die Innere Emigration während des Dritten Reiches entschied. Es ist leicht verständlich, was solche und andere in dem Bericht folgenden Einschätzungen für einen Querdenker wie Bergengruen in der NS-Zeit bedeutet haben müssen: ein Leben unter dem Damoklesschwert einer sich immer brachialer und antikultureller artikulierenden Gewaltherrschaft, in welcher die Luft mit jedem Tag dünner wird.

Innere Emigranten: Bergengruen, Jünger, Benn

Bergengruen zählt neben den Schriftstellern Ernst Jünger und Gottfried Benn zu den heute bekanntesten Vertretern der Inneren Emigration, welche in der Zeit von 1933 bis 1945 trotz zunehmender Gefahr für Leib und Leben, nicht aufgaben und ihr Land trotz alledem nicht verließen. Stellt man sich freilich die Frage, ob ein Gottfried Benn, in Zeiten der NS-Diktatur offen als „Kulturbolschewist“ diffamiert und mit Schreibverbot belegt, mit seinem Ausharren mehr erreicht hat, als etwa eine Sophie Scholl oder ein Klaus Mann, kommt man zu dem Schluss, dass sein Einsatz zwar „geringer“ war, dafür aber der wirkliche Nutzen höher. Denn was nützte Sophie Scholl das sinnlose Opfer ihres jungen Lebens? Was nützte Klaus Mann seine Flucht in den Westen, welche ihm nicht nur die fremde Sprache brachte, sondern auch Wurzellosigkeit, Einsamkeit und Entfremdung?

Dies soll indes nicht bedeuten, dass ihr Einsatz an sich nicht bewundernswert gewesen wäre, jedoch drängt sich zumindest im direkten Vergleich der Künstler untereinander die Erkenntnis auf, dass nur ein in seiner Kultur und Heimat wirklich Verwurzelter ehrlich schaffen kann und zu verändern imstande ist  – besonders wenn er ein Künstler des Wortes ist.

Der regimekritische Roman Jüngers „Auf den Marmorklippen“ und Bergengruens Gedichtband „Der ewige Kaiser“ waren, wenngleich verboten, dennoch für den Deutschen irgendwie greifbar und erhältlich und konnten in den Köpfen Gleichgesinnter mehr bewirken, als eine politisch übersäuerte Kampfschrift eines Klaus Mann, welche in Amsterdam gedruckt, dem Deutschen in ihrer Heimat keinerlei echte Stütze sein konnte.

Lauter Kampf oder stilles Ausharren?

Es steht die Überlegung im Raum, ob Einschließen, also Innere Emigration, passiver ist und somit nicht am Ende möglicherweise weniger Kämpfe erfordert, als ein auf den ersten Blick an tragischen Heroismus erinnerndes Emigrieren. Dies kann nur unter dem Gesichtspunkt des allgemeinen gesellschaftlichen Nutzens bewertet werden: Was nützt ein Todesopfer mehr gegen eine Hand voll unbeirrbarer Schriftsteller?

Die Vergangenheit lehrt, dass der Kampf der Emigration dem der Inneren Emigration ins nichts nachsteht und ein ähnliches Quantum an Mut und Einsatz verlangt. Während in Deutschland der Emigrant und Aktionist stets als Held wahrgenommen wurde, blieb für den Ausharrenden nur die Rolle des Feiglings. Im Briefwechsel zwischen Gottfried Benn und Klaus Mann wird dies deutlich.

Nicht nur in den Berichten von vor dem NS-Regime geflohenen Künstlern, sondern auch in denen der unzähligen vom Moloch des Kommunismus Vertriebenen, ist zu lesen, dass allesamt mit schwersten Identitäts- und Existenzproblemen konfrontiert wurden. So schreibt Klaus Mann in seinem „Wendepunkt“, dass die Selbstmordrate im Exil unfaßbar hoch war. Ein Fakt der für sich spricht, besonders in Anbetracht Manns’ eigenen Freitods, der zwar erst 1949 erfolgte, aber eine direkte Folge seiner persönlichen Entwurzelung und Perspektivlosigkeit darstellte.

Die Gefahr einer jeden ideologischen Geschichtsschreibung liegt immer in der Umdeutung von Tatsachen und in der Verklärung durch Mystifizierung. Es ist darum nur zu verständlich, dass die heutige BRD-Geschichtsauffassung eine Sophie Scholl als Heldin feiert, obwohl sie „nur“ Flugblätter verteilte und die Mitglieder der Inneren Emigration  mit einem abwertenden Unterton und mit dem Hauch eines Widerwillens behandelt. Das Handeln der Inneren Emigranten war die Tat reifer Männer, die allesamt genau wussten, was sie wollten und denen man den Vorwurf der Schwäche und Rückratlosigkeit nicht stellen kann.

Auch wir …

Und dennoch kann hier keine Universallösung gefunden werden. Niemand der heute Lebenden kann die damaligen Zustände wirklich beurteilen. Fakt ist jedoch, dass man vor der Frage nach Passivität oder Heldentum von Einschließen oder Emigrieren stets die Frage nach dem persönlichen Anspruch auf Wirkung stellen muss. Will man einem Bergengruen gleich, in Deutschland, im eigenen Land, bleiben und es vielleicht sogar verändern oder will man sich selbst verwirklichen und ein leuchtender (aber meist schnell verglühender) „Star“ gleich einem Klaus Mann werden oder ist man gar als Wissenschafter beziehungsweise als Ingenieur unabhängig von jeglicher Politik und gezwungen, gleich einem Einstein oder Gropius, das Betätigungsfeld in freiere Länder zu verlegen? Die Frage ist also: „Will ich mich verwirklichen – oder soll mein Werk sich entfalten?“ – „Will ich der Sache dienen – oder nur mir selbst?“

Betrachtet man nun vergleichend die Situation eines Inneren Emigranten der NS-Zeit und der unsrigen, werden schnell einige offenkundige Parallelen sichtbar. Ein junger Konservativer, ein junger Rechter, aber auch ein Globalisierungsgegner und selbst ein Heimat- und Naturfreund sieht sich heute einem mehr oder minder großen Misstrauen der Sinngeber unserer Zeit ausgeliefert. In den letzten Jahren wandelt sich das Misstrauen in spürbare Verschärfung, in Ablehnung bis hin zur offenen Bekämpfung. Besonders die Rechte wird mit EU-Fördergeldern und anderen Finanzspritzen für „Zivilcourage“ zunehmend mundtot gemacht.  Für die Rechte hat die Öffentlichkeit zweierlei Recht eingeführt: eines für die Guten, eines für die Bösen.

Befreiung aus einer süß-klebrigen Sirupmasse

Der rechte Freigeist sieht sich von einer süß-klebrigen Sirupmasse an Gutmenschlichkeit umgeben, welche ihn mit Weichheit zu ersticken droht. Durch bewusst inszenierte – geistige und körperliche – Weichheit, erscheint der Rechte wie der Elefant im Porzellanladen, der all die multikulturellen und homoerotisierenden Workshops nicht besucht und sich statt dessen der „Barbarei“ einer Mensur oder dem inneren Ringen geistiger Kämpfe und Erkenntnisse aussetzt.

Wenngleich für unsereins derzeit keine Frage nach einem Exil stehen kann, wo sollte dieses sich auch befinden, besteht aber mehr und mehr die Notwenigkeit zur Produktion einer Gegenkultur. So müssen auch wir uns die Frage nach einer Inneren Emigration stellen: Müssen wir von innen heraus kämpfen? Ja, wir müssen!

 
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