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Lovis Corinth: Aufbruch in die deutsche Moderne PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Simon Meyer   
Mittwoch, den 14. Januar 2009 um 02:00 Uhr

"Selbstporträt mit Skelett", 1896 Aus Anlass des 150. Geburtstages Lovis Corinths im vergangenen Jahr, dem großen Konservativen der klassischen Moderne, wird dem Maler unter dem Titel „Lovis Corinth und die Geburt der Moderne“ eine Ausstellung gewidmet, die viele der wichtigen Bilder Corinths vereint. „Geburt der deutschen Moderne“ wäre als Titel wohl noch treffender gewesen, hat sich Corinth doch dezidiert als Vertreter einer deutschen Moderne gesehen. Noch bis zum 15. Februar 2009 wird die Ausstellung nach Paris und Leipzig nun in Regensburg als dritter und letzter Station gezeigt.

Der Eintritt kostet sieben Euro, ermäßigt vier Euro. Dort kann man auch eine kommentierte Zusammenstellung der gezeigten Werke in einem Ausstellungskatalog erwerben. Dabei fällt dessen Bewertung zwiespältig aus. Die Darstellung der Bilder ist sicher gelungen, Wermutstropfen bleibt jedoch der Textteil, sowohl in der Kommentierung der Bilder als auch in den biographischen Notizen. So fehlt vor allem jedes Gefühl der Autoren für die Künstlergeneration von 1914. So wird dort etwa tadelnd vermerkt, Corinth habe „patriotische Ansichten gehabt“, so als handelte es sich dabei um eine ansteckende Krankheit. Die Bilder entschädigen jedenfalls für den oftmals recht gedankenlosen Text. Der Preis für den knapp 350 Seiten starken großformatigen Bildband beträgt 29 Euro.

Corinth: Maler der Moderne mit ostdeutschen Wurzeln

Schauplatz der Ausstellung in Regensburg ist das am Westrand der Regensburger Altstadt in einem kleinen Park gelegene Museum Kunstforum ostdeutsche Galerie. Das Museum widmet sich nach eigener Beschreibung folgendem: „Wir bewahren das Kunsterbe der ehemals deutsch "Im Schlachthaus", 1893 geprägten Kulturräume im östlichen Europa.“ Abseits der Corinth–Ausstellung lohnt in jedem Fall auch ein Gang durch die Ausstellung im Obergeschoß und ein Blick auf die dort gezeigten Bilder. Vor allem Stadtansichten und Landschaftsmalerei des 19. Jahrhunderts aus den ehemals preußischen und österreichischen Ostprovinzen werden dort gezeigt.

Der Ort der Ausstellung in Regensburg ist indessen kein Zufall, denn auch Corinth ist ein Ostdeutscher in diesem Sinne. Der Künstler stammt aus Tapiau (heute Gwardejsk), im nördlichen Ostpreußen. Er bleibt seiner Heimat auch in den Künstlerszenen Münchens und Berlins verhaftet. Auf den vielen geschaffenen Selbstporträts erinnert Corinth manchmal eher an einen samländischen Bauern, korpulent, mit Rundschädel und Schnurrbart als an einen Maler der Moderne. Und auch an eine ganz bestimmte Person erinnert einen Corinth jenseits des bloßen Typus, wenn man in der Ausstellung die Selbstporträts betrachtet. Lange will einem kein Name einfallen, bis einem die Verbindung mit dem deutschen Osten auf die Spur bringt – Heinrich George als Joachim Nettelbeck in dem Film „Kolberg“.

Corinth hinterlässt ein vielseitiges Werk

Stilistisch einordnen lässt sich Corinth nur sehr schwer. Impressionistische Landschaften wechseln mit grellen Darstellungen mythologischer Themen und detailgetreue Porträtdarstellungen mit verfremdeten Überzeichnungen. Typisch ist jedoch ein zumeist grober Duktus mit dicken Farbstrichen. Corinth sei ein grobschlächtiger Metzger unter den Berliner Malern, wie Spötter bekrittelten. Seine großen Bilder kreisen um immer wiederkehrende Themen wie Eros, Mythos, Krieg und Tod. Wilde Bacchanten, im dionysischen Rausch, pralle Akte, und immer wieder Figuren aus den antiken Mythen und den biblischen Erzählungen. Dazu neben den Selbstporträts auch eine Vielzahl von Auftragsporträts von Angehörigen der Berliner Künstlerszene und Kunstinteressierten.

Stilistisch ist Corinth kein Konservativer gewesen. Er war vielmehr auf der Suche nach neuen Ausdrucksformen. Im sogenannten Bremer Kunststreit im Jahre 1911 ergreift er Partei für die avantgardistische Moderne und gegen eine tradierte Kunstauffassung, die die neuen "Die Jugend des Zeus", 1905 Ausdrucksformen der modernen Malerei als einer deutschen Kunst als unangemessen verwirft. Vielmehr betrachtet Corinth seine Art der modernen Malerei als dezidiert deutsche Kunst. Zwar erkennt er die Beeinflussung durch den französischen Expressionismus an, gleichzeitig fordert er aber eine spezifisch deutsche Moderne, frei von „französischer Nachäfferei“, wie er schreibt. So ist Corinths Werk tatsächlich ein Werk, in dem sich der gesamte Kosmos des Sonderwegs der deutschen Kultur widerspiegelt: faustisch, erdverbunden und sinnlich. Die Kunst war Corinth stets eine große nationale Sache, wie er rückblickend schreibt. Er selbst verachtete die „Linkser“ und deren damals noch vergeblichen Versuch, den Kunstbetrieb für sich und ihre Parolen zu okkupieren.

Seine eigentliche Laufbahn als Künstler beginnt nach kürzeren Aufenthalten in Antwerpen und Paris und einigen weiteren Zwischenstationen in München, wo Corinth zwischen 1891 und 1900 lebt. In der damals bedeutendsten Kunststadt im Reich ist er an der Gründung der Münchner Sezession beteiligt. Allerdings will ihm der richtige Durchbruch nicht gelingen und Corinth siedelt auf Anraten seines Freundes und Malerkollegen Walter Leistikow nach Berlin über, wo er bald zum gefeierten Maler der Berliner Kunstszene und zum begehrten Porträtisten wird. Selbst der Kaiser kennt ihn, wenngleich Wilhelm II. die avantgardistischen Bilder Corinths nicht besonders mag. In Berlin heiratet Corinth eine seiner Schülerinnen, die mehr als zwanzig Jahre jüngere Charlotte Berend.

Auch Corinth begeisterte sich für den Krieg

Es muß eine faszinierende Welt gewesen sein, die brodelnden Künstlerszenen von Berlin, München, Wien oder Prag in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg, in denen man in einem Kaffeehaus behelmten Kürassieroffizieren ebenso begegnen konnte wie expressionistischen Malern.

Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges reiht sich Corinth mit Franz Marc, August Macke, Max Slevogt und Max Liebermann in die Phalanx der kriegsbegeisterten Künstlergeneration von 1914 ein. „Wir wollen der Welt zeigen, daß heute deutsche Kunst an der Spitze der Welt marschiert“, "Walchensee-Panorama, Blick von der Kanzel", 1924 so schreibt er und fordert die Pflege eines „fürchterlichen Ernstes, (…) auf daß wir das fremde Joch abschütteln und eine eigene deutsche Kunst diktieren.“ Auch das eigene Werk stellt Corinth in den Dienst der nationalen Sache. So entstehen während des Krieges eine Reihe Bilder mit wehrhaftem Gestus, so etwa 1915 das Bild „Im Schutz der Waffen“, das im typischen Stil Corinths einen gepanzerten Ritter zeigt, zu dessen Füßen eine nackte Frau entsetzt einer drohenden Gefahr außerhalb des Bildes entgegenblickt.

Der Verlust des Krieges desillusioniert den Künstler

Mit dem verlorenen Krieg endet auch die Zeit Corinths in Berlin. Der Zusammenbruch erschüttert den Künstler bis ins Mark. Er, der sich als „Preuße und kaiserlicher Deutscher“ fühlt, kann in der ihm fremd gewordenen Metropole nicht mehr arbeiten. „Malen und arbeiten will ich, wo kann man das noch? Die Kunst, welche mir eine große nationale Sache war, wird international.“ Am Walchensee fernab von den Neuerungen der Weimarer Republik sucht und findet er ein Refugium. Dort schlägt er neue Wege ein. Viele Landschaftsbilder entstehen, allein sechzig Walchenseelandschaften, in einem Stil zwischen Impressionismus und Expressionismus, der sich jeder Einordnung entzieht.

Der neue Staat bleibt ihm zeitlebens fremd trotz einer Vielzahl von Ehrungen, die ihm als Maler von Weltruhm zuteil werden. Faszinierend sind seine Berliner Ansichten aus dieser Zeit, zum Beispiel „Unter den Linden“ von 1922 oder „Schloßfreiheit“ von 1923. Die Ansicht des Hohenzollernschlosses ist schief, so als drohe das Schloß jederzeit in einen Abgrund zu rutschen. Die Welt Corinths ist aus den Fugen geraten. Ihm selber erscheint Berlin als Gleichnis der zerfallenden Größe. In einem Tagebucheintrag von 1920 findet sich das Urteil, „Berlin wird über kurz oder lang darniederliegen, denn die Herrlichkeit des deutschen Reiches ist dahin.“

Corinth stirbt 1925 während einer Reise in Holland. Sein Leichnam wird nach Berlin überführt, wo er auf dem Waldfriedhof Stahnsdorf seine letzte Ruhestätte findet. So bleibt ihm erspart, während der Nazi-Diktatur die Einordnung eines Teils seines Werkes als entartet erleben zu müssen.

 
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