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Am 4. April 2009 feierte der parteilose Bundestagsabgeordnete Henry Nitzsche seinen 50. Geburtstag. Eine runde Zahl, rund wie auch sein Leben. Der gebürtige Kamenzer ist in seiner Heimatregion stets verwurzelt geblieben. Trotz zahlreichen Umwegen kehrte er immer wieder in den Landkreis zurück. In Kamenz, der Geburtsstadt Lessings, wuchs Nitzsche auf und machte sein Abitur an der nach Lessing benannten Erweiterten Oberschule (EOS). Nach seinen anderthalb Pflichtjahren bei der NVA bekam er einen der begehrten Studienplätze für Zahnmedizin an der Leipziger Universität. Henry Nitzsche hätte ein Vorzeigebürger der DDR werden können.
Nitzsche wollte nicht der DDR-Vorzeigebürger sein
Doch das war nicht sein Weg. Die „Karl-Marx-Universität“ in Leipzig war damals nach der Humboldt-Universität in Berlin die regimetreueste der DDR. An allen Hochschulen der DDR mussten Studenten sämtlicher Fachrichtungen Pflichtkurse in „Marxismus-Leninismus“ (ML) belegen. Unter den Studenten wurden diese Pflichtvorlesungen als „Rotlichtbestrahlung“ verspottet und meist großzügig ignoriert. Während man andernorts der lästigen Pflichtübung eher locker nachkam, achtete die Universität Leipzig streng auf ideologische Konformität. Der überzeugte Christ Henry Nitzsche musste hier einige, ideologische Kröten schlucken.
Doch nicht nur die „Rotlichtbestrahlung“ stieß dem jungen Studenten übel auf. Auch das Medizinstudium und das Leben in der Großstadt war nicht seine Welt. Und so traf er einen folgenreichen Entschluss, für den damals kaum jemand Verständnis aufbrachte. Er brach das Studium ab und entschied sich aus freien Stücken für das wohl extremste Kontrastprogramm: er wurde Jäger in den entlegenen Wäldern Ostsachsens. Hier gab es keine FDJ-Sitzungen und ML-Vorlesungen mehr. Über zwei Jahre arbeitete er im Staatsforst um Kamenz.
Er denkt anders und zieht die Konsequenzen daraus
Während seiner Zeit in den Wäldern entschied Nitzsche, sich zum Töpfer ausbilden zu lassen, und zwar in Puschwitz, nicht weit von Kamenz. Und er traf wieder eine weitreichende Entscheidung: er machte sich selbstständig. Im winzigen Dorf Oßling im tiefsten Ostsachsen gründete Nitzsche seine eigene Töpferei. Die Selbstständigkeit – ein eigener kleiner Privatbetrieb – galt im „Arbeiter- und Bauernstaat“ als Affront. Zwar legte der Staat kleinen Handwerkern beim Schritt in die Selbstständigkeit keine Steine in den Weg, da der Staat sich bewusst war, dass er ohne die Arbeit von Kleinunternehmern die einfachsten Bedürfnisse der Bevölkerung nicht mehr befriedigen würde können. Doch gern gesehen waren Selbstständige nicht. Sie galten als unsichere Kantonisten, als kleinbürgerliches Überbleibsel aus der kapitalistischen Vergangenheit. Dass sich nun im realexistierenden Sozialismus jemand für die Selbstständigkeit entschied, galt als bewusste Zurückweisung der staatlichen Ideologie.
Und so war es kein Wunder, dass Henry Nitzsche recht bald erste Kontakte zur DDR-Opposition aufbaute. Als sich die Bürgerbewegung formierte und Dutzende kleiner, dissidenter Gruppen wie das „Neue Forum“ 1989 im ganzen Land entstanden, schloss sich Nitzsche einer dieser Gruppen an – dem Demokratischen Aufbruch (DA). Damals, im Wendejahr 1989, wussten die meisten dieser oppositionellen Gruppen, wofür sie standen: für freie Wahlen, ein freies Reiserecht, das freie Versammlungs- und Demonstrationsrecht. Doch nachdem binnen weniger Monate die Herrschaft der SED implodiert war, mussten sich die oppositionellen Gruppen neu orientieren.
Der Gang in die Opposition
Henry Nitzsche entschied sich für die Gruppe, die am konsequentesten für die deutsche Einheit und die Abrechnung mit den alten DDR-Eliten stand: er wechselte vom Demokratischen Aufbruch zur Deutschen Sozialen Union (DSU). Die DSU verstand sich damals als christlich-konservativer Gegenspieler zur CDU. Vielen Bürgerrechtlern war die DDR-CDU suspekt, denn seit 1949 stellte die Block-CDU gemeinsam mit der SED die Kandidaten der „sozialistischen Einheitsfront“. Ein eigenes, regimekritisches Profil hatte die CDU nicht. Die DSU war somit der Versuch, mit einem neuen, weißen Blatt eine christliche und nationalkonservative Partei aus dem Boden zu stampfen. Die Forderungen der DSU wie „Freiheit statt Sozialismus“ und „Wiedervereinigung jetzt“ waren selbst für gestandene DDR-Oppositionelle zu radikal. Die meisten dieser Oppositionellen wollten die Eigenstaatlichkeit der DDR als „besseres Deutschland“ beibehalten. Ein einiges Deutschland war selbst den Dissidenten zu viel und roch verdächtig nach Revanchismus.
In den ersten, freien Wahlen traten die CDU, der Demokratische Aufbruch und die DSU im „schwarzen Block“ gemeinsam an und konnten in Sachsen über zwei Drittel aller Wählerstimmen gewinnen. Die DSU strich dabei in einigen Regionen zweistellige Prozentzahlen ein und lag damit Kopf an Kopf mit der alten SED. Henry Nitzsche wurde sogar Bürgermeister seiner Gemeinde Oßling. Doch trotz ihrer anfänglichen Erfolge war der DSU, wie vielen anderen oppositionellen DDR-Gruppen ebenfalls, kein langes Leben beschieden. Zwar versuchte Anfang der 90er Jahre die bayrische CSU, die DSU als ostdeutsche, konservative Schwesterpartei und Gegengewicht zur CDU aufzubauen, doch auf ein Machtwort aus der CDU-Führung hin wurden der DSU die Hilfen gestrichen und viele Ortsgruppen lösten sich auf. Einzig in Görlitz, Leipzig, Chemnitz und einigen sächsischen Kleinstädten sitzen einige, wenige DSU-Abgeordnete heute noch in den Kommunalparlamenten.
Auch Nietzsche ging zur CDU und zog 2002 mit einem Direktmandat in den Deutschen Bundestag ein. Bei der Bundestagswahl 2005 erreichte er in seinem Wahlkreis Kamenz-Hoyerswerda 35 Prozent der Stimmen und wurde von 2005 bis 2006 Vorsitzender des CDU-Kreisverbandes Kamenz-Hoyerswerda.
Klare Worte, bevor Nitzsche die CDU verläßt
Doch der „Fall Henry Nitzsche“ im Jahr 2006 sollte beweisen, dass der renitente Geist der Bürgerbewegten in der CDU nicht mehr gern gesehen war. Als auf den Wahlsieg der sächsischen NPD hin die sächsische CDU eine Patriotismuskampagne startete, fanden die DSUler, dass die Kampagne nicht weit genug ginge. Und als die CDU nach den Ausschreitungen in den Pariser Banlieues eine Neuausrichtung auf die Integration der Ausländer beschloss, rumorte es umso mehr. Nitzsches Aussage, eher werde einem Muslim „die Hand abfaulen“, als dass er CDU wähle, wurde von der CDU-Vorsitzenden Angela Merkel kritisiert, fand aber klammheimlichen Applaus in vielen CDU-Ortsgruppen.
Viel Wirbel löste Henry Nitzsches Rede auf einer CDU-Veranstaltung über Patriotismus aus. Er forderte, „endlich vom Schuldkult runterzukommen.“ Deutschland dürfe „nie wieder von Multikultischwuchteln in Berlin regiert“ werden. Die obligatorische Kritik des Zentralrats der Juden folgte sofort. Der Zentralrat, so ließ dieser verlauten, frage sich, was bis zu einem Parteiausschluss noch geschehen müsse. Doch bevor Angela Merkel pflichtschuldig dem Zentralrat folgen konnte, trat Nitzsche im Dezember 2006 aus der CDU/CSU-Fraktion aus und sitzt seitdem als fraktionsloser Abgeordneter im Bundestag. Nach seinem Austritt aus der CDU forderte die NPD Nitzsche auf, in ihre Partei einzutreten, was er jedoch ablehnte. Kurzzeitig dachte er an einen Wiedereintritt in die DSU, gründete aber stattdessen 2008 die Wählervereinigung „Arbeit-Familie-Vaterland“.
In der Landratswahl 2008 erhielt Henry Nitzsches Wählervereinigung im Kreis Bautzen auf einen Schlag 13,2 Pozent aller Stimmen. Für einen Neustart in der etablierten Parteienlandschaft war das ein herausragendes Ergebnis.
Zu seinem 50. Geburtstag wünscht BlauenNarzisse.de Henry Nitzsche das Allerbeste für die nächsten 50 Jahre. |