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Seit einem gewissen Vorgang im April treten immer wieder verwirrte Geister an mich heran und versuchen mir Themen und Motive für das rechte Bild schlechthin aufzuquatschen, mit dem ich „unserer Idee“ einen entscheidenden Dienst erweisen könnte. Das rote Alarmlämpchen glüht auf. Es wird Zeit, einiges klarzustellen.
Was wollen wir eigentlich?
Ein literarisch dilettierender, rechter Politiker veröffentlichte vor einem knappen Jahr ein ziemlich umfangreiches Buch, sauber und ansprechend in Leinen gebunden, einen Roman. Sein offensichtlicher Anspruch: den rechten Roman vorzulegen, auf den alle schon so lange gewartet haben. Und wieder leuchtet das rote Alarmlämpchen.
Erstens: Jeder, der sich aus was für Gründen auch immer nach so einem Werk sehnt, trägt seine ganz eigene Vorstellung in sich, solange es dieses noch nicht gibt. Ist es jedoch erschienen, sind neunundneunzig Prozent unzufrieden, denn der endlose Raum der Möglichkeit hat sich in den streichholzschachtelgroßen Kosmos des Vorhandenen verwandelt.
Was soll so ein Werk überhaupt behandeln? Ein junger und sicher blonder Protagonist kämpft heldenhaft gegen die Übel der Zeit und bekommt am Ende nicht nur seine ebenfalls blonde Heldin, sondern auch die Krone 4.0? Das hatten wir schon, doch funktionierte Siegfrieds Geschichte besser ohne Politik.
Zweitens: Einen rechten Roman kann es nicht geben, genausowenig wie ein rechtes Gemälde oder eine rechte Sinfonie. Wer Kunst definieren will, kommt an ihrer ewigen Gültigkeit nicht vorbei. Ganz gleich ob man eine form- oder wertbezogene Kunstdefinition anwendet, der Bezug zum Politischen, also zum Beackern ausschließlich aktuell gültiger Fragen, kann durch Kunst allerhöchstens in Form einer wertfreien Zeitdokumentation erfolgen.
Mißverständnis zwischen Menschheits- und Kunstgeschichte
Die Begriffe „Politik“ und „Kunst“ stoßen einander ab wie gegensätzlich gepolte Magnete – es kann keine Verbindung geben. Es ist sehr wohl möglich, ein in die Gesellschaft drängendes politisches Weltbild zu illustrieren, gesellschaftliche Mißstände durch die Wirkmächtigkeit von Ikonen zuzuspitzen oder mit Bild- beziehungsweise Textdokumentationen zu provozieren, doch hat all das nichts mit Kunst zu tun. Nur weil einer ein Wahlplakat malt, ist er kein Künstler. Nur weil einer gesellschaftskritische Texte schreibt, ist er kein Romancier.
Die Geschichte der Menschheit und die Geschichte der Kunst sind nur insofern miteinander verwoben, als die gesellschaftlichen Zustände Voraussetzungen oder Rahmenbedingungen für Kunst darstellen. Eine umgekehrte Wechselwirkung, also die direkte Beeinflussung der Gesellschaft durch Kunst, ist nicht nachweisbar. Wer das bezweifelt, der sehe sich eine Vernissage in einer beliebigen Galerie an und beurteile kritisch das Umsturzpotential einer solchen Veranstaltung und seines Publikums. Der elitäre Anspruch der Kunst verhindert gleichzeitig ihre Massenwirksamkeit.
Die Zeit als Kulisse
Meisterwerke wie Flauberts Madame Bovary, Roths Radetzkymarsch oder Laurence Sternes Tristram Shady sind ohne einen Zeitbezug nicht denkbar, ebensowenig wie Delacroix´ Die Freiheit führt das Volk an oder Mattheuers Jahrhundertschritt. Alle wurzeln in ihrem jeweiligen zeitlichen Kontext, der aber nur die Kulissen zum Spiel liefert. Ist eine Emma Bovary heute denkbar? Können sich das Abwickeln einer Epoche und die damit verbundenen Probleme eines von Trotta heute wiederholen? Sehr wohl, denn nicht der gesellschaftskritische Ansatz macht ein Werk zum Kunstwerk, sondern das Stellen immerwährender Fragen.
So zeigt Delacroix nicht die Juli-Revolution, sondern das menschliche Prinzip dahinter, eben am Beispiel von 1830. Dasselbe bei Mattheuer: nicht die Kritik an Faschismus und Kommunismus zur Wendezeit ist sein Thema, sondern der Opportunist, der wie selbstverständlich faschistisch und kommunistisch grüßt und dabei die Schwelle zu einer neuen Zeit überschreitet, die zur Wesenlosigkeit der Dinge und Individuen führt.
Das Prinzip Kunst ist also das Prinzip der Frage, während das Prinzip der Antwort zur Politik gehört. Das Prinzip Kunst erforscht die Wesenszüge des Menschen mit dem Ziel, ihn zu verstehen und seine unverwechselbaren Eigenschaften herauszustellen.
Keine Kunst entsteht im luftleeren Raum. Sie ist in ihrer Zeit angesiedelt, da sie aus ihr entsteht. Aber sie wird ihre Zeit nur verlassen können, wenn sie nicht allzu fest an sie gebunden ist. Nur was zeitlos ist, kommt nicht aus der Mode. |