Startseite Gesichtet Rundgang auf der 53. Biennale in Venedig
Rundgang auf der 53. Biennale in Venedig PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Kristina Kesselring   
Dienstag, den 14. Juli 2009 um 17:09 Uhr

Die aktuelle Biennale di Venezia steht dieses Jahr unter dem Titel „Making Worlds“, was laut dem künstlerischen Leiter Daniel Birnbaum den Wunsch ausdrückt, den Schaffensprozess zu betonen. Wie die Jahre zuvor fand die Hauptausstellung auf einem großen, grünen Areal außerhalb Venedigs, zwischen Haltestelle Arsenale und Lido, dem Giardini statt. Ein Rundgang zeigt Kunstwerke von unterschiedlicher Qualität.

Eine architektonische Zeitreise

Wie seit hundert Jahren üblich wurde jedes Land in einem eigenen „Pavillon“ einquartiert. Jeder Pavillon wurde in einem anderen architektonischen Stil gebaut, einige klotzig und klein aus Beton, andere verschachtelt und offen modern wie Wohnhäuser. Wieder andere wie der griechische Pavillon, der fast hundert Jahre zählt, wurde im Stil eines antiken Tempels erbaut, also kommen auch Architekturliebhaber auf ihre Kosten.

Jeden einzelnen Pavillon der Biennale zu besprechen würde an dieser Stelle den Rahmen sprengen. Den Auftakt bildete der russische Beitrag zur Biennale, der mit humorvoller Vergangenheitsbewältigung in Form einer Art selbstgebauten hölzernen Stollen,samt mechanischem zeichnenden Stalin und herrlichen Aquarellzeichnungen glänzte.

Der koreanische Pavillon dagegen glänzte höchstens mit dem ranzigen Fleischgeruch, der ganz integriert in einer Installation den Raum beherrschte. Passend dazu hatte die in Berlin lebende Künstlerin Haegue Yang neben ihrer luftig kitschigen Installation mit dutzenden farbigen Metalljalousien (genannt Venetian Blinds) mehrere Ventilatoren aufgestellt, die nicht nur die Lamellen sanft klappern ließen, sondern auch nach und nach verschiedene Gerüche von ranzigen menschlichen Abfallprodukten bis hin zu süßlichen Obstdüften in die Luft bliesen.

Bereits das Gebäude des deutschen Beitrags auf der Biennale war eindrucksvoll im Baustil der Kaiserzeit gehalten und verbreitete Stolz. Umso schockierender war allerdings das, was der Innenraum bot. Man fühlte sich in ein Ikea-Möbelhaus versetzt, sah Reihen von naturhölzernen Schrankwänden gegenüber und lief fassungslos die Reihen ab, um doch noch etwas zu entdecken, was entfernt an Kunst erinnern könnte. Doch es fand sich nur auf einem der Schränke eine ausgestopfte Katze, mit einem Stück Papier im Maul, die einen aus gläsernen Knopfaugen anstarrte. Im Hintergrund lief eine Erzählung von einer sprechenden Katze.

Eine sprechende Katze auf Ikea-Schränken

Was Liam Gillick, ansonsten für ebenso elegante wie spartanische Plexiglas- und Aluminium-Raumkonstruktionen bekannt, hier ablieferte, war einfach nur spröde und ein erbärmlicher Versuch Margarete Schütte-Lihotzkys berühmte Frankfurter Küche aus den 20ern nachzubauen. Ich zweifelte an meinem Kunstverständnis, war dies hier doch eindeutig ein schlechter Witz. Wenn das Kunst ist, will ich nichts damit zu tun haben, ging es mir durch den Kopf. Das Entsetzen verwandelte sich in Scham.

Da war der venezianische Pavillon schon amüsanter. Dort drehte sich jedes Projekt um kunstvolle, aber hintergrundarme Glasarbeiten. Dort bewunderte ich vor allem Vögel aus Glas und Metallsplittern und einen dunklen Raum, in dem ätherisch leuchtende, scheinbar schwebende riesige Glasquallen in verschiedensten Farben hingen. Die stimmungsvolle Musikuntermalung, die mich entfernt an Walgesang erinnerte, tat ihr übriges.

Der amerikanische Pavillon war ebenso langweilig wie die Tragödie bei den Deutschen, wenn auch nicht ganz so schamerfüllend. Bruce Nauman zeigte (einmal wieder) seine Wachsköpfe, Wachshände und Mobile-artig aufgehängten Wachsholztiere, die mich mit ihrer Konventionalität langweilten. Dabei hatte ich mich, nachdem dies der einzige Pavillon war, wo wir Schlange stehen musste, auf etwas Besonderes gefreut.

Der dänisch-nordische Pavillon überzeugt

Besonderheiten zu Hauf und damit eine wahre Rettung neben vielen flachen und grauenhaften Ausstellern war der dänisch-nordische Pavillon, für den die in Berlin lebenden dänisch- norwegischen Künstler Michael Elmgreen und Ingar Dragset verantwortlich sind. Zunächst im Stil eines dandyhaften modernen Bungalows mit viel Glas und hypermodernen Einrichtungsgegenständen, die sich oftmals von der Funktionalität wegbewegten, beeindruckte mich vor allem der Pool davor. Nicht er selbst faszinierte mich, sondern die Leiche darin. Im flachen Wasser trieb eine männliche Leiche, das Gesicht dem Boden zugewandt, die Kleidung vollgesogen, blasse, schrumpelige, aufgequollene Haut und die schwarzen Prada-Lackschuhe sittsam neben den Beckenrand gestellt. Es sah selbst von Nahem so unfassbar echt aus, dass ich „das Machwerk“ einfach berühren musste und gleich zur Raison gerufen wurde.

Der skandinavische Pavillon, das merkte man meist erst bei einem Rundgang durch das Haus des Toten, beleuchtet das Leben und Schaffen eines einsamen, gescheiterten Schriftstellers und schwulen Kunstsammlers. The „Collectors“ nennt sich treffend und augenzwinkernd ironisch diese fantasievolle Kunstsammlerpersiflage.

Der riesige italienische Pavillon enthielt dagegen dutzende Kunstwerke ausgewählter Künstler aus aller Welt.

Weitere Ausstellungen findet man im Arsenale

Das Arsenale ist das zweitgrößte Gelände der Biennale. Obwohl sich in den letzten Jahren immer mehr Länder für einen Platz auf der Biennale gemeldet haben, erhalten sie nicht alle einen Platz auf den beiden Hauptgeländen. Zahlreiche andere Länder stellen über halb Venedig verteilt auf Plätzen, in Museen oder in Palazzi andere Kunstwerke aus und sie alle abzulaufen, fällt dem normalen Biennale-Besucher schwer. Doch das langgezogene Arsenale in historischen Hallen der ehemaligen Venezianischen Schiffswerften war noch einen Gang wert.

Wieder sah ich viel Sinn und Unsinn in den Werken, manch Fantasievolles und auch kleine Goldstücke wie die Licht- und Tiefenspielereien der chilenischen Künstler. Das Land ist erst seit zwei Jahren bei der Biennale vertreten und beeindruckte wirklich noch mit Kreativität, ohne abgehoben zu sein.

Darstellungssucht der Vereinigten Arabischen Emirate?

Das kann man von dem Beitrag der Vereinigten Arabischen Emirate allerdings nicht behaupten. Sie boten mit ihrem Beitrag „It‘s not you, it‘s me“ wohl einen der größten Aufreger. Nicht weil sie Schmutziges oder Kontroverses darstellten (schön wär‘s gewesen), sondern weil sie mit einem wahrhaft plumpen Versuch Landespropaganda betreiben wollen. Wir alle wissen, wie gerne die Emirate den Prunk ihres Landes und die Innovationen in architektonischer Hinsicht unter Beweis stellen. Doch reihenweise Stadtbauprojekte mit kleinen Modellen neuer Stadtviertel und dutzende von Hotelzimmerfotos von Lamya Gargash ganz nach dem Motto „Höher, Schöner, Goldener“ stellten eine unfassbare Unverschämtheit dar, gegen die der deutsche Pavillon plötzlich gar nicht mehr so schlimm erschien.

So etwas gehört in den neusten Reisekatalog oder in eine Verkaufspräsentation gegenüber kaufkräftigen Investoren. Jeder, der an diesem Beitrag vorbei kam, musste sich fragen, ob das alles nur eine geschickte ironische Attacke auf die Darstellungssucht der Emirate war. Umso größer der Schock als sich „It‘s not you, it‘s me“ als vollkommen ernst herausstellte.

Die 53. Biennale findet in Venedig vom 7. Juni bis 22. November statt.


 

 

 

 

 
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