jtem​plate​.ru — free extensions for joomla

Die Frage der Amerikanisierung führt zum eigentlichen Problem: Der fehlenden deutschen Identität

Samstag, 11 September 2010 12:54 von Felix Menzel

Vor einiger Zeit verneinte unser Autor René Portmann die Frage, ob die deutsche Gesellschaft eine Amerikanisierung durchgemacht hätte. Er begründete dies damit, daß die deutschen Institutionen nicht nach amerikanischem Vorbild umgestaltet wurden. Diese Betrachtung trifft jedoch nicht den Kern, da in ihr das Eigene nicht zur Sprache kommt. Wenn die Deutschen die Kraft hätten, eine eigene Leitkultur vorzuleben, dann könnten wir fremde Kultureinflüsse aus den USA oder dem Mittleren Osten, die ein gesundes Maß nicht überschreiten, getrost als tatsächliche Bereichung ansehen. Die deutsche Gegenwartskultur durchlebt aber eine andere Situation.

Bereits in den 1920er-​Jahren diagnostizierten Kulturkritiker eine Amerikanisierung der deutschen Gesellschaft. Selbst in der HJ im Dritten Reich tranken Jugendliche Coca-​Cola. Die Amerikanisierung wurde niemals offiziell verordnet. Dieser Trend setzte sich vielmehr informell durch. Genau so funktioniert Kultur.

Johann Sebastian Bach verliert gegen den Cheeseburger 1:20

Im Deutschland nach 1945 gab es vielfältige Versuche, eine völlig eigene Leitkultur zu etablieren. Doch die damaligen kulturellen Eliten hatten ein Merkmal unserer gegenwärtigen Gesellschaft noch nicht verinnerlicht. Sie verachteten zwar die Masse, aber sie kapierten nicht, daß sie machtlos gegen die Bedürfnisse und Wünsche der Mehrheit waren. Und so verlor die „Deutsche Leitkultur Musik“ gegen die amerikanische „Hot-​Dog-​Kultur“. Das Duell Johann Sebastian Bach gegen Cheeseburger geht seit Jahrzehnten 1:12 bis 1:20 aus. Eine schmachvolle Niederlage nach der anderen also für unsere deutsche Kultur.

Nur noch der Einzelne kann die Hochkultur gegen die Populärkultur verteidigen. Das ist ein Gesetz, was für das gesamte 20. Jahrhundert gilt. Arno Schmidt ließ in seinem Roman Brand´s Heide (1951) seinen Ich-​Erzähler im Jahr 1930 aus der Gegenwartskultur aussteigen, weil dieser begriff, daß Schopenhauer nie zum Massengut werden kann: „Als junger Mensch: 16 war ich, bin ich aus Euerm Verein ausgetreten. Was Euch langweilig ist: Schopenhauer, Wieland, das Campanerthal, Orpheus: ist mir selbstverständliches Glück; was Euch rasend interessiert: Swing, Film, Hemingway, Politik: stinkt mich an.“

Der Intensitätskultur den Kampf ansagen: Ist eine Rückkehr zu einer Intentionskultur möglich?

Diese Kulturdiagnose schärft den Blick für das, was heute möglich und nötig ist. Wer glaubt, das Abendland mit Goethe und Schiller retten zu können, hat das letzte Jahrhundert verschlafen. Es führt kein Weg daran vorbei: Nur die Popkultur kann Europa und Deutschland wiederbeleben und Grundpfeiler für ein gesellschaftlich konsensfähiges Identitätsgebäude erschaffen. Das fängt dabei an, daß es wünschenswert wäre, mehr deutsche Fernsehserien und –formate zu erleben, und reicht bis zu der Forderung, Musiker, Künstler und Autoren mögen sich doch endlich wieder um ihr eigenes Land kümmern. Das ist freilich ein weiter Weg, weil es eben nicht reicht, Bushido zur Fußball-​WM von Patriotismus singen zu hören.

Worum geht es also? Zunächst darum, die Leitlinien der Gegenwartskultur ohne ideologische Vorzeichen zu bestimmen. Wir leben heute in einer Intensitätskultur, die das körperliche und emotionale Erlebnis über alles stellt. Während in einer Intentionskultur die Inhalte maßgebend für den Erfolg von Kulturgütern sind, verbreiten sich in der Intensitätskultur jene Erzeugnisse, die grenzenlose Begeisterung, Überwältigung und Faszination hervorrufen. In dieser hyper-​expressionistischen Kultur gibt daher der DJ, dem es gelingt, die Massen einer Diskothek in Bewegung und Ekstase zu versetzen, den Ton an.

„Sei du selbst!“ statt „Be different!“

Diese Intensitätskultur geht zumindest in Deutschland einher mit einigen pathologischen Erscheinungen. So trägt sie hierzulande das Motto „Be different!“ vor sich her und entfaltet damit ein Programm der Selbstentfremdung. In anderen individualisierten Gesellschaften steht die Selbstverwirklichung im Mittelpunkt. In Deutschland ist der Individualismus entartet, weil er nicht nach einer eigenen, unverwechselbaren Identität strebt, sondern die Aufhebung dieser fordert.

Gerade aus diesem Grund sind Amerikanisierung und Islamisierung aktuelle Probleme. Die Eliten Deutschlands sind zu kulturellen Allesfressern mutiert, die ausnahmslos alles toll finden, aber bei der Begründung der eigenen Identität ins Schlingern geraten. Symptomatisch dafür steht Verteidigungsminister Karl-​Theodor zu Guttenberg (CSU), der mit adligem Habitus seine Vorliebe für das Klavier betont, sich aber zugleich als DJ und in AC/​DC-​Hemd in der Öffentlichkeit zeigt.

Guttenberg hat begriffen, daß es in der Intensitätskultur nicht mehr um Inhalte, Geschmacksfragen und feine Unterschiede geht. Viel symbolisches Kapital sammelt derjenige, der die meisten Kontakte zu allen erdenklichen Spielarten von Kultur aufbaut. Damit degradieren die Eliten ihre „anything goes“-Kultur zu einem Teil des Netzwerkkapitalismus, in dem es um die Akkumulation von Aufmerksamkeit und sozialen Beziehungen geht, diese jedoch geistig entleert.

68er im Supermarkt: Auch die Linken sind Markenfetischisten

„Alle Wege der 68er führen in den Supermarkt“, hat der Philosoph Peter Sloterdijk einmal betont. Dieser Ausspruch macht deutlich, wie wenig die amerikanisierte Markenkultur sich inzwischen vom internationalistischen Gehabe der 68er und ihrer Nachahmer unterscheidet. Der in alle Poren des Lebens eingedrungene Kapitalismus hat es geschafft, jede Gegenkultur zu vereinnahmen und inhaltlich auszusaugen.

Diese Inhaltslosigkeit ist das Hauptproblem unserer Gegenwartskultur. An die Stelle des kulturellen Supermarkts mit all ihren Markenprodukten muß eine Popkultur der Ideen treten. Und – ganz selbstbewußt gesprochen – wer könnte für so ein schwieriges Programm besser geeignet sein als ein Haufen deutscher Idealisten?

Jesus versus Coca-​Cola

In dem Buch Good bye, Logo des englischen Journalisten Neil Boorman zitiert dieser einen Kommentar eines Kollegen, der den ersten Schritt einer wahrhaft abendländischen Kulturrevolution andeutet: „Würde man jedes Logo, jede Werbung und jedes Markenzeichen, das man auf den Einkaufsstraßen sieht, durch ein Bibelzitat ersetzen, dann bekäme man das Gefühl, in einem unerträglich strengen religiösen Staat zu leben. Ich meine, wenn man all die Plakatwände nähme und Jesus darauf abbildete, dann würde es eine Revolution geben. Wenn man die Symbole der einen Ideologie durch Symbole einer anderen ersetzt, dann erkennt man die Absurdität, der man Tag seines Lebens ausgesetzt ist, lebenslang.“

Also, Jungs und Mädels! Ihr habt gehört, was zu tun ist: Jedes Coca-​Cola–Plakat ist bitteschön mit einem gut sichtbaren Bibelzitat zu verschönern! Absurdität bekämpft man am besten mit Absurdität!

ANZEIGE

Projekte

Gedrucktes

Verwandtes

BN-​Anstoss