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Sloterdijk in Neuhardenberg

Freitag, 09 November 2012 13:34 von Moritz Schellenberg
Peter Sloterdijk Peter Sloterdijk

BN vor Ort: Im märkischen Schloss Neuhardenberg trafen sich Peter Sloterdijk und der Berliner HU-​Professor Thomas Macho Ende Oktober zu einer Diskussion über den Glauben.

Neuhardenberg hat eine geschichtsträchtige Vergangehheit. In den 1940er Jahren diente das von Karl Friedrich Schinkel entworfene Herrenhaus der Widerstandsgruppe um Claus Graf Schenk von Stauffenberg als Treffpunkt und war Ort zahlreicher Zusammenkünfte zur Vorbereitung des Putschversuches vom 20. Juli 1944. Nach Enteignung und Verfall in 40 Jahren Realsozialismus erfolgte ab 1997 die aufwendige Sanierung des Schlosses. Von 1949 bis 1990 hieß die Gemeinde, zu Ehren eines bekannten Philosophen, Marxwalde.

Die scheinbare Wiederkehr des Religiösen

Ende Oktober 2012 gab sich ein anderer Philosoph, Peter Sloterdijk die Ehre, über eine mögliche Wiederkehr des Religiösen zu sprechen. Seit einiger Zeit hat Religion in den Medien einen wichtigen Platz eingenommen. Bekannt sind die Kontroversen um Minarettverbot, Religionsunterricht und Beschneidung. Der Glauben scheint an Bedeutung zu gewinnen, obwohl selbst viele Kirchensteuerzahler ihren Glauben nicht leben und die Konfession mehr und mehr zur Privatsache wird. Diesem Widerspruch widmeten sich Sloterdijk und Thomas Macho, Professor für Kulturwissenschaften an der HU Berlin, in dem etwa anderthalbstündigen Gespräch. Moderator war Manfred Osten, eigentlich Jurist, aber darüber hinaus Autor zahlreicher kulturhistorischer Publikationen.

Das Schloss umgibt der weitläufige Linné-​Park, der zum Flanieren einlädt. Hier ließ sich ein erster Blick auf das Publikum werfen. Die Besucher rekrutieren sich größtenteils aus dem Bildungsbürgertums Berlins und des Speckgürtels: viele Tweedsakkos und Rollkragenpullover, wenige Landbinder. Hier und da schien das Gesicht eines Bundestagsmitglieds erkennbar. Der Altersdurchschnitt liegt wie üblich jenseits der 50, die einzigen Jugendlichen geben in roten Chinohosen klassische JU-​Stereotypen ab.

Keine Nation ohne Gott?

Zu Beginn umriss Sloterdijk die Idee der Nation als Eidgenossenschaft. Nur durch einen oft stillschweigenden Eid auf einen Gesellschaftsvertrag oder das Staatsoberhaupt kann ein Nationalstaat funktionieren. Bedingung jede Schwurs ist aber eine metaphysische Kontrollinstanz. Ein Eid, der ohne Rückgriff auf Gott geschworen wird, zieht keine Konsequenzen nach sich, wenn er gebrochen wird: Ohne Religion kein Eid, ohne Eid kein Staat. Garant für den Zusammenhalt der Nation blieb in Europa für lange Zeit das Christentum. Trotz Kirchenspaltung und Religionskriegen bildete der gemeinsame Glaube in den europäischen Nationalstaaten oftmals den kleinsten gemeinsamen Nenner.

Doch der Rückzug der Kirchen aus dem Leben der Deutschen wird immer offensichtlicher. Die Anzahl der Kirchenaustritte und die Tode älterer Gläubiger übersteigen die Taufen um ein Weites. In vielen mitteldeutschen Gemeinden wohnt nur noch eine Handvoll Rentner den Gottesdiensten bei. Kirchlichen Jugendgruppen gelingt es nicht, breite Massen zu erreichen, wenn sie nicht gar zu Sammelbecken kleingeistiger Sonderlinge geraten. Am Sonntag schläft die Jugend lieber ihren Rausch aus, als sich in den Gottesdienst zu quälen, von einigen oberbairischen Oasen abgesehen. Diese Entwicklung gibt es nicht erst seit dem Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche und der zwanghaften Modernität der Protestanten. Da kein Mensch ohne metaphysische Grundlage glücklich sein könne, müsse an die Stelle des Christentums ein neuer Glauben oder eine Ersatzreligion treten, stellte die Runde kopfnickend fest.

Zitate-​Onanie statt Kritik am Amerikanismus

Anstatt sich mit dem zivilreligiösen Schuldkomplex der Deutschen auseinanderzusetzen – jüngst zu besichtigen am Zigeuner-​Denkmal in Berlin – bemühten Sloterdijk und Macho ausgelutschte Metaphern wie die „Shopping-​Religion“. Auch dieser Gedanke wird nicht zu einer grundsätzlichen Kritik am amerikanischen Kulturimperialismus weitergedacht. Schade, denn hier hätte der fruchtbare Weitergang des Gespräches ansetzen können. Stattdessen verloren sich beide in Zitatschlachten. Natürlich glänzten sie mit imposantem Allgemeinwissen. Der Zuhörer aber konnte die Erläuterungen kleinster, schnell aufgezählter Detailfragen schwer nachvollziehen. Es fehlte ein Moderator.

Kurzzeitig avancierte der Islam zum Plauschobjekt. Für ein plumpe Islambeschimpfung sind sich Sloterdijk und Macho zu schade. Stattdessen analysierten sie, wie der Islam metaphysische Bedürfnisse befriedigt und rissen dessen kulturhistorische Dimension an. Für die Postmoderne sei der Islam aber trotz wachsender Zahl der Gläubigen und Ausbreitung in Westeuropa nicht tauglich.

Doch irgendwann waren beide sich einig: Eine neue Religion, mindestens aber ein abgekupferter Ersatz, wird kommen. Ob es dabei um die Neuauflage einer im 20. Jahrhundert gescheiterten Ideologie, eine Steigerung des Konsumkultes oder eine echte Renaissance schon abgeschriebener Kirchen handelt, bleibt offen. Oder doch etwas ganz Neues? Das weiß nur Gott allein.

(Foto: Max Braun /​flickr​.com)

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