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Breslaus geheime Geschichte

Montag, 12 November 2012 11:37 von Ernst Hofer
(Quelle: Stahlbauer/flickr.com/cc) (Quelle: Stahlbauer/flickr.com/cc)

Im Jahre 2012 meint man, Breslau sei eine typische polnische Stadt wie Krakau, Warschau oder Łódź. Stimmt aber nicht. Vor Ort sieht es anders aus.

Denn die Geschichte Breslaus ist wechselhaft und kompliziert. 990 eroberte Herzog Miesko I., der Begründer der polnischen Piastendynastie die slawische Marktstadt auf einer Insel in der Nähe der drei Oder-​Nebenflüsse. 1138 wurde Breslau Hauptstadt des für kurze Zeit noch polnischen Teilfürstentums Schlesien. Obwohl slawische Stämme die ursprüngliche Siedlung errichteten, gründeten deutsche Ostsiedler Breslau gänzlich neu. Dazwischen zerstörten die Mongolen die Stadt. 1261 bekam Breslau das Magdeburger Stadtrecht.

750 Jahre bewohnten Deutsche Breslau

Doch gerade mit diesem Umstand begründen polnische Nationalisten ihren Anspruch auf Breslau. Sie ignorieren dabei völlig jene 750 Jahre, in denen deutsches Bürgertum die Stadt bewohnte. Dabei bleiben die Zeichen unverkennbar. Die Innen-​und Altstadt spiegelt architektonisch den deutschen Baustil. Die zahlreichen Gründerzeithäuser ließen sich in jeder beliebigen anderen deutschen Stadt finden, ebenso wie vereinzelte Fachwerkhäuser. Das gleiche trifft auf den Baustil der vielen Kirchen zu. Sogar die Universität gleicht ihrer ehemaligen Schwesteruniversität, der Rheinischen Friedrich-​Wilhelms-​Universität Bonn.

Heruntergekommene sozialistische Plattenbauten in den Vororten gehören zu den stillen Zeugen der 60 Jahre langen polnischen Herrschaft. Natürlich wurde nach den Vertreibungen der deutschen Breslauer kurz nach 1945 versucht, alle Zeichen deutscher Geschichte auszulöschen. Vor den Markthallen wurde die deutsche Steininschrift herausgeschlagen und durch eine hässliche Plastikplakette ersetzt. Der polnische Staat wollte durch die Aufstellung der Statuen polnischer Nationalhelden und –gemälde die Geschichte umschreiben. So erinnert das Panorama der Schlacht von Racławice an den Sieg Polens über Russland 1794. Da auch die Polen ihre Ostgebiete verloren und vertrieben wurden, transportierten sie das Rundgemälde aus dem heute ukrainischen Lemberg unter Geheimhaltung nach Breslau. Freilich zementiert es damit ein weiteres Unrecht in Breslau, nämlich die Vertreibung der Deutschen.

Wrocław: Ein Fehler im Raum-​Zeit-​Kontinuum

Der neue Name der Stadt, Wrocław, spielt auf den legendären böhmischen Stadtgründer Vratislaw I. an. Doch die deutsche Geschichte Breslaus lässt sich nicht leugnen. „Breslaus Steine sprechen Deutsch“, weiß ein Sprichwort. Gerade der sprachliche Aspekt bleibt interessant. Denn durch den deutschen Charakter, aber die polnische Sprache der Bewohner eröffnet die Stadt ein surreales Flair. Breslau wirkt wie ein Fehler im Raum-​Zeit-​Kontinuum. Aber auch die Sprachkompetenz der nun polnischen Bewohner lässt zu wünschen übrig. So scheint es schlichtweg unmöglich, im McDonalds direkt am Marktplatz auf Englisch zu bestellen. Das sollte in einer Stadt mit 600.000 Einwohnern doch anders aussehen.

Das sonstige Stadtbild gleicht jeder größeren europäischen Stadt. Viele Fastfood– und Bekleidungsketten, die in fast jeder größeren Stadt Europas die Straßen erobert haben, gibt es auch hier. Die polnischen Jugendlichen unterscheiden sich in dieser Hinsicht nicht von der modernen Konsumkultur in Westeuropa.

Dafür lässt sich das Abendleben günstig gestalten. Die Kneipen bieten gute Preise, Alkohol gibt es überall günstig. Diskotheken, die teilweise sogar größer sind als ihre deutschen, zahlungspflichtigen Pendants haben meistens keine Eintrittsgebühr. Wer danach nur noch in sein Hotel möchte, kann dort ebenfalls für wenig Geld hinkommen. Eine Fahrt mit dem Taxi von etwa 5 Minuten durch die Innenstadt kostet 10 Zloty, umgerechnet 2,50 Euro.

Die alte „Reichskornkammer“

Wem die zahlreichen in der Stadt vorhandenen historischen Stätten nicht ausreichen, der kann auch im näheren Umland viele wichtige Stätten der deutschen Geschichte besuchen. Dazu zählen die wunderschöne Friedenskirche von Schweidnitz oder das Landgut Kreisau der Familie Moltke. Die Fahrt auf den mit EU-​Geldern gut ausgebauten Autobahnen geht schnell voran. Touristen müssen leider auch auf den völlig desolaten Landstraßen fahren, um Breslaus Umgebung kennenzulernen. Im Gegensatz zum hügeligen Oberschlesien ist die Landschaft in Niederschlesien sehr flach und landwirtschaftliche Nutzfläche reichlich vorhanden. Deswegen bezeichneten die Deutschen Schlesien als „Reichskornkammer“. Doch daran erinnert wenig. Viele Felder bleiben ungenutzt und werden zum Verkauf angeboten.

So wundert es nicht, dass auch in vielen Dörfern die Häuser verfallen. Während der polnischen Herrschaft wurde Schlesien heruntergewirtschaftet. Auf den ersten Blick scheint Breslau als Touristenmagnet in guter Pflege zu stehen. Doch abseits der renovierten Innenstadt verfallen auch die Häuser langsam, aber sicher. Trotzdem kommt in Breslau jeder auf seine Kosten, sei es beim Abendleben oder der Kultur. Die deutsche Geschichte erscheint offensichtlich. Nach über 65 Jahren des Kriegsendes sollten die neuen Herren sie endlich annehmen.

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