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Museum Folkwang im Farbenrausch

Freitag, 16 November 2012 09:16 von Robin Slupinski

BN VOR ORT: Das Essener Folkwang-​Museum zeigt noch bis Januar 2013 eine umfangreiche Schau expressionistischer Malerei. Robin Slupinski war für uns vor Ort.

Ende Oktober, spätsommerliche Sonnenstrahlen. Wahrscheinlich die Letzten des Jahres. Direkt neben einer vom Berufsverkehr stark befahrenen Straße liegt das Folkwang Museum in Essen. Für die Ausstellung hätte man in Hagen, wo sich die Sammlung des Kunstmäzen Karl Ernst Osthaus bis kurz nach seinem Tod befand, sicher ein schöneres Plätzchen frei. Die unförmige Masse von Mehrfamilienhäusern auf der anderen Straßenseite verstärkt den ersten Eindruck der städtischen Stiefmütterlichkeit.

Expressionismus – die ganze Bandbreite

Auch wenn der 2010 eröffnete Neubau des Folkwang Museums von keinem geringeren Architekten als David Chipperfield entworfen wurde, beeindruckt jener doch nur durch eines: durch Schlichtheit. Dies hat natürlich den nicht von der Hand zu weisenden Vorteil, dass hier das Wesentliche in den Fokus rückt, die Kunst nämlich.

Dort, im Folkwang, findet nun die Ausstellung „Im Farbenrausch. Munch, Matisse und die Expressionisten“ statt. Sie vergleicht Edvard Munch, den eigenwilligen Skandinavier, mit den „Fauves“, den wilden Franzosen – den Wegbereitern des Expressionismus also, zu denen bekannte Namen wie Matisse und Derain zählten. Der dritte Bezugspunkt im Vergleich ist die große Gruppe der jungen deutschen Expressionisten der „Brücke“ und des „Blauen Reiter“.

Die Ausstellung selbst ist für den Laien irgendwie strukturiert. „Irgendwie“ ist auch tatsächlich so gemeint. Auch die Bezeichnungen der elf Ausstellungsbereiche wie beispielsweise „Orgie der reinen Farbtöne“ bringen zunächst kein wirkliches Licht ins Dunkel. Erst mit van Goghs Gemälde „Die Ernte (Kornfeld mit Schnitter)“ wird klar, wie früh diese Malerei einsetzte – der Verständnisprozess kommt beim Besucher in Gang.Van Gogh: Die Ernte (Kornfeld mit Schnitter)

Den Expressionismus chronologisch erschließen

Der Besucher erkennt dann, wie beispielsweise van Goghs Malweise, die auf der konsequenten Dekonstruktion des Bildgegenstandes durch systematische Farbstrukturen beruht, zahlreiche Expressionisten beeinflusste. So zum Beispiel Emil Nolde, der dieses Prinzip ins Extrem trieb. Sein Gemälde „Sonnenuntergang II“ ist eine recht wilde Farbkomposition mit der Zentrierung eines grob umfassten roten Kreises auf gelbem Hintergrund. Es lässt zwar einen Sonnenuntergang erschließen, könnte aber auch etwas ganz anderes sein.

Beim zweiten Durchgang zieht der Besucher nun den „Kurzführer“ oder den umfangreichen Ausstellungskatalog zu Rate. Dieser bringt natürlich weiteren Erkenntnisgewinn. Man erfährt: die Ausstellung ist teilweise chronologisch geordnet, wobei damit gleichzeitig eine regionale Sortierung einhergeht. Im Zentrum stehen die „Brücke“ aus Dresden und die Münchner Gruppe des „Blauen Reiter“, der in Murnau am Staffelsee, südöstlich von München, beheimatet war. Anfang 1900 trafen sich dort unter anderem die Maler Wassily Kandinsky, Gabriele Münter und Alexej von Jawlensky, um sich dem „synthetischen Expressionismus“ hinzuwenden. Dementsprechend stammen viele Motive aus dieser Region.

Hingehen, ansehen, lernen!

Zum Schluss der Ausstellung fällt die Häufigkeit von Stillleben auf, die schon einen Ausblick gibt auf die dann folgende Epoche, die Neue Sachlichkeit nämlich. Neben diversen kalten Gegenständen werden auch schematische Portraits und reduzierte Akte gemalt. Im Fokus des Expressionismus steht die nicht die Idylle, das begreift man schnell.

Munch: Der Tag danachAls besonders bemerkenswert sei dabei Edvard Munchs Werk „Am Tag danach“ zu nennen. Wie der Titel erkennen lässt, handelt es sich in der Darstellung um die Folgen eines Rausches am Abend zuvor. Wie tot liegt die junge, leicht bekleidete Frau in ihrem Bett, ein Arm in Richtung Boden weisend. Auf dem Nachttisch befinden sich die Gründe des Übels, zwei leere Flaschen Wein. Munch, der starke Trinker, wusste wovon er berichtet: Selten ist mit diesem Zustand eine solche Ästhetik verbunden gewesen.

Und auch dies wird in der Ausstellung deutlich: mit dem Beginn der Moderne rückt man ab von klassischen Bildmotiven, wie sie noch aus der Spätzeit der Romantik bekannt waren. Die Leinwand wird zum Schlachtfeld – vor allem für das ungeschminkte Leben.

Die Ausstellung „Im Farbenrausch“ ist noch bis zum 13. Januar 2013 zu sehen und sei jedem, unabhängig seines Wissens über bildende Kunst, herzlich empfohlen!

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