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Pauken in England (1)

Montag, 19 November 2012 09:13 von Moritz Schellenberg
(Shane Global Language Centres / flickr.com (cc)) (Shane Global Language Centres /​flickr​.com (cc))

Folgende Frage kann der englische Oberschüler schnell zusammenfassen: Which subjects have you chosen? Statt langwierig Kurse und Prüfungsthemen aufzuzählen, nennt er eine Handvoll Fächer.

Im ersten Jahr der Oberstufe bleiben das in der Regel vier. Im darauffolgenden kann er ein Fach streichen. Eine Trennung in Pflicht und Kür gibt es in England nicht. Zusammen kommen 20 Wochenstunden plus Hausaufgaben. Für den deutschen Abiturienten erscheint das unvorstellbar. Nach den bestandenen Prüfungen kann sich der englische Oberstufen-​Absolvent mit den A-​Levels der jeweiligen Fächer an einer Universität bewerben. Allerdingt entsprechen die A-​Levels eher einer fachgebundenen Hochschulreife. Schon nach Abschluss der Mittelstufe muss die Grundrichtung des Studiums feststehen. Wer Mathe, Physik und Chemie als A-​Levels wählt, kann natürlich kein Historiker werden. Trotzdem: Drei Fächer, zwei Jahre, fertig. Klingt doch toll!

Film Studies” oder „Gender Studies”?

Während der deutsche Abiturient in der Regel ein gutes Dutzend Leistungskurse zur Auswahl hat, bleibt die Anzahl möglicher A-​Level-​Fächer ungleich höher. Das Spektrum reicht von den Klassikern Naturwissenschaften, Sprachen, Gesellschaftswissenschaften über Produktgestaltung und Informationstechnik bis hin zu den Gender Studies. Dies ermöglicht eine sehr individuelle Zusammensetzung der Fächer. Da kommt jeder, der was mit Menschen machen will, unter. So werden auch Schüler mitgeschleift, die in Deutschland kein Abitur erhalten würden.

Nicht jeder Problemschüler, der in Erwartung entspannten Fernsehens Film Studies belegt, wird später Regisseur. Mit Hinblick auf das Studium erscheint eine Spezialisierung zunächst sinnvoll. Der Bauingeneur muss keine Vergangenheit bewältigt haben, der Arzt im Sportunterricht keinen Cooper-​Test gelaufen sein, um seinen Beruf vernünftig auszuüben.

Mit Staatsgeld zum Spezialistentum

Der Primaner wird von unnötigem Ballast befreit und soll nur das pauken, was später relevant sein könnte. Bulimie-​Lernen für Nebenkriegsschauplätze wird überflüssig. Da die Anzahl möglicher Studienfächer begrenzt ist, hat das Vereinigte Königreich eine extrem niedrige Quote von Studienabbrechern. Das frustriert den Spezialisten, der sich nicht noch einmal umorientieren kann, spart aber Geld und Nerven. Davon profitieren Staat wie Student.

Der Ruf nach höheren Ausgaben für Schulen und Universitäten bleibt so sicher wie das Setzen! im Klassenraum. Stoisch wiederholen Parteien und Interessenverände den Ruf danach im Chor mit Bildungsstreikenden. Tatsächlich hat das Labour-​Kabinett in seiner Amtszeit Großbritanniens Lehranstalten mit Geld vollgepumpt. Das führte jedoch nicht zu einer Verbesserung des Notendurchschnitts, weshalb der Sinn dieser Kosten umstritten ist.

Von den Budgets der einzelnen Fachbereiche können deutsche, in bröckelnden Wänden und auf schäbigem Mobiliar lernende Schüler nur träumen. Exemplarisch seien die hochmodernen Werkzeugmaschienen in den schuleigenen Werkstätten genannt, die auch in der Versuchsabteilung eines Mittelständlers stehen könnten. Dadurch gelang es dem britischen Bildungswesen materielle Substanz aufbauen, von der jetzt in der Krise gezehrt wird.

Kanonenfutter für den Arbeitsmarkt statt freier Geist

Die elementaren Unterschiede zwischen dem deutschen und dem englischen Schulsystemen liegen in der Wirtschaftsfreundlichkeit begründet. Englands Schüler wachsen schon in der Oberschule zu Fachidioten heran. Nur wenn sie es selbst wollen, müssen sie Selbstverständliches lernen.

Warum sollten sie sich noch zusätzlich mit Mathematik oder Literatur herumquälen? Es zwingt einen ja niemand. Wenn dann zusätzlich die Freizeit nur vor dem Fernseher verlebt wird, anstatt wandern zu gehen oder zu musizieren, kann sich Allgemeinbildung nicht entwickeln. Ähnlich wie in Charlin Chaplins Moderne Zeiten werden Bauteile für Zahnradsysteme herangezogen. Der aufgeklärte und gebildete Mensch bleibt auf der Strecke.

Blaue Narzisse–Autor Moritz Schellenberg (17) besucht im Rahmen eines Auslandsjahres die englische Ashby School in Ashby-​de-​la-​Zouch, Leicestershire. In einer dreiteiligen Serie berichtet er über das englische Schulsystem. Der zweite Teil der Serie erscheint am kommenden Mittwoch.

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