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Pauken in England (2)

Mittwoch, 21 November 2012 17:56 von Moritz Schellenberg
(Quelle: nozoomii/flickr.com/cc) (Quelle: nozoomii/flickr.com/cc)

Schnell kommt ein sonst farbloses Landtags-​Mitglied in Deutschland auf die Idee, Schuluniformen vorzuschlagen. Um das Wort „Uniform“ zu vermeiden, spricht er von Schulkleidung.

Es folgen eine Handvoll Artikel auf den hinteren Seiten einiger regionaler Tageszeitungen, deren Überschriften alle mit „xy fordert“ beginnen. Schnell hat sich die Sache erledigt. In Großbritannien aber sind Schuluniformen die Regel.

Lederhalbschuhe gehören zum Standard

Die Formenvielfalt reicht vom dunklen Zweiteiler mit Krawatte bis zum T-​Shirt. Eine förmliche Uniform lässt jedoch keineswegs Rückschlüsse auf die Qualität des Unterrichts zu. Gerade erfolgreiche Schulen geben sich gerne fortschrittlich und liberal und steigen deshalb auf einen legeren Stil um. Wenigstens ordentliche Lederhalbschuhe bleiben in der Regel vorgeschrieben. Außerdem gelten Einschränkungen für Schmuck, gefärbte Haare und Piercings.

Die Befürworter von Schulkleidung in Deutschland führen meist soziale Argumente ins Feld. Denn ein einheitlicher Stil stärke das Zusammengehörigkeitsgefühl, sonst an der Kleidung ablesbare Standesunterschiede würden zugleich eliminiert werden. Gleichzeitig verhindere die Uniform unangemessene „Einblicke“, die der Konzentration auf den Lernstoff abträglich seien.

Unzüchtige Damenröcke

Tatsächlich geben englische Schüler ein weit ästhetischeres Bild ab als die wandelnden Werbeflächen vor und in deutschen Schulen. Diese Harmonie wird lediglich durch Pennäler der Oberstufe gestört. Ihnen ist es im Rahmen einer bestimmten Vorschrift erlaubt, auch eigene Kleidungsstücke zu tragen. An diesem Punkt führt sich die verordnete Gleichheit jedoch ad absurdum. Nun spielt es nämlich doch eine Rolle, ob den vorgeschriebenen grauen Pullover ein gestickter Reiter ziert oder ob die schwarze Hose aus Polyester oder von feinster Schurwolle ist. Niemand muss ein Modeexperte sein, um die Träger optisch sehr ähnlicher Gewänder dem Einkommen ihrer Eltern zuzuordnen.

Nicht anders als in Deutschland verhält es sich mit der englischen Damenmode. Zwar gibt es die Vorschrift, Röcke hätten eine „sensible length“ nicht zu unterschreiten: Praktisch wird diese jedoch sehr weit ausgelegt, sodass ganz und gar nicht sensible Längen zustande kommen. De facto sehen die meisten dieser Schulmädchen eher recht unzüchtig aus.

Subkulturen statt Corpsgeist

Um das verordnete Gemeinschaftsgefühl steht es nicht besser. Tradierter Corpsgeist des Empire verkommt zur hohlen Phrase. Und zünftige Keilereien zwischen „Gymnastikern“ und „Realisten“ à la Erich Kästner gibt es längst nicht mehr. Die Schüler ziehen heute ihre Grenzen anders. Ein Teil der in Cliquen zerfallenen Schülerschaft hat ihre ganz eigene Uniform entwickelt. Mitglieder verschiedener Subkulturen versuchen allerdings doch noch den ein oder anderen Ausdruck ihres Anders-​Seins in den Klassenraum zu tragen.

Sie setzen sich durch gefärbte Haarsträhnen, eine Stickerei auf dem Pullover oder eine bestimmte Uhrenmarke von der grau-​schwarz-​braunen Masse ab. Individualität steht zu hoch, um nicht auch der Umwelt mitgeteilt werden zu müssen. Trotz karierter Socken und bunter Hosenträger haut sich aber niemand die Köpfe ein. Es haben sich nur alle nicht ganz so doll lieb, wie man es sich in Deutschland von der Einführung von Schuluniformen erhoffen mag.

Ausdruck eines kontraproduktiven Strukturkonservatismus

Die Schuluniform kann die in sie gesetzten Erwartungen nicht erfüllen. Soziale Unterschiede werden nicht einmal oberflächlich verdeckt und ein längerer Rock schützt die 15-​Jährige Tertianerin nicht davor, volltrunken im Laufe einer Party entjungfert zu werden. In der Heimat bleibt die Debatte um Schuluniformen hoffentlich weiterhin ein Thema, um das Sommerloch zu füllen. In England ist sie aber Ausdruck eines kontraproduktiven Strukturkonservatismus. Doch es reicht nicht, einen grauen Pullover über die Probleme seiner Jugend zu ziehen.

Blaue Narzisse-Autor Moritz Schellenberg (17) besucht im Rahmen eines Auslandsjahres die englische Ashby School in Ashby-​de-​la-​Zouch, Leicestershire. In einer dreiteiligen Serie berichtet er über das englische Schulsystem. Zum ersten Teil geht es hier. Der letzte Teil der Serie erscheint am kommenden Montag.

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