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Unterschätzt: Europas Regionen

Mittwoch, 12 Dezember 2012 08:58 von Ernst Hofer
(dorena-wm/ flickr.com/cc) (dorena-​wm/​flickr​.com/​c​c)

Nach der Katalonien-​Wahl gewinnen Europas Unabhängigkeitsbewegungen an Medieninteresse. Katalanische Nationalkonservative konnten trotz Mandatsverlusten die regionale Parlamentswahl für sich entscheiden. Die radikalen Separatisten haben zugelegt.

Bei der Blauen Narzisse – und auch der Jungen Freiheit – war das Ereignis schon mehrere Wochen zuvor Thema, unter anderem in einem vorausblickenden Grundlagenbeitrag.

Die Zeit gibt sich wenig Mühe

In der ZEIT erschien dagegen am 22. November der Artikel „Am prächtigsten allein“. Das Autorenkollektiv Jochen Bittner, Karin Ceballos Betancur, Reiner Luyken. Birgit Schönau, Ulrich Ladurner und Matthias Krupa berichtete über die Unabhängigkeitsbewegungen in Katalonien, Schottland, Flandern, Norditalien und Südtirol. Dieser Artikel zeigt allerdings, wie guter Journalismus nicht aussehen sollte. Es gibt einen knapp und allgemein gehaltenen Hauptteil. In einem kurzen Infokästchen beschreiben die Autoren detailliert jede Unabhängigkeitsbewegung. Zudem zeigt eine Europa-​Karte, wo die einzelnen Regionen verortet sind. Wirkt seriös. Ist es aber nicht.

Regionalismus hat tiefe Wurzeln

Die Zeit stellt die Unabhängigkeitsbewegungen als relativ neues Phänomen dar. Dabei vergessen die Autoren, dass es die Unabhängigkeitsbewegungen in Flandern und Südtirol schon seit circa 100 Jahren gibt. Schottland und auch Katalonien waren in früheren Jahrhunderten sogar eigenständige Territorien. Außerdem bezeichnen sie dieses „Phänomen“ als Wiedergeburt des Nationalismus des 19. Jahrhunderts. Dabei kann es eher als Ausklang des Nationalismus im 19. Jahrhundert gesehen werden, durch den die regionalistischen Bewegungen erst heraufbeschworen wurden.

Zudem gehen die Autoren im Infokasten zu Flandern nur auf die wirtschaftliche, nicht aber auf die kulturellen Dimensionen des Unabhängigkeitswillens ein, wie etwa die lange Unterdrückung der flämischen Sprache in Belgien.

Regionen sind mehr als Wirtschaftsstandorte

Als treibende Kraft der Spaltung Belgiens nennen Bittner und Co allein die separatistische Nieuw-​Vlaamse Alliantie (N-​VA). Den ebenso starken Vlaams Belang vergessen oder ignorieren sie komplett. Im Infokasten zu Südtirol reißen die Journalisten die kulturelle Dimension, die auch heute noch aktuell bleibt, lediglich kurz an. Hier wird die SVP als Partei beschrieben, die die Unabhängigkeit anstrebt. Dies ist sachlich falsch. Zwar vertrat die SVP diese Ziele vor 50 Jahren, doch mittlerweile hat sie sich mit italienischem Staat und den damit verbundenen Geldzahlungen arrangiert. So bezeichnen sie viele Deutsche und Ladiner als Südtirol-​Verräter-​Partei.

Verharmlosungen aus der warmen Schreibstube

Im Hauptartikel behaupten die Autoren, dass in einer Demokratie wie Italien die Menschen sowieso keine Repressionen zu erwarten hätten. Doch das trifft wieder auf Südtirol nicht zu. Wenn man von den Folterungen an den Freiheitskämpfern der 60er Jahre absieht, leiden auch heute noch Südtiroler unter nationalistischer Propaganda. Südtiroler Schüler müssen beispielsweise die stark österreichfeindliche Nationalhymne Italiens singen. Viele Städte in der Region tragen immer noch die faschistischen Namen von Ettore Tolomei.

Zu den Repressalien gehört auch die Restaurierung des faschistischen Siegesdenkmals in Bozen, was vielen deutschsprachigen Südtirolern einem Faustschlag ins Gesicht gleichkam. Nicht zu vergessen sind Versammlungs– und Demonstrationsverbote. Die Zeit würde das Europa der Regionen gerne auf wirtschaftliche Aspekte reduzieren. Doch ist Europa mehr als nur die Summe seiner Wirtschaftsstandorte: Das Gemeinschaftsgefühl der kleinen Völker bleibt vor allem kulturell verwurzelt.

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