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Gottesfürchtig und königstreu

Freitag, 14 Dezember 2012 07:21 von Prof. Paul Gottfried (Gastautor)
Joseph Roth (1926) Joseph Roth (1926)

AUTORENPORTRÄT. Joseph Roths Leben ist geprägt durch Regimewechsel. Konstanz und Transzendenz fand er im Glauben und der Monarchie, bevor er an Trunksucht starb.

Zu den glänzenden Vertretern der deutschösterreichischen Literatur der Zeit zwischen den zwei Weltkriegen gehört der Schriftsteller und Journalist Joseph Roth (18941939). Geboren wurde er in Brody, unweit von Lemberg, der damaligen Landeshauptstadt Galiziens in der heutigen Ukraine. Das Städtchen in dem entlegenen südpolnischen Verwaltungsgebiet des österreichischen Kaiserreichs war damals vorwiegend jüdisch geprägt. Von klein auf zeichnete sich Roth als begabter deutscher Wortkünstler aus.

Aufgewachsen im Völker-​Schmelztiegel k. u. k. Monarchie

Roths Mutter war von ihrem Ehemann geschieden und zog ihren Sohn, seinen Erzählungen zufolge, in ärmlichen Verhältnissen auf. Dennoch konnte er Violinunterricht nehmen und wohl dank eines Stipendiums das angesehene Ortsgymnasium besuchen, das durch die Freigebigkeit der kaiserlichen Familie begründet und unterhalten wurde. Dort fiel der junge Josef seinen Lehrmeistern auf durch sein Sprachkönnen und seine frühreife Bekanntschaft mit dem klassischen deutschen literarischen Erbe. Nach seinem Abschluß besuchte Roth die Landesuniversität in Lemberg. Da dort bereits seit 1871 polnisch die Unterrichtssprache war, Roth aber früh seine sprachliche Heimat in der deutschen Literatur gefunden hatte, wechselte er 1914 an die Universität nach Wien. Dort studierte er vor allem Germanistik, mit Schwerpunkt Literaturwissenschaft, daneben Philosophie.

Im Kriegsjahr 1916 meldete Roth sich zum Wehrdienst und wurde an die Ostfront verlegt. Der kaiserlichen Fahne folgte er bei einem Feldjägerbataillon und in Wien bei einer militärischen Pressestelle.Ob er tatsächlich an Kampfhandlunge beteiligt war, konnte nicht geklärt werden. Bei Gesprächen mit seinen Kumpanen, besonders mit seinem späteren Biographen Géza von Cziffra, den er allezeit als „Fähnrich“ angesprochen hat, gab sich Roth als ehemaliger Kriegsoffizier aus.

Dichtung als verfeinerte Wirklichkeit

In seinem berühmtesten Roman Radetzkymarsch (1932) zeichnet er hautnah den Todesfall des Leutnants von Trotta im Ringen mit überfallenden russischen Soldaten nach. Der todesgeweihte Offizier trug seinen verschmachtenden Truppen ein Krug Wasser zu, als die Russen ihn abschossen. In der Nachkriegszeit hat sich Roth mit seiner erfundenen Heldenfigur gefühlvoll identifiziert und manchmal seinen Briefen die Unterschrift „Leutnant von Trotta“ angefügt. Soweit es festzustellen ist, wurde Roth als Kriegsjournalist zur Ostfront beordert. Bei alldem war seine Identifizierung mit dem beherzten Trotta so dauerhaft, daß sie seine Literatur und Seelenlage mitprägte. Seine Freunde unterschieden mit Bezug auf Roth zwischen reiner Erfindung und dichterischer Freiheit.

Jedesmal wenn Roth sein buntes Leben schildern wollte, legte er mit seiner Dichtung los, um seinen Zuhörern eine schwungvoll nachgestellte und aufgebesserte Wirklichkeit darzubieten. Gleiches traf auf seinen förmlichen Übertritt zum Katholizismus zu, der aller Wahrscheinlichkeit nach ebenso erfunden ist wie die Konstruktion einer vollblutadligen Ahnentafel. Um seinem Selbstbild als Ritter des verdrängten Kaiserreichs nachzuhelfen, hielt Roth es für nötig, die eigenen biographischen Daten „zurechtzuordnen“.

Lebensthemen: jüdische Herkunft, österreichisches Vaterland

Doch aus seinem verschlungenen jüdisch-​katholischen Lebensweg ergab sich ein Literaturertrag, der auch spätere Generationen staunen läßt. Darin erschließen sich die zwei Seiten seines zwiespältigen Daseins. In Werken wie Juden auf Wanderschaft (1927) und Hiob (1930) begegnet man Roths Versuch, seine ostjüdischen Stammesgenossen in all ihrem Mühen darzustellen. Das erste vermittelt ein eindringliches Zeugnis von der Wanderung unzähliger Juden aus Osteuropa nach Westen unter dem Druck des Krieges und der darauf folgenden Bevölkerungs– und Grenzverschiebungen.

Das zweite zeigt die Entwicklung des „gottesfürchtigen“ Einwohners eines jüdischen Dorfes, Mendel Singer, der in den ersten Szenen noch keinen Kontakt zu einer weltmännischen Kultur hatte. Sein Irrgang nach und durch Amerika verändert den kleinkarierten Hauptcharakter nicht unwesentlich, ohne aber seine kindliche Unschuld im Ganzen zu ersticken.

Der „Rote Joseph“ will die Monarchie

Wegen seiner jüdischen Herkunft, seiner Konzentration auf Themen vor allem osteuropäischer Juden und seines Umgangs mit anderen Emigranten aus dem Hitlerreich erreichte Roth schon zu seinen Lebzeiten eine außerordentliche Berühmtheit bei ausländischen Juden ein. In den 1930ern wurden seine Romane, ins Englische übertragen und anschließend als Filmdrehbücher aufbereitet. Kaum überraschend interessierten sich seine ausländischen Leser, die besonders von seiner Beschreibung jüdischen Lebens fasziniert waren, nicht für Roths jahrelangen, angestrengten Einsatz für die Wiederherstellung des Habsburger Kaiserreichs.

Trotz seines Kokettierens mit der Linken nach dem Ersten Weltkrieg näherte sich Roth während der 1920er Jahre immer weiter der monarchistischen Rechten. In seinen journalistischen Texten ebenso wie den Briefwechseln. Noch eindeutiger ist diese endgültige Wendung in seinem Glanzroman Der Radetzkymarsch, der Novelle Die Büste des Kaisers (1935) und der den Radetzkymarsch fortführenden Novelle Die Kapuzinergruft zu erspüren.

Freundschaft zum Thronfolger

Zu dem Thronprätendenten Otto von Habsburg faßte Roth in Paris eine innige Freundschaft. Seinem ungekrönten Herrscher hielt er vor, sich nicht genug darum zu bemühen, sich seine „rechtmäßige Obrigkeitsstelle“ zu eigen zu machen. Besonders nach dem Anschluß Österreichs an das Deutsche Reich 1938 riet Roth Otto, die österreichischen Monarchisten zum Aufstand zu bewegen. Sein Ziel: sowohl mit den Nazis als auch der vorausgegangen Republik aufzuräumen und darauf die echte, vom Herrgott gewollte österreichische Regierung wieder herzustellen.

Von anderen jüdischstämmigen, aus dem Nazireich geflohenen Literaten, mit denen Roth in Amsterdam und Paris zusammen kam, wurde seine „verschrobene Politik“ verulkt. So hoch man seine dichterische Begabung schätzte, erregten seine monarchistischen Äußerungen in seiner meist linken Gesellschaft Gelächter. Sowohl sein ungarisch-​adliger Biograph Géza von Cziffra als auch sein Freund und Mitexilant Egon Erwin Kisch beurteilten Roths Positionen differenzierter. Sie sahen, daß seinem Einsatz für die Habsburger eine ehrliche Zukunftsvision zugrunde lag. Sie hielten ihm einen „utopischen“ Traum zugute, eine Welt, in der eine friedliche, wohlverwaltete, völkerübergreifende Gemeinschaft gestiftet werden sollte.

Monarchie als Bollwerk gegen Totalitarismus

Zu dieser Hingabe an einen vernünftigen Monarchen mit Augenmaß trat bei Roth ein anderes Motiv hinzu. Auf ihn wirkte die massendemokratische Staatsform, die nach dem Ersten Weltkrieg errichtet wurde, keineswegs vertrauenerweckend. Seiner Überzeugung nach war die demokratische Regierungsart nur eine Übergangsstufe zu einer Totalherrschaft. Die heutige Herrschaft der antifaschistischen Tugendwächter hätte seine Bedenken über den demokratischen Siegeszug sicher keineswegs zerstreut.

Ergänzend muss erwähnt werden, daß Roth in der Blütezeit seines Schaffens an den Auswirkungen seiner Trunksucht starb. Obwohl er einst zu den bestverdienenden deutschsprachigen Journalisten zählte und in der Neuen Berliner Zeitung und der Frankfurter Zeitung viel gelesene Artikel veröffentlichte, vergeudete er sein Vermögen bei Trinkgelagen. Nie hat Roth gezaudert, große Summen bei Stammtischen zu verzetteln; begünstigt wurde seine Schwäche vor allem dadurch, daß er seiner schöpferischen Arbeit vor allem in Cafés nachging. Nach der Einweisung seiner Frau Friedl, die an einer Art Schizophrenie litt und seiner traumatischen Verbannung aus Deutschland und Österreich waren seine Sauftouren nicht mehr aufzuhalten.

Tod als heiliger Trinker

Des öfteren geriet er darüber in Konflikt mit Kronprinz Otto, der diese Angewohnheiten nicht guthieß. Jedesmal wenn Otto ihm befahl, das Trinken aufzgeben, brüllte Roth ihm „Mein Kaiser, zu Befehl!“ entegegen und schlug die Hacken zusammen. Doch sobald er „seiner kaiserlichen Hoheit“ aus den Augen trat, verfiel er wieder in alte Gewohnheiten. Kurz vor seinem Tode veröffentlichte der schon angeschlagene Roth seine Novelle Der Heilige Trinker, die einen gottesfürchtigen Betrunkenen portraitiert. Der Versoffene handelt wohltätig und verweilt verehrungsvoll bei kirchlichen Standbildern. Unschwer wird man in dieser Darstellung Roths Bild von sich selbst erkennen. Bald nach der Veröffentlichung teilte Joseph Roth das Schicksal des heiligen Trinkers.

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