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Die Zauberer von Marrakesch

Freitag, 21 Dezember 2012 07:50 von Frank Marten

Chaos als oberstes Kriterium, Chaos als oberster Ordnungshüter: Die marokkanische Stadt Marrakesch gleicht einer Synthese aus den Elementen von „Tausendundeiner Nacht“ und futuristischer Großstadt.

Denn der nordafrikanische Staat Marokko hat wesentlich mehr zu bieten als Gaukler, Verkehrsrowdys und tänzelnde Schlangen. Wer sich aus den Touristenbunkern traut, erlebt ein Marokko fernab des materiellen Überflusses, der einstudierten Kulturveranstaltungen und des Massentourismus.

Perle des Südens“ jenseits der Touristen

Dieser Weg führte in die „Perle des Südens“, nach Marrakesch. Marrakesch gilt als eine der schönsten marokkanischen Städte und wird aufgrund seiner Lehmhäuser auch als „rote Stadt“ bezeichnet. Rot bleibt auch ein gutes Stichwort, um die Gefühle des Autofahrers in Marrakesch zu beschreiben. Wer in dieser Stadt das Auto als benutzt, dem sei Geduld ans Herz gelegt. Die uns so bekannten Verkehrsordnungen werden mit voller Freude missachtet, es herrscht das Recht des Stärkeren.

Es sollte auch keinen wundern, wenn er mitten auf der Straße einen Eselskarren, einen Vater mit drei Kindern auf dem Fahrrad oder einfache Fußgänger vor sich hat. An dieser Stelle erwähnt seien die Mopedfahrer, die wie die Reiter der Apokalypse aus dem Nichts erscheinen und dort wieder verschwinden. Nachdem sich der Tourist durch die Straßen der Stadt gekämpft hat, sollte er den ehemaligen Palast Marrakeschs besuchen.

Versammlung der Toten“ und „Platz der Gaukler“

Dieses wunderschöne Gebäude beeindruckt durch seine Größe und seine Architektur innerhalb der Anlage. Im Anschluss ging es auf den weltbekannten Basar der Stadt. Dieser überdimensionale Markt der Wünsche lässt einem die Augen austreten. All diejenigen Objekte, die das Menschenherz höher schlagen lassen, finden sich hier. Wenn man das Labyrinth der Händler überstanden hat, gelangt der Tourist zum Herz der Stadt. Es schlägt auf dem „Djemaa el Fna“, dem Platz der „Versammlung der Toten“.

Zur Zeit des Sultanats fanden auf diesem Marktplatz die Hinrichtungen statt. Im Volksmund wird das Zentrum Marrakeschs auch „Platz der Gaukler“ genannt. Jedem Besucher sei empfohlen, den „Djemaa el Fna“ erst am Abend aufzusuchen. Tagsüber ist er ein Platz wie jeder andere auch schön anzusehen, aber nichts Besonderes. Erst gegen Abend, sobald die Sonne hinter dem Horizont verschwindet und die Hitze aufhört, die Wahrnehmung zu trügen, füllt sich der Platz und erhält sein einzigartiges Charakteristikum: Nun tauchen die Gaukler wie die Schatten aus dem Nichts auf und versuchen, durch ihre Einlagen und Künste die Touristen zu beeindrucken.

Die marokkanische Seele

Es finden sich Schlangenbeschwörer, Bauchtänzerinnen, und herumtollende Affen auf wenigen Metern zusammen. Noch besser lässt sich das Treiben von einem der vielen Cafés oberhalb des Platzes betrachten. Mit einem Kaffee und einem typischen arabischen Süßgebäck bekommt der Besucher einen idealen Blick auf das Geschehen. Er erahnt etwas von der marokkanischen Seele.

Marrakesch ist keine schöne Stadt, aber dennoch habe ich mich in sie verliebt. Sie besticht weder durch ihre Ästhetik noch durch ihre Architektur. Es bleibt das Lebensgefühl, welches den Charme der Stadt ausmacht, diese offen zur Schau getragene Widersprüchlichkeit. Hier stehen prächtige Bauten dort warten Schlangenbeschwörer, hier beeindruckt das Erbe des Sultanats dort lockt das Erbe der Berber. Dazu kommt die legendäre Gastfreundschaft der Marokkaner, welche in der Tat existiert. Vor allem Familien bleiben in der marokkanischen Gesellschaft hoch angesehen.

Die Basar-​Kultur

Es ist nicht unüblich, dass diese vor allem auf dem Basar der Stadt die gewünschten Waren zu einem günstigeren Preis erhalten als ledige Menschen. Apropos Basar: In Marokko scheint das Feilschen um den Preis ein beliebter Sport zu sein. Der Händler beginnt die Debatte in den meisten Fällen beim dreifachen des ursprünglichen Preises. Der Kunde fängt natürlich im niedrigsten Preisniveau an und trifft den Händler nach einer langen, allerdings eher freundschaftlich geführten Diskussion bei einem angemessenen Preis.

Obwohl diese Art des Verhandelns für uns Europäer merkwürdig und sinnlos erscheint, bildet es eine Grundsäule der marokkanischen Gesellschaft. Wer die Menschenmassen nicht scheut, keine Schlangenangst verspürt und Hitze sowie zwischenmenschliche Kommunikation liebt, der muss einmal im Leben nach Marrakesch.

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