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Es kommen noch mehr Ausländer

Donnerstag, 24 April 2014 09:21 von Johannes Schüller

Paul Collier hat mit „Exodus“ aktuell eines der besten und faktenreichsten Bücher über die weltweite Migration geschrieben. Blaue​Narzisse​.de hat mit dem Entwicklungsökonom aus Oxford gesprochen.

Blaue​Narzisse​.de: Professor Collier, Sie meinen in Exodus, der Westen sollte sich auf noch mehr Einwanderung gefasst machen. Weshalb? War die Katastrophe von Lampedusa 2013 nur der Beginn einer der größten Probleme des 21. Jahrhunderts?

Prof. Paul Collier: Einwanderung neigt dazu, sich zu beschleunigen. Der einfache, technische Grund dafür ist, dass die bereits ansässigen Einwanderer eines Landes es den nachziehenden erleichtern, die Ansiedelungskosten aufzubringen. Während also die Anzahl der bereits existierenden Einwanderer auf natürliche Weise steigt, ziehen sie zusätzlich neue Ströme nach sich, so daß es zu einer regelrechten Beschleunigung kommt. Lampedusa hat zudem gezeigt, dass unsere aktuelle Einwanderungspolitik Menschen dazu verlockt, ihr Leben aufs Spiel zu setzen.

Sie bevorzugen eine selektivere Einwanderungspolitik. Welche Menschen sollten nach Europa oder Nordamerika kommen?

Einwanderer mit guter Ausbildung sind für die Aufnahmeländer selbstverständlich am wertvollsten. Dennoch ist es mein wichtigstes Anliegen, Menschen zu helfen, die in den ärmsten Gesellschaften vergessen werden. Diese Menschen werden mit ihren Fähigkeiten in ihrer Heimat am meisten gebraucht. Diesen Gesellschaften wäre am besten gedient, wenn aufgeweckte junge Menschen nach Europa kommen, um hier zu lernen und sich weiterzubilden. Mit ihren neuerworbenen Fähigkeiten und Einstellungen sollten sie dann in ihre Herkunftsländer zurückkehren. Genau eine solche Art der Einwanderung und des Austausches sollten wir forcieren.

In Deutschland argumentieren viele Politiker, Einwanderer könnten langfristig wichtige Fachkräfte stellen. Diese Politiker erhoffen sich davon auch, die demographische Krise zu lösen. Was halten Sie davon?

Deutschland bietet ein ideales Umfeld um junge Leute auszubilden. Euer System ist das beneidenswerteste der Welt! Müsst ihr wirklich die wenigen, gutausgebildeten Menschen von armen Gesellschaften abwerben, wenn sie dort dringend gebraucht werden? Deutschlands demographisches Problem ist komplett selbstgemacht. In den meisten anderen Gesellschaften haben die Menschen sich fast während der gesamten Geschichte immer entschieden, sich durch ausreichend Kinder selbst zu erhalten.

Dass Deutschland das gegenwärtig nicht beherzigt, ist ein Indikator für eine ernsthaft dysfunktionale Sozialpolitik. Es gibt offensichtlich keine ausreichenden Anreize, Kinder zu bekommen. Dieses Problem könnte Deutschland einfach lösen. Aber die Idee, statt Anreize zu setzen, Ausländer in großer Zahl zur Einwanderung zu überreden, ist ziemlich bizarr. Aber wenn ihr das wollt: Bitteschön!

Einer Ihrer ungewöhnlichsten Thesen ist das Argument, nachziehende Einwanderer würden die Löhne der bereits Ansässigen nach unten drücken. Können Sie das bitte erklären?

Die meisten Einwanderer sind nicht gut genug ausgebildet, um wirklich mit deutschen Arbeitern konkurrieren zu können. Zum einen sprechen sie nicht fließend Deutsch. Und sie kennen nicht all diese unausgesprochenen, sozialen Regeln, die wichtig sind, um im eigenen Arbeitsumfeld bestehen zu können. Deshalb konkurrieren die meisten Einwanderer mit ihresgleichen. Eine zunehmende Einwanderung bewirkt deshalb vor allem, dass die Löhne der bereits ansässigen Einwanderer nach unten fallen.

Im Mittelpunkt Ihrer Forschung stand in den letzten Jahrzehnten Afrika und die „Unterste Milliarde“ der Weltbevölkerung. Was passiert in den Herkunftsländern, wenn dort ein Exodus beginnt?

Ebenso wie Einwanderung hängt auch Auswanderung vom Ausmaß ab. Manche Formen der Auswanderung bleiben besser als das komplette Verbleiben im Heimatland. Aber es kann neben zu wenig auch zu viel geben. Wenn zu viele der besten und klügsten Menschen nicht zurückkehren, dann fehlen der Gesellschaft ihre schon zuvor knappen Talente.

Prof. Collier, vielen Dank für das Gespräch!

Anm. der Red.: Blaue​Narzisse​.de hat Colliers neues Buch Exodus. How Migration Is Changing Our World als erstes deutsches Onlinemedium hier besprochen. Es soll dieses Jahr auf Deutsch erscheinen.

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