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Im Gespräch: Sean McMeekin

Mittwoch, 25 Juni 2014 13:18 von Johannes Schüller
Sean McMeekin Sean McMeekin

Sean McMeekin gehört zu den Historikern, die gegenwärtig mit neuen Entdeckungen zur Vorgeschichte des Ersten Weltkrieges für Furore sorgen. Ein Gespräch über den „Juli 1914“.

Nach einem Studium der Geschichtswissenschaft in Stanford und Berkeley lehrt McMeekin heute an der Koc-​Universität in Istanbul. Sein Forschungsschwerpunkt ist der Erste Weltkrieg.

Blaue​Narzisse​.de: Sie meinen, die aggressivsten Kriegstreiber wären Russland und Frankreich gewesen. Warum?

McMeekin: Ich bin nicht sicher, ob sich das in aller Klarheit sagen lässt. Vielmehr waren es die Staatsmänner in Russland und Frankreich, die nicht weniger aggressiv, vielleicht sogar noch kriegslüsterner als ihre Kontrahenten in Berlin und Wien waren. Dazu zählen vor allem der damalige französische Staatspräsident Raymond Poincaré und mehr oder weniger jeder außer Zar Nikolaus II. auf der russischen Seite. Es gab in allen der vier kontinentalen Hauptstädte, also Wien, Berlin, Petersburg und Paris, so etwas wie eine „Kriegspartei”.

Der Unterschied zwischen beiden Seiten lag mehr im Ausmaß und der Art des militärischen Konfliktes, den sie sich wünschten, als in einer vermeintlichen generellen Ablehnung des Kriegseintritts. Die Österreicher, unterstützt von den Deutschen, wollten den Konflikt auf den Balkan beschränken. Das bedeutete, Österreich-​Ungarn wollte einen Krieg zur Bestrafung Serbiens führen. Die Deutschen erkannten, dass eine russische Intervention möglich sein könnte und Frankreich den Zar unterstützen würde.

Sie strebten deshalb danach, dass es im Falle eines Kontinentalkriegs wenigstens nicht zu einer Beteiligung Großbritanniens kommen würde. Die russisch-​französische Position spiegelte genau das wider: Wenn es zu einem Konflikt auf dem Balkan käme, sollte der Krieg so schnell wie möglich „kontinentalisiert” werden. Franzosen und Russen sollten ihre Mobilisierungen aufeinander abstimmen und versuchen, die Briten zu besiegen.

Welche konkreten Quellen beweisen das?

Bis dahin gibt es in der Quellenlage eine klare Zeitlinie bezüglich Russlands Vor– und Generalmobilisierung. Sie zeigt klar, dass sie den Mittelmächten zuvorkamen. Der russische Außenminister Sergei Dmitrievich Sazonov informierte die französische Regierung schnellstmöglich bis zum 29. Juli 1914, dass Russland, ungeachtet der deutschen Aufforderung, die Mobilisierung zu stoppen, den Krieg als „unmittelbar bevorstehend” ansehe. Die Nachricht sorgte für ein die ganze Nacht andauerndes Kabinettstreffen in Paris.

Nichts davon spricht freilich die Österreicher in der Julikrise frei. Aber diese Quellen stellen die These einer alleinigen deutsch-​österreichischen Kriegsschuld in Frage.

Was genau geschah im Juli 1914? Welche Ereignisse und Entscheidungen führten in diesen Tagen zum Krieg?

Einige Schlüsselereignisse sind allgemein bekannt. Sie reichen vom Vorfall in Sarajevo bis zur deutschen Entscheidung am 5. bis 6. Juli, Wien den sogenannten „Blankoscheck” zum Ultimatum an Belgrad am 23. Juli auszustellen. Ab diesem Datum gingen vor allem die Mittelmächte weitere Schritte. Ihr Ziel war es, Serbien für die Ereignisse von Sarajevo zu bestrafen und es zu isolieren.

Weniger bekannt sind die Ereignisse in der letzten Juliwoche. Ab dem 24. Juli griffen die Russen ein und dominierten die Entscheidungen, zuerst, indem sie Serbien überredeten, sich nicht dem Ultimatum zu unterwerfen. Danach begannen sie mit einer umfassenden und geheimen Vormobilmachung und leugneten deren Existenz zugleich. Am 29. Juli überzeugte Russland Frankreich endgültig und die Würfel waren gefallen.

Allein das Zögern seitens Nikolaus II., der erst die Generalmobilisierung anordnete und dann aufhob, stand der Kriegspartei in St. Petersburg im Weg. Sie hetzten ihn, den letzten Schritt zu gehen, nämlich den nun unumkehrbaren Befehl zur Generalmobilmachung am 30. Juli gegen 16 Uhr. Frankreich war dann gezwungen zu mobilisieren, wollte es sich an die Bedingungen der Militärallianz mit Russland halten.

Darauf folgte Berlin mit einem Ultimatum zum Abbruch der Mobilmachung an Russland. Der Rest war eine diplomatische Theateraufführung, in der die Deutschen grobe Fehler begingen. Das bekannteste Beispiel ist die Verletzung der belgischen Neutralität drei Tage nach der eigenen Mobilmachung, entsprechend dem Plan von Generalstabschef Helmuth Johannes Ludwig von Moltke. Das lieferte Großbritannien den notwendigen casus belli.

Wollten der österreichisch-​ungarische Außenminister Leopold Graf Berchtold und der deutsche Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg nicht ebenfalls den Krieg?

Erneut: Welchen Krieg meinen Sie? Natürlich wollte Berchtold einen Waffengang mit Serbien nach den Ereignissen von Sarajevo. Es gab nie Zweifel darüber! Und seine Politik riskierte klar eine russische Intervention. Für meine Begriffe lag Berchtolds eigentliche Schuld in der ungeschickten Art seiner Diplomatie, dem Ultimatum und letztendlich der Kriegserklärung an Serbien, die er zustellte ‒ per Telegramm und auf Französisch! Das geschah am 28. Juli 1914, einen Tag nachdem die Österreicher den Deutschen gestanden, sie könnten Serbien nicht vor dem 12. August angreifen!

Also lag auf Seiten der Mittelmächte die Hauptschuld bei Berchtold?

Berchtold war dort der Hauptakteur. Er drängte nicht nur auf einen Krieg zur Bestrafung Serbiens, sondern spielte durch seine Inkompetenz der russischen Diplomatie direkt in die Hände. Die Österreicher waren nun über Russlands Mobilmachung sehr besorgt. Sie wollten, dass Deutschland sich darum kümmert.

Aber auch Bethmann Hollweg war, ebenso wie Berchtold, der Aufgabe nicht gewachsen. Er schaffte es nicht, Österreich-​Ungarn zu bremsen, bis es schließlich zu spät war. Das entscheidende Datum in Bezug auf Bethmann Hollweg war die Nacht des 29. Juli. Zu diesem Zeitpunkt erhielt er endgültig den Hinweis aus McMeekin Europa1914London, dass Großbritannien im Falle eines europäischen Krieges eingreifen würde. Unmittelbar nachdem er es erfuhr, telegrafierte Bethmann Hollweg an seinen Botschafter in Wien. Er befahl ihm, die Österreicher an den Verhandlungstisch mit Russland zu zwingen.

Aber die Österreicher haben, zum größten Teil symbolisch, wenige Stunde zuvor mit dem Beschuss Belgrads begonnen. Das machte Bethmann Hollwegs diplomatische Initiative bereits bei der Ankunft zunichte. Die Geschichte des Juli 1914 war von Seiten Bethmann Hollwegs geprägt von Inkompetenz, Isolation und letztendlich dem sich langsam abzeichnenden Horror Deutschlands, durch die eigenen Verbündeten zu einem bestimmten Verhalten gezwungen zu werden. Bethmann Hollweg hatte seine ganze Außenpolitik dem Ziel gewidmet, sich Großbritannien anzunähern. Dessen Kriegseintritt gegen Deutschland im August 1914 war ein Schlag, von dem sich der Reichskanzler nie ganz erholte.

Ihr Kollege Christopher Clark nannte die europäischen Großmächte „Schlafwandler”, die quasi in den Krieg hineingeschlittert sind. Was denken Sie über diese These?

In diesem Punkt stimme ich nicht mit Clark überein. Trotzdem denke ich, in aller Fairness, seine „Schlafwandler”-Metapher war eher ein literarisches Spiel als wirklich Ausdruck seiner Argumentation. Ich denke, die meisten der entscheidenden Staatsmänner waren außerordentlich wach und sich sehr bewusst darüber, was sie tun.

Wussten sie auch, dass sie ein vierjähriges Gemetzel auslösen könnten?

Natürlich konnten sie sich nicht das Ausmaß des ungeheuren Blutbades von 1914 bis 1918 ausmalen und wie es der europäischen Zivilisation schaden würde. Diesbezüglich hat Clark absolut recht. Aber ich denke, sie waren sich der hohen Risiken, die sie für das Leben von Millionen Menschen eingingen, vollkommen bewusst. Die Quellen verdeutlichen das. Als der Zar zuerst die Generalmobilmachung zurücknahm, erklärte er: „Ich will nicht für eine monströse Schlachterei verantwortlich sein!” Es lassen sich viele Schlüsselereignisse und spezifische, unumkehrbare Entscheidungen ausmachen. Sie unterstreichen die wissentliche Verantwortung von Männern wie Berchtold, Sazonov, Poincaré, Bethmann Hollweg und den führenden Militärs für die Katastrophe.

Clarks „Schlafwandler”, die ausdrücklich Deutschland und Kaiser Wilhelm II. verteidigen, sind ein Bestseller geworden. Gibt es auch in den USA eine große Trendwende in der Geschichtswissenschaft, was die Ansichten über die Gründe des Ersten Weltkriegs betrifft?

Um genau zu sein: Ich bezweifle, dass der Streit über die Kriegsschuld und die Ursachen je zur Zufriedenheit aller gelöst werden kann. Dennoch denke ich, dass Clarks Buch und meine eigenen, jüngsten Bücher, nämlich die Russischen Ursprünge des Ersten Weltkriegs von 2011 sowie Juli 1914 von 2013, die Debatte in eine positive Richtung gelenkt haben. Das geschah nicht zuletzt dadurch, dass der wissenschaftliche Fokus erneut Richtung Osten, also auf den Balkan und den ganzen ehemaligen türkischen Einflussbereich gelegt wurde. Dort begann der Konflikt. Es bleibt merkwürdig, wenn Historiker in Anbetracht unserer Enthüllungen weiter argumentieren, dass Deutschland die ausschließliche Schuld am Ersten Weltkrieg trägt. Und was Kaiser Wilhelm II. betrifft, war er der am wenigsten kriegslüsterne Mann auf deutscher Seite. Aber all diese Fakten werden nicht verhindern, dass einige Historiker weiter von einer deutschen Alleinschuld sprechen.

Herr McMeekin, vielen Dank für das Gespräch!

Bild: Sean McMeekin /​© Ersin Ersoy

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