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Die Wartburg und Eisenach – auf der Suche nach dem „geheimen Deutschland“

Sonntag, 13 Juli 2008 04:00 von Simon Meyer

Deutschlands kulturelles Erbe ist nicht an einem Ort zentriert. Es gibt keine Stadt, in der alle Fäden zusammenlaufen, in der das Herz dessen schlägt, was Deutschland ausmacht. Eine Hauptstadt vergleichbar zu Paris oder London hat Deutschland nie besessen. Weder ist dies Frankfurt noch Nürnberg gewesen und später weder Wien noch Berlin. Was Deutschland ist, wird an anderen Orten spürbar, an versteckteren Orten, wenn solche Orte des geheimen Deutschlands überhaupt auffindbar sein sollten und nicht nur in uns selbst liegen. Ein solcher Ort, an dem man das geheime Deutschland finden kann, liegt hoch über Eisenach oben auf einem mit Laubwäldern überzogenen Hügel in Thüringen – die Wartburg.

Frühmorgens im Juni, gegen sechs Uhr, ist die Zeit, sich aufzumachen und die Laubwälder südlich von Eisenach auf dem Weg zum Gipfel zu durchstreifen. Die Luft ist klar und man ist noch fernab der Horden amerikanischer Touristen auf dem Stopp zwischen Neuschwanstein und Alhambra und noch schlafen die lärmenden Schulklassen, die wenige Stunden später schnatternd oder mit MP3-​Spieler am Ohr im Akkord durch die Hallen der Wartburg geschleust werden. Einzige Gefährten sind die bereits erwachten Singvögel.

Auf der Suche nach dem „geheimen Deutschland“

Die Wartburg sollte aus einiger Entfernung durch die Wipfel der Buchen und des Ahorns auf dem Berg wahrgenommen werden. Wer ihr zu nahe kommt, dem kann durch Bushaltestellen, Würstchenbuden, Verkehrsschilder und orangefarbene Abfalleimer der Zauber genommen werden. Doch von ferne mag man Heinrich von Ofterdingen singen hören. Dort ist es, dass geheime Deutschland, fernab nur als Hauch erahnbar und nur in uns selbst offenbar. Dort, zwischen den Buchen und dem Bergahorn lasse ich die Geschichte der Wartburg vor meinem inneren Auge passieren.

Mangels urkundlicher Erfassung verliert sich die Erbauungsgeschichte der Wartburg im Dunkel des 11. Jahrhunderts. Ludwig Bechstein erzählt die Sage von Graf Ludwig dem Springer, Stammvater des Thüringer Landgrafengeschlechts, als Gründer der Burg. Tatsächlich bestand auf dem Hügel wohl schon unter dessen Großvater, Ludwig dem Bärtigen eine Burganlage.

Ihre Blütezeit erlebt die Burg zu Beginn des 13. Jahrhunderts. Als Sitz des Landgrafen Hermann und dessen Sohn Ludwig wird die Wartburg zum Zentrum der höfischen Kultur im Reich. Walther von der Vogelweide besang hier die ritterliche Minne und Wolfram von Eschenbach schuf im Auftrag des Landgrafen Hermann seine Artusdichtung Parzival. Hier verschmelzen Schauplatz der Historie und Mythos. Schon wenige Jahre nach dem Tod Ludwigs 1227 auf dem Kreuzzug entstanden Dichtungen um den Sängerkrieg auf der Wartburg. Die Romantiker griffen den Mythos der Wartburg auf und Richard Wagner schuf mit dem Tannhäuser die musikalische Untermalung des Mythos und verhalf dem Sängerkrieg zu Weltruhm.

Doch nicht nur Verherrlichung des kriegerischen Heldentums am ritterlichen Hofe sondern auch dessen mittelalterliche Ergänzung durch die kirchliche Barmherzigkeitslehre nimmt gleichen Rang in der Geschichte der Wartburg ein. Hier wirkte Elisabeth, eine ungarische Prinzessin, die früh mit Ludwig vermählt worden war, als Dienerin der Armen. Bereits kurz nach ihrem Tod wurde sie von Papst Greogor IX. heilig gesprochen.

Martin Luther als Junker Jörg auf der Wartburg

Drei Jahrhunderte später ist die Wartburg erneut Schauplatz eines Ereignisses von herausragender Bedeutung für die deutsche Geschichte. Vom 4. Mai 1521 bis zum 1. März 1522 verbarg sich Martin Luther unter dem Namen Junker Jörg auf der Wartburg, wohin ihn der sächsische Kurfürst Friedrich der Weise verbrachte, um den durch das Wormser Edikt der Reichsacht verfallenen Reformator vor Nachstellungen zu schützen. Luthers Übersetzung des Neuen Testamentes in eine allgemeinverständliche und gleichwohl poetische deutsche Sprache ist maßgeblich für die Entwicklung einer einheitlichen deutschen Schriftsprache als Grundlage der Herausbildung eines deutschen Nationalstaates verantwortlich. Welche Richtung unsere Geschichte angesichts der Unterschiedlichkeit der einzelnen Stammesdialekte ohne eine solche Schriftsprache genommen hätte, mag man am Beispiel der Niederländer bedenken, die um 1520 noch als ein deutscher Stamm wie andere auch angesehen wurden, aber die Lutherbibel nicht übernahmen und damit ihrer plattdeutschen Volkssprache verhaftet blieben. Kaum 100 Jahre später schieden die Niederländer aus dem Reichsverband aus.

Mit einem Paukenschlag tritt die Wartburg im Oktober 1817 erneut in den Mittelpunkt der deutschen Geschichte. Etwa 500 Studenten begehen unter dem Banner von Freiheit, Ehre, Vaterland den 300. Jahrestag des Lutherschen Thesenanschlages in Wittenberg und den vierten Jahrestag der Völkerschlacht bei Leipzig, bei der viele der Teilnehmer noch für Befreiung und Einigung Deutschlands mit der Waffe gefochten hatten. Zwar war Napoleon besiegt, aber „der Himmel wölbte sich immer noch über Sachsen, Bayern, Württemberg und Österreich und nicht über Deutschland“, wie es sich im Stammbuch der Wartburg lesen lässt. Bis heute findet in Eisenach das jährliche Treffen der Deutschen Burschenschaft statt.

Ich werde die heißen Träume nicht los,
die Nacht blickt mit Augen so sehnsuchtsgroß —
zum offenen Fenster trete ich sacht,
meine Träume sinken in dunkelnde Nacht
wie Netze in flüsternde Fluten
(aus Walter Flex, Tannhäuser auf der Wartburg)


Es ist spät geworden, und damit Zeit für eine andere Stätte Eisenachs. Diese sucht man am besten gegen Abend auf, wenn die Schatten länger werden. Die Rede ist von dem etwas außerhalb der Altstadt gelegenen Friedhofs. Dort begegnet man einem weiteren Eisenacher, der Geschichte geschrieben hat: Walter Flex. Zwar liegen die sterblichen Überreste des Dichters nicht in Eisenach, sondern sind mit dem Königsberger Garnisonsfriedhof, auf den sie 1940 verbracht worden waren, verschwunden. Doch befindet sich auf dem Eisenacher Friedhof eine Nachbildung des Grabkreuzes von Peudehof auf der baltischen Insel Ösel von Hermann Hosaeus, ebenfalls ein gebürtiger Eisenacher. Die Inschrift des Grabkreuzes lautet:
Für Kaiser und Reich fiel der königlich preußische Leutnant Walter Flex bei Peudehof am 16. Oktober 1917, geboren in Eisenach am 6. Juli 1887.
Wer auf die preußische Fahne schwört, hat nichts mehr, was ihm selber gehört.

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