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Die Empathie der Gutmenschen

Freitag, 05 Februar 2016 17:06 von Thomas Villmannen
Zoriah, flickr, CC Zoriah, flickr, CC

Der Kampf um Aufmerksamkeit und Empathie ist brutal, meint Thomas Villmannen. Dies erleben wir gerade bei der Hilfe für die angeblich „Ärmsten der Armen“.

Eine weitverbreitete Eigenschaft des Menschen ist das Mitgefühl und die Fürsorge. Empathie ist der Schlüssel für das Menschsein. Es ist die Fähigkeit, Gefühle, Gedanken oder Motive anderer zu erkennen, aber es ist auch die Reaktion auf die Gefühle anderer. Gefühle wie Mitleid, Trauer oder Schmerz. Empathie ist, glauben wir dem Biologieunterricht, eine Entwicklung der Evolution, welche den Zusammenhalt und das „Zusammenhandeln“ in der Gruppe fördert. Dies erhöht die Überlebenschancen des Einzelnen. Also: Wenn wir anderen helfen, helfen wir eigentlich uns selbst.

Empathie wirkt hier auf zwei Arten. Familienfürsorge zum Beispiel funktioniert, indem man jene beschützt, mit denen man die Gene teilt. Dies ist eine Eigenschaft, die alle Tiere besitzen, die ihre Nachkommenschaft aufziehen. Die Biologie sagt uns auch, daß Uneigennützigkeit unabhängig von Verwandtschaft ist, also nicht nur in Familien zu erfahren ist. Wir tun etwas für andere, auch ohne die Erwartung etwas zurück zu bekommen. Das können Bagatellen sein, wie das Freischaufeln des Fahrzeugs unseres Nachbarn im Winter. Aber auch das Hingeben des eigenen Lebens für den Waffenbruder im Kriege.

Empathie in einer globalisierten Welt des Massenkonsums

Der Evolutionspsychologe Steven Pinker behauptet, daß der Großteil der menschlichen Gefühle und Verhaltensweisen dafür sorgt, daß soziale Dienstleistungen erbracht werden; quasi als Dienst am Mitmenschen. Sympathie und Vertrauen bewirken, daß man gibt. Dankbarkeit und Loyalität bewirken daraufhin, daß der Empfänger etwas zurückgibt. Ein gewisses Schuldgefühl und Scham trifft den Empfänger, der nichts zurückgibt, während der Geber Wut und Verachtung gegenüber demjenigen empfindet, der zwar nimmt, aber nichts zurückgibt. Gerüchte und andere soziale Interaktionen ermöglichen es, daß die, auf die Verlaß ist und die „etwas beitragen“, hervortreten können. Sie werden als loyal und großzügig betrachtet und erfahren dadurch hohes Ansehen, wohingegen Trittbrettfahrer, Geizkragen und Betrüger mit schlechtem Ruf gestraft werden.

Die Frage ist nun, wie diese Empathie funktioniert, wenn wir nicht länger als Gruppe auftreten, in der wir uns alle kennen, sondern Akteure sind in einer globalisierten Welt des Massenkonsums. Man kann freilich nicht erwarten, daß man etwas oder viel zurückbekommt, wenn man zum Beispiel ein Kind in Nepal adoptiert. Dafür bekommt man in einem solchen Fall jedoch soziale Anerkennung. Der Gebende zeigt, daß er eine Art Überschuß hat und nicht zuletzt: Empathie. Das macht ihn attraktiv – im Arbeits– und im Privatleben. Etwas was heutzutage, man betrachte sich nur nachdenklich seine eigenen Facebook-​Freunde, für viele ja zum Leben gehört wie die Luft zum Atmen: Anerkennung!

Gutmenschenindustrie: Betrug mit der sozialen Anerkennung

Etwas Überschüssiges zu geben, zehrt jedoch von jenem Überschuß. Wenn es nur um den eigenen Status geht, ist es mitunter klüger, nur so zu tun, als gebe man etwas ab. Oder man gibt etwas, was eigentlich einem anderen gehört. Viele verdienen sogar damit Geld, als „empathische“ Menschen oder Firmen da zu stehen. Hotels zum Beispiel fordern ja ausdrücklich ihre Gäste zum sparsamen Gebrauch der Handtücher auf, um damit die Umwelt zu schonen. Oder vielleicht doch eher das Wäschereibudget? Diese Gutmenschenindustrie gibt es zuhauf hierzulande. Aber auch in anderen europäischen Ländern finden sich diese Nutznießer. Für viele ist es ein Job wie jeder andere. Aber außer dem Gehalt bietet diese Arbeit auch eine Aura der Güte und Aufopferung; einen Glanz der Empathie, von dem die Lakaien des Geldes und der Gleichmachung nur träumen können.

Aber: Gute Intention gibt keine Garantie, daß das Resultat gut wird. Manche, die für eine Sache brennen, sind gut und gerne auch in der Lage andere, nur anders, brennen zu lassen. Und es gibt die, für die die Sache, für die sie einst brannten, plötzlich uninteressant wird, wenn sie ihren Ruhm erhalten haben. Wie viele scherten sich doch einen Dreck darum, was aus dem bespendeten Kind in Afrika, Asien oder Südamerika wurde, nachdem sie zehn Euro überwiesen hatten. Spannend wird es aber immer dann, wenn die Bespendeten keine Hilfe wollen und so dem Gutmenschen seinen Ruhm rauben.

Spenden, die niemand will

Dazu ein fiktives und ein reales Beispiel: In Finn Skårderuds Buch Unruhe – Eine Reise in das Selbst beschreibt der Autor einen Arbeiter einer Hilfsorganisation in einem Slum im indischen Kalkutta, welcher hart mit den Einwohnern eben jenes Slums ins Gericht geht, weil diese sich erdreisten mit der Gesamtsituation weitestgehend zufrieden zu sein, und es ihm damit nehmen ihr Retter zu werden. In diesem wunderbaren Buch erfährt man knallhart, wie unzufrieden stellend es für den Gutmenschen sein kann, wenn sein Tun auf Ablehnung oder Ignoranz stößt.

So ging es auch der Norwegerin Turid Thesen. Diese ältere Dame, die über 20 Jahre zwischen Norwegen und Rumänien pendelte und zehntausende Euro sammelte, um Zigeuner in Norwegen und Rumänien zu unterstützen, äußerte 2012 in einem in dem norwegischen Regionalblatt „RanaBlad“ erschienenen Artikel ihren Einsatz für eine Zigeunerfamilie, die sie in Norwegen beim Betteln kennengelernt hatte. In dem Artikel zeigt sich sehr deutlich ihr Mißfallen darüber, daß ihre Bargeldgeschenke zwar lächelnd angenommen wurden, Spielsachen, Kleider und andere Sachspenden aber auf dem Müll landen würden und, was viel schlimmer ist, die Familie noch immer nach Norwegen käme um zu betteln, obwohl sie es der Familie doch ermöglicht hätte, in Rumänien vernünftig zu leben.

Die Enttäuschung über den entgangenen Ruhm konnte man ihr förmlich ansehen. Nur: Wer sich auch nur ansatzweise mit der Zigeunerkultur auseinandersetzt, wird schnell erkennen, daß Zigeuner eben nicht auf ein Leben aus sind, wie man es in westlichen Zivilisationen gewohnt ist. Der Wille und die Motivation zu ehrlicher Arbeit gehören da ebenso dazu wie Sauberkeit und Ordnung. Eine Tatsache, die Frau Thesen nur schwer lernen konnte.

Die Massenmedien spielen mit der Empathie der Menschen und nutzen sie aus

Nun, daß Empathie biologisch gesehen auf Eigennutz basiert, heißt jedoch nicht, daß wir alle auf eine machiavellistische Weise erst einmal den zu erwartenden „Gewinn” kalkulieren, ehe wir einen Finger krumm machen für andere. Wir sind tatsächlich aufrichtig aufopferungsvoll, aber das Mitgefühl entsteht eben, weil es auf längere Sicht nützlich in der Entwicklungsperspektive ist. Darum ist Mitgefühl nicht nur Schmerz. Wäre dem so, dann würden wir es einfach vermeiden zu helfen. Machen wir uns den Schmerz anderer zu eigen, fühlen wir deren Schmerz mit, dann tut es mitunter sogar gut. In Skandinavien war es vor nur wenigen Jahrzehnten noch üblich, sich das Bild eines weinenden Zigeunerjungen an die Wand zu hängen, um sich immer der Tragödien dieses Völkchens zu erinnern und „mitzufühlen“.

Waren es früher Geschichten über totkranke Tuberkulosepatienten oder Romane über eine tragische und unglückliche Liebe, die die Menschen mitfühlen ließ und ihnen damit ein fiktives Mitgefühl schenkte, haben diesen Markt heutzutage die modernen Massenmedien übernommen und kurbeln damit die bereits mehrfach genannte Gutmenschenindustrie an. Keine der großen Internetseiten, kein Fernsehsender und keine Gazette kommt ohne Bilder oder Filmchen von angeblichen Opfern aus, die uns animieren sollen sie zu unterstützen – am besten mit Geld! Wieviel von diesem gespendeten Geld kommt eigentlich wirklich in dem kleinen afrikanischen Dörfchen an? Und wieviel bleibt eigentlich in „organisatorischen Strukturen“ hängen? Viele Fragen.

Der Opferstatus

Eine vor allem in Norwegen bekannte Geschichte ist die einer Zigeunerfrau, welche zu einem Gefängnisaufenthalt verurteilt wurde. Angeblich wurde sie das, weil der norwegische Staat die Zigeuner unterdrücken würde. Daß diese Frau aber eigentlich verurteilt wurde, weil sie ihre elfjährige Tochter für Sexspiele hergab, fiel geflissentlich unter den Tisch und zeichnete ein gänzlich anderes Bild. Der fiktive Zigeunerjunge von dem Bild der norwegischen Großmutter tauscht fix den Platz mit der Zigeunerfrau, welche zwar nicht aus dem Rahmen von der Wand schaut, aber immer noch erbärmlich und heulend, diesmal aus dem Fernsehapparat. Die Gutmenschen kochten.

Die Konsequenz hieraus muß klar sein. Der Opferstatus ist oft gar nicht reell. Zudem muß das reelle Opfer, dem die Aufmerksamkeit eigentlich gelten sollte, eine Menge Energie gebrauchen, um den Empathiemarkt zu erreichen und damit zu hoffen, daß seine Probleme gelöst werden. Empathie jedoch ist meistens nicht gerecht. Sie erscheint meist erst, wenn wir das Opfer sehen. Richten wir den Blick gen Mittelmeer. Die meisten der heute vielbesprochenen Bootsflüchtlinge sind nicht verfolgt, sie sind ebensowenig „die Ärmsten der Armen“, denn die Flucht nach Europa können sie durchaus bezahlen, genauso wie ein Smartphone. Wer von uns kann denn mal schnell 5000 Dollar zusammenbringen? Es werden die wenigsten sein. Aber diese Bootsflüchtlinge sind im Fernsehen! Nur diese! Die Allerärmsten sehen wir nicht, sie sind es, die am Empathiemarkt verlieren.

Andererseits, will man Hilfe haben, hilft es oft auch einfach nur schön zu sein. Aus diesem Grund fällt es uns auch leichter, den „Schönen“ zu helfen oder eben den Pandabären in China. Andere, weniger ansehnliche, Tierarten gehören daher zu den Unglücklichen, denn sie appellieren nicht an die menschliche Ästhetik.

Ein brutaler Markt

Der Empathiemarkt ist mindestens genauso brutal wie jedes andere Geschäft. In Indien werden kleine Kinder der untersten Schichten (Kasten) geblendet, um die Empathie zu erhöhen und damit den Gewinn aus ihren Bettelzügen. In Europa benutzt die kriminelle, meist aus Rumänien oder Bulgarien stammende, Bettelindustrie verkrüppelte Menschen.

Betteln und Prostitution desweiteren haben vieles gemeinsam. Während das Straßenmädchen dem Kunden eine flinke, unkomplizierte Lösung seines sexuellen Dranges verspricht, gibt der Bettler seinem Kunden einen fixen Kick des Gutfühlens. Würde man an einen solchen Kunden einen Gehirnscan durchführen, während er das Geld in den Klingelbeutel des Bettlers wirft, so würde das Lustzentrum im Gehirn leuchten wie ein Weihnachtsbaum.

Krisenhilfe vor Ort ist 24mal effektiver

Auch in der Politik kann man das sehr gut beobachten. Norwegen ist auch hier ein gutes Beispiel. In der Diskussion um die Aufnahme von 10.000 sogenannten Quotenflüchtlingen aus Syrien, zeigte es sich, daß eine Mehrzahl des Landesparlamentes in Oslo lieber 10.000 Flüchtlinge in einer aufsehenerregenden Operation ins Land holen wollte, anstatt mit demselben Geld vor Ort in Syrien 24mal so vielen Menschen zu helfen! 240.000 Menschen, so die Kalkulation der blau-​blauen Regierung, hätte man mit dem Geld, das die norwegische Regierung ausgeben wollte, helfen können.

Doch die vereinten Oppositionsparteien, darunter rote und grüne Weltverbesserer, wollten lieber 10.000 ins Land holen und damit ein Zeichen setzen. Vergessen wurde dabei, daß in norwegischen Erstaufnahmeeinrichtungen noch über 5.000 Flüchtlinge sitzen – teils seit Jahren – und darauf warten, auf einen Wohnort zugewiesen zu werden. Wo die 10.000 eventuell Kommenden nun leben sollen, konnten auch die Oppositionsparteien bisher nicht beantworten. Jedoch zeigte man sich erst mal generös und erfuhr Aufmerksamkeit! Man konnte seine Gesichter wirksam auf Seite eins der Medienwelt plazieren. Das Lustzentrum war befriedigt.

Empathie in Sozialen Netzwerken

Facebook und auch Twitter sind die Imperien der Empathie. Natürlich ist es in Ordnung, soziale Medien zu gebrauchen, um Engagement zu zeigen und Gesellschaftsprobleme zu diskutieren. Aber oft endet es in einem Ritual und hohlem Getue, dem Posieren der eigenen Güte, dem „sich und andere täuschen“, indem man sich einredet, die Welt zu retten. Ein Problem ist, daß die Statusposts selten davon handeln, was der jeweilige Profilinhaber machen wird, jedoch aber was der Staat machen sollte. Immer mehr Zeitgenossen zeigen ihre Großzügigkeit in der Öffentlichkeit auf Rechnung des Staates. Empathie vom Staat zu erwarten, ist aus vielen Gründen problematisch. Der Staat ist ein soziales Konstrukt ohne Gefühle. Außerdem sollte ein Staat ein vorausschauendes und ausbalanciertes System aus Rechten und Pflichten sein. Diese Prinzipien sind ehrenhaft und haben uns den Wohlfahrtsstaat gebracht, von dem Millionen bisher profitiert haben.

Und genau das ist es, was die heutigen Politiker zerstören, indem sie aufgrund ihrer tatsächlichen oder geheuchelten Empathie versuchen, alle möglich denkbaren Opfer dieser Welt zu retten und in dieses System einzuschleusen. Auch hier wieder der Blick nach Skandinavien. Schweden steuert längst dem Kollaps des Wohlfahrtsstaates entgegen. Die kürzlich eingeführten Grenzkontrollen sind nur der Anfang eines unausweichlichen Endes. Grund ist die grenzenlose, empathische Einwanderungspolitik. Jeder, der sich in Schweden dagegen ausspricht, wird wie auch in Deutschland als Rassist, Egoist oder Nazi betitelt und aus der „guten Gesellschaft“ ausgeschlossen.

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