Startseite Rezension Das Debüt von „The XX“ ist unser Album des Jahrzehnts
Das Debüt von „The XX“ ist unser Album des Jahrzehnts PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Benjamin Jahn Zschocke   
Donnerstag, den 07. Januar 2010 um 00:00 Uhr

The XXDa die ersten zehn Jahre des neuen Jahrtausends Vergangenheit sind, ist eine Rückschau angebracht. Was bleibt musikalisch von diesem Jahrzehnt? Zum einen das Wissen, daß alles mit allem kombinierbar ist sowie Aufstieg und Fall des Indie. Und nicht zuletzt das unglaubliche Debüt der Londoner Band „The XX“ mit gleichnamigem Album 2009, die noch vor einem Jahr niemand kannte. Inzwischen spielen sie vor ausverkauften Häusern.

Vertonte Liebe mit allen Höhen und Tiefen

„The XX“ stellt nicht bloß ein Phänomen dar, sondern ein Mysterium. Teilweise spielen sie zwei Konzerte an einem Abend. Dabei ist es wichtig, sich trotz des bei „MySpace“ Dargebotenem ein eigenes Bild zu machen. Auf den Pressephotos wirken Romy Madley Croft, Oliver Sim, Jamie Smith und Baria Qureshi wie der millionste Nachbau einer Indie-Band. Sie nennen einige ihrer musikalischen Einflüsse. Die verführen einen nicht gerade zu musikalischen Luftsprüngen: Justin Timberlake, Missy Elliott, Rihanna, „The Cure“.

Ist sicher nicht so interessant, denkt man zuerst. Doch nach zehn Sekunden des Intros setzt man sich wieder, stellt die Teetasse hin und fängt an, ins Leere zu starren, in dieser Musik zu verschwinden. Es folgen Stücke, eines klingt unglaublicher als das Nächste. Nach 39 Minuten ist Schluß und man bleibt tief bewegt, getroffen an einem Punkt, der selten von Musik berührt wird. Er liegt irgendwo im hintersten Winkel des Herzens, dort wo sonst das stärkste Gefühl sitzt, zu dem wir Menschen fähig sind. Und tatsächlich: die ersten Worte, die Croft auf dieser Platte zu Sim singt, sind „You used to have all the answers“.

Multiplikation musikalischer Möglichkeiten, reduziert aufs Wesentliche

Das doppelte X bietet Anlaß zu Spekulationen. Möglicherweise verweist es auf das Alter der Bandkollegen, die gerade mal 20 sind. Es könnte aber auch ein Seitenhieb auf alle Gitarrenbands sein, die sich nur über das „The“ am Anfang definieren. Vielleicht sollten wir „The XX“ auch einfach als den musikalischen Höhepunkt des ersten Jahrzehnts nach dem 20. Jahrhundert bewerten. Obwohl Baria Qureshi die Band bereits wieder verlassen hat und man von ihnen so gut wie nichts im Radio hört, ist „The XX“ derzeit eine der besten und erfolgreichsten Bands überhaupt.

Sie verbinden entschlackte und hochgradig atmosphärische R’n’B-Klänge mit der Trockenheit von Gitarrenbands wie den „Pixies“ und den Einflüssen des HipHop. Beispielsweise verwenden sie elektronische Beats aus der Drummachine. Dazu kommt der unverwechselbare Wechselgesang von Croft und Sim, der alle Erklärungen und Definitionen Matt setzt. „The XX“ multiplizieren die musikalischen Möglichkeiten, ohne je in opulenten Arrangements zu enden. Die gesamte Platte wurde auf das Notwendigste reduziert. Dabei bedienen sich „The XX“ mittels einer Mischung aus äußerst sparsamer Notation und gezielt eingestreuten Pausen uralten Grundmustern des Souls. Dementsprechend hoch dürfte auch die Haltbarkeitszeit der Platte sein. Damit ist „The XX“ definitiv das Album des Jahrzehnts.

 
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