Startseite Rezension Ordnung und Verfall, ahistorisch: Ernst Jüngers „Auf den Marmorklippen“
Ordnung und Verfall, ahistorisch: Ernst Jüngers „Auf den Marmorklippen“ PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Marco Reese   
Sonntag, den 10. Januar 2010 um 17:30 Uhr

MarmorklippenPolitisch vereinnahmen ließ sich der Schriftsteller Ernst Jünger selten. Dies gilt vor allem für den Nationalsozialismus, aber ebenso für dessen prominente Gegner Claus Schenk Graf von Stauffenberg und Graf Adam von Trott zu Solz. Warum das so war, zeigt besonders der im Spätherbst 1939 veröffentlichte Roman „Auf den Marmorklippen“.

Nicht nur symbolisch lesbar

Denn auch heute lässt sich die von Jünger in nordische Mythenwelt und mediterrane Landschaften eingebettete Erzählung nicht einfach auf ihren symbolischen Charakter verkürzen. Jünger stritt die Chiffren zur nationalsozialistischen Diktatur nicht ab, wollte das Werk jedoch immer auch als Allegorie der Zeitumstände überhaupt auffassen. Gegen eine zu deutliche Betrachtung der „Marmorklippen“ als Widerstandsbuch hat Jünger selbst sich nach 1945 gewehrt. Damit setzte er sich auch in Gegensatz zu jenen, die schon immer dagegen gewesen sein wollten. So erscheint eine zeitliche Einordnung schwierig, es finden sich moderne wie frühneuzeitliche Elemente. Dies erschwert eine historische Einordnung des Romans. Der Jünger-Biograph Heimo Schwilk spricht den „Marmorklippen“ zurecht eine „ahistorische Geschichtsauffassung“ zu.

Dementsprechend könnte der Leser hier auch einfach allgemeine Charakteristika des Zerfalls am Wirken sehen. „Ihr alle kennt die wilde Schwermut, die uns bei der Erinnerung an Zeiten des Glückes ergreift. Wie unwiderruflich sind sie doch dahin, und unbarmherziger sind wir von ihnen getrennt als durch alle Entfernungen”, mit diesen Sätzen eröffnet ein von Jünger wohl auch autobiographisch angelegter Erzähler die Rahmenhandlung. Dieser lebt mit seinem Bruder Otho und weiteren Angehörigen in der Rautenklause auf den Marmorklippen. Sie trennen die zivilisierte Landschaft Marina im Süden von der von Hirten bewohnten Campagna im Norden. Im Norden schließt sich ein Waldgebiet an, aus dem heraus der Oberförster Zwietracht und Schrecken verbreitet. Jenseits des Meeres im Süden, gegenüber der Marina, liegt das Land Alta Plana, späteres Exil der Brüder.

„Auf den Marmorklippen“ als Schlüsselroman

Der Oberförster unterhöhlt im weiteren Handlungsverlauf zunehmend die ursprüngliche Sippengemeinschaft der Campagna wie auch die im Verfall begriffene Ordnung der Marina. Es kommt zu Intrigen, Mord, auch zur Entehrung von Heiligem. Immer weiter greifen Chaos und Anarchie um sich. Doch die Brüder betätigen sich nur als Beobachter. Sie wollen „mit reiner Geistesmacht“ widerstehen. Dabei stehen sie im Kontakt mit einem nahe wohnenden Priester wie auch mit einem alten Hirten, der mit seiner Sippe ein Gehöft in der Campagna bewohnt. Dort, an einem Ort namens Köppelsbleek, machen sie die schreckliche Entdeckung einer Schinderhütte, einer Mordstätte. Deutlich spielt Jünger hier auch auf die Schinderhütten totalitärer Herrschaft an: Konzentrationslager und Gulag. Das Antlitz der Tyrannei wird in ihnen deutlich.

Bald darauf erhalten die Brüder Besuch von zwei Männern: einem jungen Adligen und einem alten Kämpfer. Beide wollen über Möglichkeiten des Widerstands gegen den Oberförster sprechen. Die Brüder lehnen jedoch ihre Beteiligung ab. Tatsächlich hielt Ernst Jünger vor dem 20. Juli 1944 Sicherheitsabstand zu den Attentatsplänen von Stauffenberg. Auch im Roman scheitern die Aufständigen und kommen um. Die Brüder fliehen, verbrennen ihr Hab und Gut und fliehen nach Alta Plana, während der Oberförster Campagna und Marina verwüsten lässt. Die Gebrüder Jünger freilich blieben auch nach 1944 in Deutschland.

Autobiographische Referenzen

Trotzdem fallen viele autobiographischen Bezüge auf. Otho scheint Ernst Jüngers Bruder Friedrich Georg zu entsprechen. Beide betreiben in der Rautenklause hauptsächlich botanische Studien. Als Anspielung auf die Gebrüder Jünger gilt vielen Rezipienten auch die Erwähnung einer Jahre zurückliegenden Kriegsteilnahme und des folgenden Beitritts zu einem Orden, der den nationalistischen Kreisen der 1920er Jahre entspräche.

Häufig wurden auch Parallelen zwischen dem Oberförster und Hitler oder Göring gezogen, vor allem im Hinblick auf die Art der Machtausübung. Weiterhin könnte der Hinweis, daß „selbst die Kriegerkaste“ zu zagen beginne, „wenn sie das Larven-Gelichter aus den Niederungen auf die Bastionen emporgestiegen sieht“, die prekäre Situation der Wehrmacht, überhaupt der althergebrachten Institutionen gegenüber dem NS-Regime andeuten. So finden sich in den „Marmorklippen“ Denkfiguren gezeichnet, die in der Zeitgeschichte ihre Spiegelung erfuhren.

Ein Roman über Ordnung und Verfall

Sieht man jedoch von diesen zeitlichen Bezügen ab, beschreibt „Auf den Marmorklippen“ vor allem den Aufstieg chaotischer Kräfte in einer einst funktionierenden, organisch aufgebauten Gemeinschaft. Die Zerstörung des Gefüges steht dabei vor allem analog zum geistigen Verfall. Demnach müsste auch der Neugestaltung zunächst die geistige Gesundung vorangehen. Dies ist eine Botschaft des Romans.

Die Veröffentlichung der „Marmorklippen“ war im Dritten Reich nicht unproblematisch angesichts der, freilich verklausulierten, Anspielungen auf Gegenwärtiges. Es gelang, das Werk unzensiert erscheinen zu lassen. So könnte die Zensur Grund für die „ahistorische“ Landschaft und große Interpretationsspielräume sein. Der Germanist Martin Tielke stellt die grundsätzlichen Vorbehalte Ernst Jüngers gegen Staatsstreichpläne in seinem Essay „Der stille Bürgerkrieg“ heraus. Der Nationalsozialismus sei nicht das einzige Problem gewesen. Die moderne Tyrannis stütze sich vor allem auf den „demos“, das Volk. So dürfte auch das Wissen darum Jüngers Skepsis gegenüber Umsturzplänen motiviert haben.

Zeitlos gültig: Menschen-Ordnung muß manchmal durchs Feuer gehen

Es bedarf also mehr als bloßer Regimewechsel. Ernst Jünger befasste sich immer wieder mit dem Problem des Nihilismus und seiner Überwindung, etwa im 1951 veröffentlichten Essay „Über die Linie“. In den „Marmorklippen“ sollen geistige Wandlung und Neubegründung, „neue Ordner“ und „neue Theologen“ die Dekadenz überwinden.

Weder 1945 noch nach 1989 ist dies ausreichend geschehen. So behält Jüngers herrliche Erzählung, die sich nach Ansicht eines damaligen Rezensenten „in die erlesenste deutsche Prosa einreiht“, ihre Aktualität. Auch die darin ausgesprochene Überzeugung gilt noch immer: „Die Menschen-Ordnung gleicht dem Kosmos darin, daß sie von Zeit zu Zeiten, um sich von neuem zu gebären, ins Feuer tauchen muß.“

Ernst Jünger: Auf den Marmorklippen. Stuttgart: Klett-Cotta 2008. 138 Seiten. 17,90 Euro.

 
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