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„Vor zwei Jahren schrieb mir Ernst Nolte, als Antwort auf einen Brief, dass es ‚seit langem‘ so scheint, als gehe es im ‚deutschen Geschichtsunterricht mehr um die Festigung apodiktischer Urteile als um die Erwägung von Interpretationsmöglichkeiten.“ Siegfried Gerlich stellt sich der Aufgabe einen Mann zu porträtieren, der seine Interpretationsmöglichkeit gefunden hat. Seine 2009 bei Edition Antaios erschienene Biographie „Ernst Nolte. Portrait eines Geschichtsdenkers“ öffnet das Tor zu der Welt eines streitbaren Historikers.
Ein Denker ,,zwischen den Fronten“ Die als Werkbiographie angelegte Veröffentlichung lässt die Person Nolte, wie es von ihm verlangt wurde, zwar außer Acht, verdeutlicht jedoch im Kapitel Weichenstellungen und Wegmarken, in dem kurz der Lebensweg skizziert wird, dem Leser, aus welchem Antrieb heraus der Historiker Ernst Nolte seine Forschungen begann. Danach erfolgt ein tiefer Blick in den komplexen Terminus der Geschichtsphilosophie und Gerlich kommt zu dem Schluss, dass Nolte ein denkender Geschichtswissenschaftler, ein Geschichtsdenker ist, der, eben weil er Philosophie und Wissenschaft zu einer Synthese führt, ein Gelehrter ist, der zwischen zwei Stühlen sitzt. Die Methode eines Geschichtsdenkers Dieser Umstand reicht dennoch nicht aus dem Außenseitertum Noltes gerecht zu werden. Ein weiterer Ansatz, den Gerlich beschreibt, besteht in Noltes Methodologie, die sich wie folgt zusammenfassen lässt: Historische Erscheinungen sind Phänomene, das heißt sich zeigende und erscheinende Vorstellungen, welche, dadurch dass sie über eine eigene Sprache verfügen, dem Menschen ein neues Verständnis von sich selbst geben. Damit sind Phänomene im weiteren Sinne nichts anderes als Ideologien und der Mensch wird zum homo ideologicus. Die Aufgabe des Gelehrten ist es, diesen Umstand zu verneinen und in eingenommener Distanz diese Phänomene zu beschreiben. Damit gelangt er zur Objektivität. Diese historische Phänomenologie Ernst Noltes steht in starkem Kontrast zur Historischen Sozialwissenschaft Hans-Ulrich Wehlers. Diese und andere Erkenntnisse zeigen Gerlichs philosophisches Verständnis und zeugen davon, dass er sich intensiv mit seinem Thema auseinandergesetzt hat. Besonders seine Erklärung von theoretischer und praktischer Transzendenz, auf die Nolte in seinen Ausführungen immer wieder eingeht, erschließen eine ganz neue Sicht auf Faschismus, Kommunismus, Liberalismus und zuletzt den Islamismus. Die Kritik der Würdigungsliteratur Gerlich verfügt über eine überaus klare Sprache und Gedankenführung, die es ihm ermöglicht alle Werke von Nolte zu erläutern und ihre Bedeutung darzulegen. Besonderes Augenmerk gilt hierbei dem Kapitel Die historische Existenz, die ewige Linke und das jüdische Paradigma, welches eine ganz neue Sicht auf das Judentums eröffnet. Kleine Ungereimtheiten sind ihm deshalb verziehen, indem er etwa Rousseau als Vertreter des Liberalismus erscheinen lässt. Dem widerspricht zudem Nolte selbst. (Ernst Nolte: Der Europäische Bürgerkrieg 1917-1945, Frankfurt/Main; Berlin 1987. S. 539) Der Kritik der unkritischen Würdigung ist abermals zu widersprechen: Konstruktive Kritik wird sowohl an Noltes „personalistisch ausgerichteter Geschichtsschreibung“ geübt sowie am fehlenden Gewicht des Liberalismus im Europäischen Bürgerkrieg. Trotz alledem würdigt Gerlich Nolte als Mensch und als Wissenschaftler. Dieser sei ein kritischer und tragischer Verteidiger des liberalen Systems, der sich nie einer Ideologie verschrieb und deshalb das Gebot der wissenschaftlichen Objektivität ausnahmslos befolgt habe. Deshalb zählt dieses Buch als „Würdigungsliteratur“ und genau dieser Tatbestand ist ein weiterer Verdienst von Siegfried Gerlich. Dass dies unter einigen Intellektuellen vielleicht wieder Anstoß erregt, ist allzu wünschenswert, denn: „was keinen Anstoß erregt, wird selten in das Gebiet der Wahrheit gehören.“ (Ernst Nolte: Der Europäische Bürgerkrieg 1917-1945, Frankfurt/Main; Berlin 1987. S. 599) Gerlich spannt einen weiten Bogen, der bis in die Gegenwart reicht und dem denkenden, vernünftigen Menschen die Problematik der Zukunft deutlich vor Augen führt, sodass dieses Buch nicht nur einer überaus gelungen Werkeinführung gleichkommt, sondern zudem eine ganz neue Sicht auf das Ganze der Welt eröffnet. |