Startseite Rezension An der Schmerzgrenze: SCHALL UND WAHN von Tocotronic
An der Schmerzgrenze: SCHALL UND WAHN von Tocotronic PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Benjamin Jahn Zschocke   
Donnerstag, den 11. März 2010 um 15:02 Uhr

TocotronicSCHALL UND WAHN ist ein komisch verkopftes Werk. Das neunte Album der Band Tocotronic ist opulent, bombastisch, überdreht und wird allgemein als große Kunst gefeiert. Es erscheint wie die Karikatur eines gewollten Opus Magnum, das aber im Schwulst versandet. Noch nie sang Dirk von Lowtzow weicher und affektierter, noch nie klangen Tocotronic so gewollt intellektuell. Dennoch landete es auf Platz eins der deutschen Charts. Ein Novum in der 17-jährigen Bandgeschichte.

Tocotronic im warmen Rückenwind der Medien

Die Werbetrommel für SCHALL UND WAHN wurde äußerst kräftig gerührt. Die Band, die früher alles Scheiße fand, was nach Kommerz roch, Plakate und T-Hemden selbst bemalte, wirbt jetzt mit dem Pop-Pseudoavantgarde-Video zur Single „Mach es nicht selbst“ bei Social Communities wie StudiVZ und gibt jedem, der es hören will, sinnfreie Interviews. Das tut weh und stellt die Frage nach der Glaubwürdigkeit.

Eigentlich wollte man wegkommen von der Plakativität, doch ein Blick zum obligatorischen Merchandise enttäuscht. T-Hemden künden: „Im Zweifel für den Zweifel“ und „Keine Meisterwerke mehr“. Doch das ist eine normale Entwicklung, wenn man richtig Geld verdienen will. Was das Album zu bieten hat, faßte die Wiener Zeitung indes sehr treffend zusammen: „Ein inhaltliches Leitmotiv sollte man sich diesmal aber nicht erwarten.“ In der Zeit wird man noch konkreter: „Doch den Schlachtrufen fehlt ein erkennbares Ziel, ein griffiger Gegner, ein konkreter Anlass.“

Live stemmen sich Tocotronic erfolgreich gegen den Pop

So widersprüchlich und schwer nachvollziehbar das auch sein mag, so charmant und liebenswert ist die Band live. Das Konzert am 6. März in Offenbach ist ein Höhepunkt in der Bandgeschichte. Bei aller Avantgarde ist und bleibt Tocotronic eine Rock-Band. Der Abend beginnt vor randvollem Saal mit den ersten Stücken des neuen Albums, die sich live viel besser ins vertraute Klangbild einfügen. Richtig zündet es dann mit den Klassikern, zu denen auch schon „Verschwör dich gegen dich“ vom letzten Album KAPITULATION gehört.

Dirk von Lowtzow ist die Diva des Abends und untermalt seine Kunst mit den pathetischsten aller Gesten. Als aber Schlagzeuger Arne Zank zum Mikro greift, gibt es kein Halten mehr. Er bringt uralte Stücke der ersten Platten zu Gehör, welche die vielen Teenies im Publikum kaum kennen werden. Während Gitarrist Rick McPhail zum Schlagzeug gewechselt ist und Dirk von Lowtzow und Bassist Jan Müller rocken, wie seit Jahren nicht mehr, tanzt und springt Zank verkorkst über die Bühne. Als letzte Zugabe ist die Neubearbeitung des ersten Tocotronic-Stückes „Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit“ zu hören und für einen Moment sind Tocotronic wieder die beste Band der Welt.

 

 
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