Startseite Rezension Ambivalentes „unverzichtbares Nachschlagewerk“: Das ElternBuch von Andresen, Brumlik und Koch
Ambivalentes „unverzichtbares Nachschlagewerk“: Das ElternBuch von Andresen, Brumlik und Koch PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Dirk Hack   
Montag, den 19. April 2010 um 08:50 Uhr

Das ElternbuchDie meisten von uns sind jung, gebildet, engagiert – aber hoffentlich vor allem eins: irgendwann einmal werdende Eltern. Das „Kinderkriegen“ stellt eines der Urprinzipien in der Natur dar. Bereits seit Tausenden von Jahren ablaufend, ist es jedoch für den einzelnen Menschen stets etwas Neues. Um das einschneidende Erlebnis des Elternwerdens besser bewältigen zu können, bietet der Buchhandel eine Fülle an guten und schlechten Eltern- und Erziehungsratgebern. Ein weiteres Exemplar ist zu Beginn dieses Jahres beim Beltz-Verlag erschienen. Das ElternBuch der Herausgeber Sabine Andresen, Micha Brumlik und Claus Koch verspricht mit „50 Top-Wissenschaftlern“ werdenden Eltern eine Stütze im Erziehungsalltag zu sein.

Gute Verknüpfung von Theorie und Praxis

Zunächst sei den Autoren für ihr hehres Ansinnen gedankt, eine Brücke zwischen Erziehungswissenschaft und pädagogischer Praxis schlagen zu wollen. In der Einleitung wird richtigerweise festgestellt, dass die Erziehungswissenschaft zumeist ihr Licht unter den Scheffel stellt. Viel zu oft ergeht sie sich in Elfenbeinturmbetrachtungen und deskriptiven Theoriebildungen, ohne für den Praktiker greifbares Wissen zu produzieren. Als Schnittstelle zwischen diesen beiden Betrachtungsebenen kann das vorliegende Kompendium mit seiner vielgestaltigen Autorenschaft durchaus dienen.

Schon im Vorwort wird die Janusköpfigkeit des Ratgebers deutlich

Leider wird auch bereits im Vorfeld deutlich, woher der Wind weht. So wird beispielsweise der „LeserInnenschaft“ (sic!) eine Erklärung für das zunehmende Interesse an Erziehungsfragen gegeben. Unter anderem seien die „Überwindung traditioneller Geschlechterrollen“, „neue Familienkonstellationen“ sowie PISA und die demographische Entwicklung hierfür verantwortlich. Diese Orientierungslosigkeit, Wertebeliebigkeit und die schlechten Schulsysteme wurden von den Erziehungswissenschaften miterzeugt und tragen zeitgleich zu ihrem Erhalt bei.

Buch besticht durch logischen Aufbau gemäß der kindlichen Entwicklungsetappen

So konkret wird die Sachlage natürlich nicht ausgesprochen. Auch ist zu bedenken, dass sich bei einer Ansammlung von „50 Top-Wissenschaftlern“ sicherlich 60 verschiedene Meinungen herauskristallisieren lassen, was noch mehr Wirrnis stiftet. Demgegenüber besteht das Buch dem kritischen Blick des Betrachters auf jeden Fall hinsichtlich seines Aufbaus. „Vor der Geburt“ setzt das ElternBuch bereits an, was für sich genommen sehr löblich ist. Allerdings hat man in diesem ersten Kapitel den Eindruck, als wöllten die Autoren Frauen von einer Elternschaft abraten: „Abschied von der Karriere? Weitgehender Ausschluss von der Teilnahme am kulturellen und beruflichen Leben? […] Wird ihr Partner bei ihr bleiben? Wird er sie unterstützen [...]?“ Dies ist in Zeiten niedriger Geburtenraten die beste Vorgehensweise, um noch mehr Zweifel unter potentiellen Eltern zu säen.

Wichtige und unwichtige Fragestellungen zur frühen Kindheit

Ist das Kind trotz aller Unsicherheiten endlich da, helfen die beiden Kapitel „Frühe Kindheit 0 – 3 Jahre“ und „Frühe Kindheit 3 – 6 Jahre“. Über die Bedeutung dieses Lebensabschnittes erfährt der Leser ebenso etwas wie über die Körpersprache von Neugeborenen, Verhalten bei Krankheit oder das sehr gut erörterte Thema „Warum es nicht egal ist, was gegessen wird“. Religiöse Erziehung, Vorlesen im Kindesalter, Trennung der Eltern und Kindesmissbrauch sind weitere wichtige Stichpunkte, welche im Buch abgehandelt werden.

Prekär wird es wieder mit der Autorin Barbara Rendtorff und ihrem Artikel „Soll ich meine Tochter anders erziehen als meinen Sohn?“. Interessierten wird Rendtorff als Autorin des 2008 erschienenen Manifests „Was kommt nach der Genderforschung?“ bekannt sein. Zusammen mit Rita Casale tritt sie für eine Repolitisierung und „Radikalisierung der Geschlechtertheorie“ ein. Der Genderwahnsinn lässt grüßen, was besorgte Eltern jedoch nicht davon abhalten sollte, ihre Töchter weiterhin mit rosa Puppen spielen zu lassen, insofern diese das möchten. Kompensiert wird dieses Manko durch die fundierten Beiträge Wolfgang Bergmanns: „Aus Liebe gehorsam – Grenzen, Autorität und Disziplin“ sowie „Jungen: Auf der Suche nach ihrer Identität“ bringt Schlüsselbegriffe der Erziehung ins Spiel.

Kindheit ganz im Zeichen der Schule

Die „Kindheit 6 – 12 Jahre“ wird im ElternBuch vornehmlich von dem großen Bereich „Schule“ eingenommen. Auch wenn Schule ohne Zweifel ein für dieses Alter zentrales Thema ist, kommen die Bereiche „Familie“ und „Freizeit“ zu kurz. Gerade im Bereich einer sinnvollen Freizeitgestaltung mit Sport und Musizieren offenbaren sich große Probleme und Mängel. Begrüßenswert erscheint hingegen die ausführliche Betrachtung der Themen AD(H)S und Lernstörungen.

Das Jugendalter als Zeit der Probleme und Potentiale

Die Jugendzeit (12 – 18 Jahre) schließt letztendlich die Themenreihe des ElternBuches ab. Beleuchtet wird die Pubertät mit all ihren Facetten (Sexualaufklärung, Drogenproblematik, Homosexualität, Eßstörungen, Jugendkriminalität usw.). Ein fragwürdiges Kapitel stellt die Abhandlung über politischen Extremismus dar. Interessanterweise wird nur Rechtsextremismus beleuchtet und die Begriffe „rechts“ und „rechtsextrem“ dabei noch als Synonym verwendet. In Zeiten eines stark ansteigenden, militanten Linksextremismus ganz offensichtlich sehr einfältig. Angemerkt sei, dass diese Einseitigkeit bereits in einer Rezension der FAZ stark kritisiert wurde. Eine besondere Komik erlangt die eigentlich sehr tiefsinnige Thematik des politischen Extremismus durch Formulierungen wie: „Der Leidensdruck ist für Eltern groß, die sich selbst politisch nicht als rechts, sondern als liberal, demokratisch (sic!), prosozial oder links verorten und sich somit von der Einstellung und dem damit verbundenen Verhalten ihres Sohnes (oder ihrer Tochter) distanizieren.“

Wermutstropfen trotz anständiger Idee

Was man als Leser gänzlich vermisst, sind konkret formulierte Erziehungsziele (Werte, Einstellungen etc.) sowie deren Realisierung. Wahrscheinlich hätte dies dem pluralistischen Zeitgeist widersprochen und musste gestrichen werden. Die hohen Verkaufszahlen von Michael Winterhoffs Büchern (Warum unsere Kinder Tyrannen werden) belegen, dass sich Eltern anscheinend genau dies wünschen. Unangenehm stößt weiterhin auf, dass offensichtliche Rechtschreibfehler nicht ausgemerzt wurden. Somit bleibt das ElternBuch nur ein durchschnittlich guter Ratgeber, welcher zwar lobenswerte Ansätze verfolgt, im Detail jedoch Mängel aufweist.

Sabine Andresen / Micha Brumlik / Claus Koch (Hrsg.): ElternBuch. Wie unsere Kinder geborgen aufwachsen und stark werden. gebunden. Beltz-Verlag 2010. 663 Seiten. 29,95 Euro

 

 
ANZEIGE

Rundbrief







Aufgepasst!

Banner

Umfrage

Das größte Problem in Deutschland ist ...
 
Die dringlichste Aufgabe der deutschen Konservativen ist ...