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Deutsche Kunst und Kultur in Siebenbürgen PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Simon Meyer   
Donnerstag, den 20. Mai 2010 um 09:42 Uhr

SiebenbürgenLeider scheint die Beschäftigung mit dem deutschen Osten im 21. Jahrhundert denjenigen vorbehalten zu sein, die diesen entweder für eine krankhafte Zelebrierung ihres Selbsthasses heranziehen oder auf den sie wirklichkeitsfremde Revanchegelüste projizieren. Daher ist es umso erfreulicher, wenn sich eine Institution jenseits dieser Abwege mit dem deutschen Osten beschäftigt – und zwar vorurteilsfrei sowohl gegenüber den ehemaligen als auch den heutigen Bewohnern. Eine solche Institution ist das „Deutsche Kulturforum östliches Europa“, ein im Jahr 2000 gegründeter gemeinnütziger Verein.

Seinen Sitz hat er im Kabinetthaus am Potsdamer Neuen Markt, dem Geburtshaus des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III. Zweck des Vereins (www.kulturforum.info) ist gemäß seines Selbstverständnisses „eine kritische und zukunftsorientierte Auseinandersetzung mit der Geschichte jener Gebiete im östlichen Europa, in denen früher Deutsche gelebt haben oder heute noch leben. Das Kulturforum organisiert Podiumsdiskussionen, Lesungen, Ausstellungen, Konzerte, Preisverleihungen, Tagungen und verlegt in seiner Reihe ‚Potsdamer Bibliothek östliches Europa’ Sachbücher, Bildbände und Belletristik.“ Damit hält er nicht nur das Gedenken an den deutschen Osten am Leben und trägt zum Erhalt kultureller Schätze bei, sondern weckt auch das Interesse bei der heute oftmals völlig unbeteiligten und unbedarften Generation.

Zwei Bände zur Sächsisch-Siebenbürgischen Kultur

Im Verlag des „Deutschen Kulturforums östliches Europa“ sind nun zwei reich bebilderte Bände des Kunsthistorikers und Denkmalpflegers Arne Franke zur Kunstlandschaft Siebenbürgens erschienen. Franke selbst stammt nicht aus Siebenbürgen, sondern aus dem Hessischen. Und obgleich er Schlesien als sein Spezialgebiet bezeichnet, gilt er durch seine Publikationen zu Architektur und Geschichte der deutschen Siedlungsgebiete in Rumänien gleichwohl als profunder Kenner der siebenbürgischen Kunstlandschaft.

Beide Bände bestechen gleichermaßen durch ihre hervorragende Ausstattung und ihr handliches Format. Die Karten erlauben eine Orientierung. Neben aktuellen Fotographien enthalten die Bände vor allem aber eine Vielzahl von faszinierenden Ansichten aus der Zeit der Habsburger Monarchie. Ergänzt werden beide Bücher durch eine historische Einführung des ehemaligen Leiters des Siebenbürgen-Instituts, Dr. Harald Roth.

Das wehrhafte Sachsenland

Der erste dieser Bände erschien bereits 2007 unter dem Titel Das wehrhafte Sachsenland und beschäftigt sich mit den dörflichen Kirchenburgen im südlichen Siebenbürgen. „In kaum einer anderen Kulturlandschaft Europas hat sich der 1529 von Martin Luther verfasste Choral ‚Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen’ architektonisch und heute noch sichtbar so sehr niedergeschlagen wie in Siebenbürgen“, leitet der Autor seine Beschreibung dieser einzigartigen Kulturlandschaft ein.

Die jahrhundertelange Bedrohung durch die gefürchteten Renner und Brenner, kleine Streifscharen des türkischen Heeres, die in den an das osmanische Reich angrenzenden Provinzen für Angst und Schrecken sorgten, ließ hier eine Vielzahl von kleinen Befestigungsanlagen rund um die dörflichen Gotteshäuser entstehen. Viele von ihnen konnten bis heute ihren mittelalterlichen Charakter bewahren. Insgesamt 150 Kirchenburgen in den siebenbürgischen Dörfern von Arbegen bis Rode (rumänisch Zagar) werden beschrieben, ergänzt von Exkursen über Geschichte, Bevölkerung und Kultur Siebenbürgens.

Das Buch zeugt nicht nur von umfassendem Wissen, sondern auch von akribischer Arbeit. Franke scheint jede der beschriebenen Wehrkirchen besucht zu haben und hat sich die Zeit genommen, die Besonderheiten jeder einzelnen Anlage zu beschreiben. Leider ist der bauliche Zustand mancher Kirchenburgen wenig erfreulich, vor allem in Orten, in denen die gesamte deutsche Bevölkerung verschwunden ist und nicht einmal ein vereinzelt zurückgebliebener Hüter über das steinerne Zeugnis der siebenbürgisch-sächsischen Wehrkraft wacht. Umso erfreulicher ist, dass auch in der rumänischen Kulturpolitik die Bereitschaft, das kulturelle Erbe der Siebenbürger Sachsen zu erhalten, gewachsen ist und man die Einzigartigkeit dieser Kulturlandschaft in Europa erkannt hat.

Städte im südlichen Siebenbürgen

In gleicher Ausstattung, quasi als Band 2 seiner kulturhistorischen Streifzüge durch Siebenbürgen, erschien nunmehr das Buch Städte im südlichen Siebenbürgen, Zehn kunsthistorische Rundgänge. Franke verlässt hier die einsamen Dörfer und verlassenen Stätten der ehemals protestantischen Gottesdienste und wendet sich der städtischen Kultur des sächsischen Siebenbürgens zu. Diese erhielt einen großen Bekanntheitsschub durch die Ernennung Hermannstadts zur Kulturhauptstadt Europas 2007 – ein Ereignis, das praktisch alle Tageszeitungen in Deutschland ausführlich thematisierten. Insgesamt zehn siebenbürgisch-sächsische Städte, darunter eben Hermannstadt, dessen Bürgermeister einer der verbliebenen Siebenbürger Sachsen ist, werden dargestellt.

Weiterhin Schäßburg, dessen Altstadt Unesco-Weltkulturerbe ist, und Kronstadt mit der östlichsten gotischen Kathedrale Europas, dem Grenzpunkt zwischen okzidentaler und orientaler Architektur. Auch dieses Buch ist Kunstreiseführer und Bildband in einem. Viele interessante Exkurse zu Kultur und Geschichte der sächsisch-siebenbürgischen Städte sowie einiger weiterer Sehenswürdigkeiten außerhalb der Städte, wie etwa der Trötzburg, ehemalige Grenzfeste zwischen dem Fürstentum Siebenbürgen und der Walachei, runden das Werk ab.

Siebenbürgen in der Gegenwart

Vielleicht können die Bücher auch bei demjenigen das Interesse an Siebenbürgen wecken, der bislang keine Beziehung dorthin hatte. Die Aufgeschlossenheit der heutigen Bewohner gegenüber der deutschen Vergangenheit ist häufig größer als in Polen oder Tschechien, was ein Vorteil bei einem Besuch in Siebenbürgen sein kann.

Bei der Vorstellung des Buches während der Leipziger Buchmesse empfahl der Autor, eine Reise nach Siebenbürgen möglichst sofort zu unternehmen. Denn auch in Rumänien verwandeln sich die Gegebenheiten und vielleicht – so Franke – wird in zehn Jahren nichts mehr so sein, wie es heute noch ist. Die Bände liefern hierzu umfangreiche Hinweise, etwa Links zu Reiseveranstaltern und anderen Internetseiten, die sich mit Individualreisen nach Siebenbürgen beschäftigen.

Die Liebe zum Detail geht soweit, dass häufig Namen und Kontaktdaten derjenigen Ansprechpartner vor Ort aufgenommen sind, die über den Kirchenschlüssel verfügen und den Besucher vor Ort durch die Kirchanlagen führen. Auch Schlafgelegenheiten, häufig in den ehemaligen Pfarrhäusern, werden aufgeführt, was für eine Tour zu Fuß oder mit dem Fahrrad äußerst hilfreich sein dürfte. Wer sich für eine solche Art des Urlaubs begeistern kann und eine authentische Vorstellung des Lebens unserer Vorfahren erhalten will, sollte sich nach Siebenbürgen aufmachen!

 

 
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