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Ernst Jünger: Strahlungen. PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Karsten Kleber   
Donnerstag, den 05. Juli 2007 um 01:00 Uhr

Ernst JüngerErnst Jünger war nicht nur Krieger, politischer Denker und Literat, sondern auch ein äußerst scharfer Beobachter, der beinahe zeitlebens Tagebücher mit Reflexionen, Meditationen und Erlebnissen füllte, die für mehr als ein Leben gereicht hätten. Die „Strahlungen“, seine Tagebücher von 1941-45, erstmals 1949 erschienen, sind, wenn man sich darauf ausrichtet, wiederkehrenden Motiven nachzuspüren und in Jüngers hochindividuelle Prosa einzutauchen, eine fesselnde Lektüre. Sie bestehen aus einem „Ersten Pariser Tagebuch“, dem Niederschlag eines Intermezzos im Kaukasus („Kaukasische Aufzeichnungen“), einem „Zweiten Pariser Tagebuch“ und schließlich den ersten der „Kirchhorster Blätter“, verfaßt nach Jüngers Entlassung aus dem Militär.

Jünger begleitet als Beobachter den Verlauf des Krieges mit einer glasklaren Bewußtheit, dem Wissen um die Unausweichlichkeit der Katastrophe, was ihn bisweilen auch zu übertriebenen Prophezeihungen treibt. So ist seine innere Verfassung in diesen Jahren allgemein eine des Schmerzes. Den Bemühungen, eine geistige Existenz in der „Feuerwelt“ aufrechtzuerhalten, widmet er in seinem Tagebuch breiten Raum – hierhin gehört auch die luxuriöse Oberfläche seines Pariser Lebens von 1941-44 mit der Unterbrechung des Einsatzes im Kaukasus, das sich wieder und wieder als Tanz auf dem Vulkan offenbart. Auch die Nähe des Abgrundes ist Jünger ununterbrochen bewußt, und seine Schilderungen von Beinahe-Zusammenstößen mit Protagonisten des nationalsozialistischen Regimes lassen den Leser bisweilen erschaudern, gerade wenn sie im Umfeld der Kontakte erfolgen, die Jünger zu den Kreisen der Verschwörer des 20. Juli pflegte. Um so beeindruckender ist die Prinzipienfestigkeit und Geradlinigkeit, mit der Jünger, sich geistig und geistlich in häufigen Meditationen für das Schlimmste wappnend, die stürmische See jener Jahre befährt.

Jünger beobachtet einen gefährlichen Tanz nahe dem Abgrund.

Abseits von dieser Generallinie sind in den Text immer wieder Aperçus und Gedankensplitter von größter Schärfe und Brillanz eingeschaltet. Ob sich Jünger zum Verhältnis der Geschlechter, zum rechten Literaturgenuß oder schlicht zum Wesen des Spiegels äußert, stets kann man gerade den knappsten Gedankengängen bemerkenswerte, quasi kondensierte Erkenntnisse entnehmen.

Es tritt dem Leser in diesem Buch ein führender literarischer Kopf gegenüber, der trotz oder, wie zu vermuten ist: vielmehr wegen seiner nationalrevolutionären Vergangenheit keinem der ideologischen Sirenengesänge seiner Zeit, gleich von welcher Seite sie ausgehen mögen, sich zuzuneigen bereit ist. Jünger exemplifiziert damit auf beeindruckende Weise den Satz Kierkegaards, daß der Einzelne in letzten Hinsichten höher ist als das Allgemeine (hier vertreten durch den Staat und die totalitäre Gesellschaft).


Eine prominente Stelle in den Tagebüchern nehmen Aufzeichnungen von Träumen, dazu magische, okkulte Überlegungen im weiteren Sinne ein, und hier muß man dem Weltbild und Literaturverständnis Jüngers seinen Entfaltungsraum lassen, auch wenn sich geschmackliche oder erkenntnistheoretische Bedenken anmelden sollten. Es beeindrucken etwa Träume, die den Tod des Vaters ein Jahr zuvor ankündigen oder gleichnishaft die Lage des Abendlandes in den Strudeln des Krieges anzeigen. Überhaupt ist Jüngers Zugriff auf seine Träume faszinierend; man wünscht sich, mit einer ähnlichen Gabe versehen zu sein.

Magische und okkulte Momente träumt er …


Eindrucksvoll ist die Bildung, die Belesenheit, die Kultiviertheit der Zeitgenossen, mit denen Jünger vor allem in Paris verkehrt und mit denen er Möglichkeiten einer deutsch-französischen Verständigung auslotet. Die Personen, mit denen man durch das Tagebuch allmählich vertraut wird, geben das Bild einer geistigen Elite, die in groteskem Gegensatz zu dem totalitären Charakter der damaligen Politik steht und die Tragik der Geschehnisse zwischen 1914 und 1945 erahnen läßt. Noch maßgeblicher ist die Erkenntnis, was wir dadurch und seitdem an menschlichen und geistigen Reichtümern verloren haben.

… und bewahrt dennoch seinen bestechenden Blick auf die Realität.


Ein letzter Höhepunkt von Intimität mit dem Autor wird erreicht mit den Notizen zum Tode des Sohnes Ernstel, der im November 1944 fiel. Der Schmerz des Vaters ist ergreifend. Seine Frau mit einbeziehend, schreibt er am 14. Januar 1945: „Wir traten nun auch in die wahre, die einzige Gemeinde dieses Krieges ein, in seine geheime Brüderschaft.“
Eine Stimme aus dem Weltenbrand des 20. Jahrhunderts, ein Buch, das Naivitäten beseitigt und simple Interpretationsschemata abblättern läßt. Es will mit Geduld und wachem Geist gelesen sein, dann prägt es dem Leser eine scharfe Rißzeichnung des Autors in die Erinnerung.

 
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