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Der Dandy wird wieder en vogue. „Dandys für Deutschland“ titelt der ehemalige Joop-Maßschneider Tom Reimer im Manager Magazin und reiht dabei Ufa-Schauspieler Hans Albers und den Windsor Edward VIII. in die Ahnengalerie der Beaus ein. Und obwohl er bemerkt: „Es ist nicht ein Anzug, der allein spazieren geht“, blendet er dann eben lieber doch die konservativen Elemente des Dandykonzepts aus – und wirbt stattdessen für den Windsor-Knoten.
Die Figur des Dandys blieb in Deutschland eine Ausnahmeerscheinung. Heute erinnern nur Fragmente an diese Symbiose aus Eleganz, Provokation, Individualismus und Kälte. Zumeist geistert der englische Dandy als mit belehrendem Spott beäugter Stutzer durch die bundesdeutschen Feuilletons. So verwundert es nicht, daß der taz-Kolumnist Daniel Bax und der Schriftsteller Ferdinand Zaimoglu eben jene dandyesken Eigenschaften als Projektionsflächen für ihren Großangriff auf die „Knabenwindelprosa“ (Zaimoglu) nutzen. Die unter den schwammigen Begriffen „Popliteratur“ und „Dandy“ subsumierten Schriftsteller – Christian Kracht, Benjamin von Stuckrad-Barre, Joachim Bessing und Alexander von Schönburg – erregten nicht zuletzt die Gemüter, indem sie sich im Hochsommer 1999 in der Executive Lounge des Berliner Hotels Adlon plaudernd, in Gesellschaft roter Teppiche, weißer Porzellanelefanten und goldener Leuchter über Musik, Prada und die RAF unterhielten. Gerade der Dandy entlarvt sinnlosen Konsumfetischismus Kracht kam am 29. Dezember 1966 im Schweizer Gstaad als Sohn des Generalbevollmächtigen des Axel-Springer-Konzerns zur Welt. Von Schönburg rundete diese Kombinationen mit dem schönen Satz ab: „Die Langeweile ist der Hauptfeind unserer Generation, weil wir damit aufgewachsen sind, verwöhnt und von Reizen überflutet.“ Ein klassischer französischer Dandy, der nie als solcher gesehen werden wollte, Jules Barbey D’Aurevilly, hätte ergänzt: „Die moderne Langeweile ist das Kind der Analyse […] und der Saturiertheit.“ D’Aurevilly entwarf 1844 in seiner essayistisch gestalteten Biographie des Urdandys Englands, George Brummell, eben jene Muster des dandyesken Musters die anscheinend auch in der Popliteratur ihre Nachahmer gefunden haben. „Bleibe in einer Gesellschaft, solange du noch keinen Eindruck gemacht hast; wenn du ihn gemacht hast, geh.“ – „Jeder Dandy ist ein Provokateur, aber ein Provokateur mit Takt.“ fordert er in Über das Dandytum und über George Brummell. Der Dandy, so Barbey D’Aurevilly, will vor allem eins: gesellschaftliche Wirkung erzielen. Exklusivität der Kleidung und Geschliffenheit der Rede sind ihm dafür nützlich. Leib und Sprache werden zum Medium der Extravaganz. „Er muß leben und schlafen vor dem Spiegel“, heißt es beim französischen Dichter-Dandy Charles Baudelaire. Spiegel und Bühne bildet die Gesellschaft, in der er sich bewegt. Darin wandelt er, hin und her gerissen zwischen Symbiose und scheinbarem Parasitismus. Er verhüllt sich hinter einer Maske – und wird damit unangreifbar. Ein scheinbar ungebetener Gast, der doch das Publikum angenehm unterhält. Ein dandyesker Politiker aber ist nach Barbey D’Aurevilly zum Scheitern verurteilt. Lebenskunst und Ideologie harmonieren nicht. Extravaganz, Kälte und Ironie In Christian Krachts Reiseberichten aus Asien, Der gelbe Bleistift, existiert eine Stelle, die diesen Stil verdichtet und an die berühmte „Burgunderszene“ in Ernst Jüngers Strahlungen erinnert: „Weil wir uns nichts aus Weißwein machten, tranken wir Ende Januar eine Flasche Entre deux Mers aus Gläsern, in denen Eiswürfel schwammen, und sahen auf den Mekong. Wir saßen auf einem Rasenstückchen, der Fluß war breit und träge, darüber hingen am blauen Himmel kleine Drachen. Zum Wein aßen wir Unmengen knallroter Erdbeeren, und meine Begleiterin rauchte Zigaretten. Es war windstill, und die Palmen bewegten sich nicht.“ Hier ist alles enthalten: Extravaganz, Kälte, Ironie, sprachliche und örtliche Distanz – der Erzähler blickt auf den Mekong in Phnom Penh, der Stadt, in der vor wenigen Jahrzehnten noch die Roten Khmer unter ihrem kommunistischen Führer Pol Pot einen der größten Massenmorde der Weltgeschichte durchführten. Dies alles versinkt in der für Kracht typischen ästhetischen Stille. Der Autor hat hier die Charakteristika des Dandys in Literatur übertragen. Eben daran nimmt Daniel Bax in der taz Anstoß, wenn er von „selbstverliebter Dekadenz und blasiertem Zynismus“ schreibt. In Krachts Sätzen schwimmen Modemarken und Werbeikonen Doch diese ästhetische Distanz Krachts macht seine Literatur wesentlich wertvoller als etwa die moralinsaure Feder eines Günter Grass. „Ich habe neulich ,Die Blechtrommel‘ noch einmal gelesen – furchtbar“, bemerkt Kracht folgerichtig. Doch wieviel Dandy ist an ihm? Schwimmt noch jeder Satz in einem Meer aus Modemarken, Werbeikonen und feinen Bonmots, so verschwindet am Ende doch alles in jener ästhetischer Stille. Auch er hinterläßt das Unbehagen nach dem Lesen seiner Romane. „Er hing ein paar Tage, dann aßen Hyänen seine Füße“, heißt es über jenen Schweizer Architekten, der in Krachts jüngstem Roman, Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten, die Städte einer schwarzen Utopie entwarf. Die Menschen fliehen aus den Zentren des Schweizer Weltreiches in Afrika, zurück bleibt die Leere und die Stille: Selbstauslöschung. Die ideologischen Entwürfe der Moderne sind gescheitert. Bezeichnenderweise übersetzte man in Frankreich Krachts Roman über das Jahr der Islamischen Revolution im Iran, 1979, schlicht mit Fin de party. Kälte, Distanz, Ekel bilden den Dreiklang in Krachts 1995 erschienenem Roman über das Faserland, die entleerte Konsumwelt. Wer dahinter nur Dandyismus sieht, hat nicht zu Ende gelesen. Er will mehr sagen, es bleibt eben nicht bei stilsicherer Koketterie. So gilt auch bei Kracht: „Es ist nicht ein Anzug, der allein spazierengeht“. Dieser Artikel erschien zuerst in: Blaue Narzisse, #11, September 2009 |