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Hendryk M. Broder hat zwei neue Spielgefährten bekommen. Mit dem roten Thilo (SPD) durfte er sich diesen Monat auf dem tiefroten taz-Sofa so richtig austoben und über Integration, „political correctness“ und all die anderen witzigen Themen herzhaft lachen. „Es war ein langer und lauter Furz“, antwortete Sarrazin im Interview mit Broder zur Skandalisierung von Deutschland schafft sich ab. Die taz-Redaktion ernannte das Gespräch zum Thema des Tages und freute sich insgeheim, dass sie Thilo zwei Tassen schwarzen Kaffee servieren durfte. Der andere Spielgefährte heißt Hamed Abdel-Samad, hat einen ägyptischen Migrationshintergrund und war einst strammer Antisemit. Nun tourt er mit Broder im kunterbunten Volvo durch Deutschland.
Als wandelnde Stele verkleidet, stolziert Broder über das Holocaust Mahnmal Die fünfteilige „Roadmovie“-Serie nähert sich auf liebevolle Weise dem mitunter zum Schreien komischen Deutschland der Gegenwart. Nur deutsche Laudatoren bringen es wohl fertig, zum Holocaust-Mahnmal ungewollt zynisch zu bemerken: „Es gibt viele Länder, die uns um dieses Mahnmal beneiden.“ Dazu passt es auch, dass Broder, trotz der Entrüstung von Abdel-Samad, als Holocaust-Stele im Bernd-das-Brot-Format über die Gedenkstätte stolziert und damit die Gedenkfeier konterkariert. Broder und Abdel-Samad beweisen ein beachtliches Feingefühl, wenn es darum geht, die Schmerzstellen der deutschen Neurosen zu treffen. Denn jeder ARD-Intendant dürfte mindestens drei Herzinfarkte gleichzeitig bekommen, wenn in seinem Sender unkommentiert das Horst-Wessel-Lied gespielt werden würde. Doch Broder und Abdel-Samad bringen genau das unfallfrei über die Bühne, singen noch mit und Broder ärgert sich: „Die schönsten Lieder kennt man noch nicht mal auswendig.“ Im Gespräch mit NPD-Pappkameraden und Steinzeitkommunisten Diesen historischen Fauxpas bestrafen umgehend empörte Antifaschisten, indem sie den beiden „Spaßvögeln“ (Ralph Giordano in Bild) „Nazis Raus“ und „Verpisst euch!“ entgegenrufen. Die lassen sich aber nicht beirren und eilen weiter zu einer Tagung des NPD-Kreisverbandes Neukölln. Die Wahrscheinlichkeit, auf solchen Treffen unfreiwilligen Pappkameraden zu begegnen, ist recht hoch und natürlich treffen sie auch welche. Broder und Abdel-Samad lauschen einem rhetorisch und argumentativ unterirdischen Referenten, der in einem halbvollen Raum älteren Leuten die nationale Sache noch einmal erklärt. „Ich find’ das so witzig, diese Palmen hier und die verzweifelten Leute da drinnen“, beweist Broder seinen exzellenten Humor nach dem Verlassen des Vortrags. Worauf Abdel-Samad antwortet: „12 Leute die dort drin sitzen – ist das wirklich die Gefahr für die Demokratie?“ Bei einer anschließenden Diskussion mit ihm und einem weiteren Parteivertreter reagieren die beiden Spaßvögel eher gelangweilt auf die auswendig gelernten Parolen der beiden Nationalisten, wobei letzterer, dauergrinsender tatsächlich – wie Broder und Abdel-Samad richtig feststellen – an einen KZ-Aufseher erinnert. Nachdem die zwei auch noch bei den Steinzeitkommunisten am Berliner Franz-Mehring-Platz vorbeischauen, die – wie zu erwarten war – ähnliche Charakteristika wie die Pappkameraden aufweisen, tauschen sie schließlich aphorismenreife Weisheiten im Volvo aus. Eine davon lautet: „Das ist doch die eigentliche Leistung der Moderne, dass du in die Lage versetzt wirst, dich von deiner Herkunft zu distanzieren.“ Spätestens hier beginnt ein Lehrfilm à la Broder, dessen Quintessenz lautet: der Westen ist gut, der Islam ist böse und wenn alle einfach ein wenig selbstironischer wären, klappt es doch irgendwie mit der Integration. So erliegt Broder seinen eigenen Visionen, die er doch beim politischen Gegner so trefflich konterkariert. Nach zwei Folgen ermüdet schließlich auch die Brodersche Gesprächsführung, die immer wieder auf eine moralische Keule hinausläuft, nur eben aus dem bürgerlichen Lager. Broder begibt sich auf das moralinsaure Argumentationsniveau seiner Argumentationspartner – bewusst? So unterstellt Broder Gesprächspartnern aus dem linken Lager wechselseitig und unterschwellig Antisemitismus und Antiamerikanismus oder aber moralisches Versagen. Nun könnte man darin, zumal er argumentativ stets sehr intelligent verfährt, darin ein reines rhetorisches Mittel vermuten, dank dessen er letztendlich die Linke mit ihren eigenen Waffen schlägt. So gesehen begibt sich Broder bewusst auf das oft moralinsaure Level seiner Interviewpartner und besiegt diese auf eigenem Land. Doch der Unterhaltungswert von „Entweder Broder“ sinkt vom Berg ins Tal, eben nicht zuletzt, weil Broder gebetsmühlenartig wiederholt, dass nur die Intervention der Amerikaner die Meinungsfreiheit in Deutschland ermöglicht habe und seine selbstreferenzielle Ironie konzentrisch um Broders jüdische Herkunft und seine Rolle als Provokateur kreist. Spätestens in der dritten Folge wird das anstrengend und ermüdend. Broder nutzt seine Spielwiese, um sich immer wieder selbst zu bestätigen. Obwohl er durchaus der Stachel im linksbürgerlichen Establishment geblieben ist, hat er es sich doch recht brav auf der ihm zugewiesenen Spielwiese zurecht gemacht. So erstaunt es nicht, dass seine Erkenntnisse über die Integrationsunfähigkeit von Macho-Türken oder die tendenzielle Abschottung des Islams nicht wirklich zu Ende gedacht werden, sondern irgendwo in spöttischer Beliebigkeit versinken. „Ich war quasi der Partypupser vom Holocaust-Mahnmal“, stellt Broder zu seinem Auftritt als wandelnde Stele gegenüber der Augsburger Allgemeinen fest. Partypupser trifft es gut, scheint Broder doch vor allem der Till Eulenspiegel zu sein, der das bürgerliche und linke Lager veräppelt, sie anregt einmal über sich selbst zu lachen und ansonsten mitfeiert. Schon Eulenspiegel wurde als einer beschrieben, der seinem Publikum in Humor und Geistesstärke überlegen sei. Und so gibt auch Broder konservative bis liberale Allgemeinplätze kreativ und ironisch zugespitzt wieder. Broder wäre ohne sein Publikum nicht denkbar Abdel-Samad trifft es durchaus, wenn er Broder als Mischung von „Peter Scholl-Latour und Dirk Bach“ beschreibt. In dieses Profil passt auch die von Broders Internet-Plattform Achse des Guten ausgehende, neue Zeitung Neugier.de. „Wir haben diese Zeitung gegründet, weil uns die Gleichförmigkeit des Denkens in Deutschland auf die Nerven geht“, heißt es im Internet zu deren Existenzberechtigung. Schon der Hofnarr Eulenspiegel war vor allem von der Aufmerksamkeit und dem humoresken Gefallen des Publikums und der Herrscher abhängig. Bleibt zu fragen, was der „Partypupser vom Holocaust-Mahnmal“ denn macht, wenn die linksliberale Party einmal vorbei ist und seine Thesen selbst gesellschaftliche Allgemeinplätze sind. |