Startseite Rezension Schmerz – Kunst – Politik: Dostojewski und die russische Literatur des 19. Jahrhunderts
Schmerz – Kunst – Politik: Dostojewski und die russische Literatur des 19. Jahrhunderts PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Johannes Schüller   
Montag, den 10. Januar 2011 um 19:21 Uhr

DostojewskiWelchen Sinn hat der Schmerz und warum kann erlittenes Leid eine herausragende künstlerische Leistung hervorbringen? Das Werk des russischen Schriftstellers Fjodor Michailowitsch Dostojewski ist einer der wesentlichsten Anhaltspunkte, um diese Fragen klären zu können. Doch es gibt noch mehr und aktuellere Gründe, sich mit ihm intensiv zu beschäftigen: Einerseits nähert er sich in weltberühmten Romanen wie Schuld und Sühne philosophischen Fragen wie der nach einem womöglich gerechten Mord. Andererseits steckt politische Brisanz in seinen Werken – nämlich immer dann, wenn man sich an die Interpretation seiner Aussagen zur Moderne, dem Westen und dem russischen Nationalcharakter heranwagt.

Tief angelegte Kunst ohne Schmerz gibt es nicht. Dies wusste nicht zuletzt Thomas Mann, der seinen Helden Gustav Aschenbach in Der Tod in Venedig als Ästheten aus dem Leid heraus beschrieb, denn „man kann sagen, daß seine ganze Entwicklung ein bewußter und trotziger, alle Hemmungen des Zweifels und der Ironie zurücklassender Aufstieg zur Würde gewesen war.“

Diese Thematik zieht sich weiter über Heinrich von Kleist, Louis-Ferdinand Céline und – in ihrer radikalsten und schrecklichsten Form – zu Pier Paolo Pasolinis Film Salò oder Die 120 Tage von Sodom. Starker Ausdruck setzt die Erfahrung des Leides voraus. Doch der Schmerz des Künstlers wächst nicht im luftleeren Raum heran, noch steigt er aus dem Himmel herab. Sein Leiden ist immer exponierter Ausdruck einer allgemeinen gesellschaftlichen, sozialen oder biografischen Schieflage. Gerade deshalb stieß die Literatur im Russland des 19. Jahrhunderts auf fruchtbarsten Boden, ohne in einseitig politische „Tendenzliteratur“ zu verfallen.

Dostojewski wäre beinahe hingerichtet worden

„Der bemerkenswert große Anteil von russischen Dichtern und Romanciers, die im Gefängnis saßen, verbannt oder zu Zwangsarbeit verurteilt wurden, ist schon einem englischen Rezensenten der ersten Auflage aufgefallen, obwohl ich diesen Aspekt des Schriftstellerberufes nicht eigens betont hatte“, bemerkt der russische Anarchist Pjotr Kropotkin im Vorwort der zweiten Auflage seines Grundlagenwerks Ideale und Wirklichkeit in der russischen Literatur.

Das Buch wurde bezeichnenderweise 1905 in London auf Englisch erstveröffentlicht. Kropotkin konnte sich noch rühmen, den – neben Lew Tolstoj – „größten Romancier Rußlands, wenn nicht des Jahrhunderts überhaupt“, Iwan Sergejewitsch Turgenjew, persönlich gekannt zu haben. Turgenjews Aufzeichnungen eines Jägers gehören neben Alexander Sergejewitsch Puschkins Die Hauptmannstochter zu zu den wortgewaltigsten Dichtungen der russischen Moderne.

Poetisch codierter, politischer Sprengstoff

Beide Erzählungen boten zu ihrer Entstehungszeit poetischen und, freilich ob der strengen zaristischen Zensur codierten, sozialen Sprengstoff. Insofern bezeichnen sie nicht nur ihre Entstehungsjahre 1836 und 1852, sondern können auch als typisch für die russische Literatur ab Iwan dem Schrecklichen (1530 – 1584), dem ersten gekrönten Zar, gelten. Während vor dem Mongolensturm im 13. Jahrhundert das Land der Kiewer Rus ein dezentral strukturiertes, sich aus zahlreichen Stadt- und Kleinstaaten zusammensetzendes Gemenge griechisch-orthodoxer Fürstentümer bildete, kam es nach dem Einfall der Mongolen zu einer oftmals blutig verlaufenden Zentralisierung.

Wer Russland und insbesondere die russische Literatur verstehen will, muss dies stets im Hinterkopf behalten. Denn der Mongolensturm und deren Folgen schufen nicht nur bis heute fortwirkende Kulturtraumata, sondern legten auch die ersten Grundsteine für einen Nationalstaat im modernen Sinne. Untrennbar waren damit eine streng administrative Verwaltung und eine Konzentration der intellektuellen Schichten auf die „beiden Hauptstädte“ (Kropotkin) Moskau und St. Petersburg verbunden. Erst daraus erklärt sich der Drakonismus der Dichter-Verbannung in die Provinz, schlimmstenfalls in den bürgerkriegsgeschüttelten Kaukasus oder das infrastrukturell kaum bis gar nicht erschlossene, innere Sibirien.

Gefangenschaft war der ideologische Wendepunkt im Leben des vielleicht größten Romancier Russlands

Am stärksten traf Fjodor Michailowitsch Dostojewski (1821 – 1881) dieses Schicksal. Dostojewski entging in letzter Minute dank einer Begnadigung durch Zar Nikolaus I. seiner Hinrichtung. Vorgeworfen wurde ihm, die sozialrevolutionäre Gruppe der Dekabristen unterstützt zu haben. Der Vorwurf selbst bestand in der Rezitation des falschen Textes: er hatte einen als „kriminell“ apostrophierten Brief vorgelesen, indem Russlands Literaturpapst Wissarion Belinski den Zarismus scharf angriff.

Was folgte, war der große Bruch in der Biografie Dostojewskis. Nikolaus I. verurteilte ihn zu vier Jahren Zwangsarbeit in Sibirien und anschließendem Militärdienst. Am eindrucksvollsten beschrieb der Autor diese Jahre in seinen stark diaristisch konzipierten Aufzeichnung aus einem toten Hause, die heute nicht von ungefähr an Alexander Issajewitsch Solschenizyns Monumentalepos Archipel GULAG erinnern.

Dostojewskis Jahre der Gefangenschaft von 1850 bis 1854 markieren einen ideologischen Wendepunkt, infolge dessen er nicht nur seine sozialistischen Auffassungen unter dem Einfluss slavophiler, also vor allem nationalrussischer und christlich-orthodoxer Ideen revidierte. Vielmehr schrieb er auch die heute zur Weltliteratur gezählten Romane Schuld und Sühne, in aktueller und wörtlicher Übersetzung auch als Verbrechen und Strafe bekannt, sowie Der Idiot nieder.

Dieser Beitrag wird am Donnerstag fortgesetzt. Dann geht es um Schuld und Sühne.

 
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