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Dostojewski reflektiert in Schuld und Sühne primär den eigenen Wandel vom orientierungslosen Leben eines jungen Sozialisten westlicher Prägung zum slavophilen, orthodox-christlichen, jedoch nicht der Amtskirche nahestehenden Anti-Westlers. Schuld und Sühne verfügt darüber hinaus über einen metaphysischen Kern, dessen Thema nichts Geringeres als die Frage nach dem gerechten Mord ist. Entgegen Kropotkins Einwand, Dostojewskis Romane durchwehe „eine extrem-romantische und veraltete Form im Aufbau der Handlung, die Nachlässigkeit in der Konstruktion und die unnatürliche Reihe der Ereignisse“ sowie „eine Irrenhaus-Atmosphäre“, legte der Autor bereits in Schuld und Sühne eine präzise durchdachte Figurenkonstellation und lineare Handlungsabfolge vor.
„Schuld und Sühne“ leitete die literarische Moderne in Russland ein Der Klagenfurter Slawistikprofessor und Ehrenpräsident der internationalen Dostojewski-Gesellschaft, Rudolf Neuhäuser, schrieb in diesem Zusammenhang vom „kunstvollen dramatischen Aufbau“ der Handlung, mit der Dostojewski zugleich die literarische Moderne in Russland eingeleitet habe. Neuhäuser zufolge handelt es sich bei Schuld und Sühne, um einen polyphonen, also mehrstimmigen, Roman, der zugleich – ganz im Sinne der naturalistischen Schule Westeuropas – eine objektive Darstellung verweigert. So verzerrt Dostojewski die Darstellung der erzählten Zeit, die lediglich zwei Wochen umfasst, durch einen zermürbenden Sekundenstil, der den Leser die Angst und das Hamlet-Bewusstsein des Mörders Rodion Romanowitsch Raskolnikow nahe bringt. „Wie ein Raster“ wird die „psychologisch determinierte Realität“ den Figuren auferlegt, sie bietet ihnen den „einzigen Zugang zur Wirklichkeit“ (Neuhäuser). Selbst das Zwinkern des Polizeikommissars Porfirij Petrovi? lässt Raskolnikow schließlich wahnsinnig werden, er wähnt sich in der Falle und schlägt wie ein wildes Tier um sich. Raskolnikow: ein wahnsinniges, „welthistorisches Individuum“ Schuld und Sühne liest sich wie ein ungewöhnlicher Kriminalroman um 1860, bei dem der Täter schon von Anfang an feststeht. Der hochintelligente, doch bitterarme Petersburger Jura-Student Raskolnikow sucht nach einem Ausweg aus der erniedrigenden Arbeit. Der Erzähler berichtet wie zum Trotz: „Er hatte ein ungewöhnlich hübsches Äußeres, schöne, dunkle Augen, dunkelblondes Haar, war über Mittelgröße, schlank und wohlgebaut.“ Ziel seines zum Wahnsinn neigenden Hasses wird eine alte, wucherische Pfandleiherin. Raskolnikow, der ethisch durchaus integer erscheint und im Verlauf des Romans auch ein großes Herz beweist, rechtfertigt seinen lange durchgrübelten Entschluss zum Mord mit ethischen und ideologischen Argumenten. So sieht er in der Pfandleiherin Aljona Iwanowna eine reiche, „boshafte alte Witwe“, kurzum „ein nichtswürdiges Luder“. Er selbst aber zählt sich zu jenen „welthistorischen Individuen“ im Sinne Hegels, mit Napoleon I. vergleicht sich Raskolnikow des öfteren. Während „die Alte“ ein „zitterndes Geschöpf“ der armseligen Masse sei, könne Raskolnikow frei über das Recht verfügen, zur Verwirklichung seines bedeutsamen Plans, nämlich materiellen Wohlstands für seine verarmte Mutter und ihn, auch über Leichen zu gehen. Raskolnikow rechtfertigt diese Idee in einem hochdurchdachten Aufsatz, der ihm aber später beim Polizeikommissar Porfirij Petrovi? schließlich das Genick brechen wird. Die Parallele zu Dostojewskis Schicksal sticht hier am deutlichsten hervor. Über 100 Seiten ringt sich Raskolnikow-Hamlet zu seiner Tat durch. Doch spätestens als er infolge seines Mordes auch die unschuldige, geistig zurückgebliebene Schwester der Pfandleiherin, Lisaweta, ermordet, erscheint seine Tat dem Leser als ethisch verwerflich. Der Sühneweg Raskolnikows und Dostojewskis Die Schuld Raskolnikows ist nun klar bezeichnet, es beginnt der Sühneweg. Direkt nach der Tat ringt er mit einem tagelangen Fieber, das ihn ans Bett fesselt und ihn seine Mutter während ihres Besuches in der dunklen Kammer ihres Sohnes nicht erkennen lässt. Symbolhaft treten der mit zynischem Spott begossene Kapitalist und Advokat Lushin und dessen Vermieter Lebesjatnikow, ein Nihilist und Sozialist, auf. Ersterer buhlt um Raskolnikows Schwester Sonja. Dieser antwortet mit unverhülltem Hass gegenüber Lushin. Ironischerweise – und an solch feinem Humor fehlt es im Roman nicht – wohnt Lushin bei Lebesjatnikow und orientiert sich in weltanschaulichen Fragen an ihm, um sinngemäß „den modernen Anschauungen der Jugend einmal näher zu kommen“. Lushin geht hemmungslos machiavellistisch vor, ebenso wie Raskolnikow zu Beginn des Romans, freilich aber wesentlich zielstrebiger und kühler. Diese Skrupellosigkeit steigert nur noch Sswidrigailoff, ein pädophiler Gutsbesitzer, der nicht nur seine Leibeigenen sexuell nötigt, sondern auch Sonja verfolgt. Auch er scheint dem Wahnsinn nahe und bringt sich im weiteren Verlauf der Handlung um. Das ist insofern bedeutend, als dass Raskolnikow eben jener Selbstmord Sswidrigailoffs schließlich zur Reue und zum Schuldgeständnis nicht unwesentlich bewegt. Den äußeren Anstoß gibt jedoch Porfirij Petrovi?, dessen Verdacht schon früh auf Raskolnikow fällt. Er treibt ihn mittels geschickter Wortduelle immer mehr in die Enge, verspricht ihm letztendlich aber eine milde Strafe, worauf Raskolnikow gesteht. Für das Verständnis des Romans und der autobiografischen Kehrtwende Dostojewskis überhaupt ist die sehr gläubige, doch nicht an der griechisch-orthodoxen Amtskirche orientierte Prostituierte und Kontrastfigur Sonja wichtig. Erst sie weckt in Raskolnikow jene, ob seines tiefen Weltschmerzes unmöglich geglaubte Liebe, die den entscheidenden Anstoß zur Sühne gibt. Raskolnikow geht, diesmal mit endgültigem Beschluss zur Polizei und stellt sich. Sein Strafurteil lautet: acht Jahre Sibirien. Sonja folgt ihm in das Martyrium und bringt ihn zugleich, trotz der drakonisch erscheinenden Strafe, zum Leben zurück. Der Roman endet mit den Worten: „Das könnte das Thema zu einer neuen Erzählung abgeben. Unsere jetzige aber ist hier zu Ende.“ Dieser Beitrag wird am Dienstag fortgesetzt. Dann geht es um den Roman Der Idiot und Tolstojs Kreutzersonate. |