Startseite Rezension Schmerz – Kunst – Politik: Über Dostojewskis „Idioten“ und Tolstojs „Kreutzersonate“
Schmerz – Kunst – Politik: Über Dostojewskis „Idioten“ und Tolstojs „Kreutzersonate“ PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Johannes Schüller   
Dienstag, den 18. Januar 2011 um 08:09 Uhr

DostojewskiWährend Dostojewski in Schuld und Sühne den Weg eines Anti-Christus schildert, der schließlich beichtet, konterkariert er in Der Idiot einen vollkommen entgegengesetzten, fast messianischen Weg um 1867. Der Idiot ist ein verarmter Adeliger namens Fürst Lew Nikolajewitsch Myschin, der plötzlich zu unverhofftem Reichtum gerät, sich das Geld mehr oder weniger aber aus der Tasche ziehen lässt und schließlich im Wahnsinn endet.

Die Handlung spielt ebenfalls in Petersburg und zudem in Pawlowsk, Ort großzügiger Sommerresidenzen der Petersburger Haute-Volée. Den autobiografischen Aspekt integrierte der selbst epileptische Dostojewski in Form der Epilepsie-Erkrankung des Fürsten, wodurch nicht nur das Mitleid beim Leser geweckt wird, sondern auch die Wahrnehmung des Fürsten, ebenso wie bei Raskolnikow, zuweilen stark beschränkt wird.

Der Idiot: eine Parodie auf Tolstoj und Rousseau

Hinzu kommt des Idioten kindlich-naive wie pathetische Art zu denken und zu sprechen. Diese passt so gar nicht in die „bezaubernde Gesellschaft von Kameliendamen, Generälen und Wucherern“, die der Fürst mit dem Besuch seiner entfernten Verwandten, der Generalsfrau Jelisaweta Prokofjewna Jepantschin betritt. Rudolf Neuhäuser wies in seinen Dostojewski-Interpretationen darauf hin, dass Adelstitel, Vor- und Vatername auf den russischen Schriftsteller Lew Nikolajewitsch Graf Tolstoi verweisen, der anlässlich des 100. Todestages 2010 mit seiner oftmals belächelten, universalen Versöhnungsreligion Thema zahlreicher verklärender Filme und Dokumentationen war.

Tolstoj vertrat ein an Rousseau geschultes Denken einer reinen, von der Moderne nicht berührten Menschennatur, die nach Dostojewski aber mindestens im Russland des ausgehend 19. Jahrhunderts zum Scheitern verurteilt war. Der Idiot ist aber nicht nur die Geschichte eines Blödmanns, welcher an der Grausamkeit seiner Umgebung zugrunde geht. Der Autor zeichnet ihn auch als einen klugen Analytiker, der jedoch, ganz im Gegensatz zu Raskolnikow, geradlinig und ehrlich handeln und sprechen will, um die selbst gesetzte ethische Norm zu erfüllen. Erst diese moralische Naivität macht ihn, verbunden mit der durch die Epilepsie erzeugte Vorverurteilung der Haute-Volée, zum sozial unfähigen Idioten.

Als gesichert kann gelten, dass Dostojewski in der Gestalt des Fürsten zugleich die berühmten „guten Absichten“ des westlichen Humanismus anerkannte, aber auch deren praktische, radikal angegangene Umsetzung als selbstmörderisch aufzeigte. Deutlich wird dieser Bezug auf Rousseau in den Worten einer unbedeutenden, aber zugleich witzigsten und anti-tragischsten Figur der Handlung, dem ehemaligen Offizier mit deutschen Wurzeln namens Keller. Dieser lobt den Fürsten, die Ironie ist unverkennbar, für seine naiv-unschuldige Weltsicht und damit „sozusagen schweizerische Auffassung“ vom Leben.

Dostojewski verfasste einen Großteil des hochironischen Romans in Rousseaus Geburtsort Genf, in der Nähe des Rousseau-Denkmals, womit der Bezug auf ihn quasi zwingend erscheinen musste. Auch der Fürst verbrachte seine Jugend in der Schweiz, allerdings um von seiner Epilepsie geheilt zu werden. Am Ende wiederum schließt sich dieser Kreis, indem er – ungeheilt und verrückt – wieder in seinen Kurort gebracht wird. Damit ist nur die äußerste Rahmenhandlung abgesteckt, den eigentlichen Kern bildet das romantisch bis platonische Liebesverhältnis des Fürsten zu der zentralen femme fatale, Nastassja Filippowna, und der ebenso fatalen, aber auch kindlicheren Generalstochter Aglaja Iwanowna.

Der Kunstgriff Dostojewskis besteht in fehlender politischer Eindeutigkeit

Der eigentliche Kunstgriff Dostojewskis besteht – neben der geschickten Verschachtelung der Handlungsebenen – in der slavophilen Argumentation des Fürsten, die schließlich in einer pathetischen bis dramatisch naiven Lobrede des Fürsten auf russische Werte gipfelt. Ohne es selbst zu ahnen, beschimpft Myschkin bei einem Festbankett die anwesenden Generäle und Würdenträger als westlerisch-verkommen und lässt abschließend und versehentlich eine kostbare chinesische Vase zu Bruch gehen. Doch keiner nimmt ihn mehr ernst, womit die guten Zureden der Anwesenden die Unsicherheit des tollpatschigen „Laudators“ schließlich in den Wahnsinn steigern lassen.

Gerade diese Szene versperrt den beliebten, aber zu simplen Zugriff auf Dostojewski als hochpolitischen, nationalrussischen Werten verpflichteten Dichter. Somit erweist sich der dritte Aspekt seiner Literatur neben Schmerz und Kunst als Ausdruck vorbildlicher Lebensform, nämlich das politisch-religiöse Bekenntnis, als das schwierigste. Dostojewski wusste, dass ein geradliniges, zielstrebiges Bekenntnis zu nationalrussischer Politik dem künstlerischen Gehalt nur abträglich sein konnte.

Abschreckendes Beispiel blieb wieder Tolstoj, dessen spät verfasste Kreutzersonate laut Kropotkin zwar kaum die „verdiente Anerkennung gefunden“ habe. Mit ihrem Plädoyer für Sexualfeindlichkeit und gleichzeitiger Rechtfertigung eines Mords an der Ehefrau holte sich Tolstoj den Vorwurf der „Tendenzliteratur“ ein. So schrieb der deutsche Dichter und Goetheforscher Otto Harnack in seinem Aufsatz „Tolstoj in Deutschland“ gegen 1890, dass die „ekelhafte Kreutzersonate“ beweise, wie „die poetische Bedeutung der Werke (Tolstojs, J. S.) mit der zunehmenden Tendenziosität“ sinke. Auch Tolstojs bekenntnishafte Schrift Meine Beichte geriet in das Kreuzfeuer der Zensur und wurde sofort nach ihrem Erscheinen verboten. Der Autor galt fortan offiziell als geisteskrank.

Doppelbödige und kunstvolle Sprache als Ausdruck gelungener Literatur

Zwar spielte sich dies weit nach dem Erscheinen des Idioten ab, an ähnlichen Beispielen fehlte es aber in der russischen Literatur auch zu Lebzeiten Dostojewskis nicht. Deshalb galt es, eine doppelbödige und kunstvolle Sprache zu finden, die zugleich politische Codes enthielt. Wieder Kropotkin: „Unter solchen Umständen (der zaristischen Zensur, J. S.) mußte man stets neue Wege für den Ausdruck politischer Gedanken suchen. (...) Einige wenige Worte, die ein Rudin oder ein Bazarov in einem Roman von Turgenjew fallenließ, vermittelten eine ganze Welt von Ideen.“

Eben die damit verbundene Doppelbödigkeit weckte erst die ästhetisch-künstlerische Begeisterung des Lesers, schützte aber freilich gerade nicht vor vielfältigsten Interpretationen aus politisch entgegengesetzten Lagern. Auch Schuld und Sühne wurde abwechselnd als Heroisierung des scheiternden Sozialrevolutionärs Raskolnikow und andererseits als Literatur-Strafgericht auf nihilistische Morde gedeutet. Doch eben jene Vieldeutigkeit ist es, die dem Roman bis heute auf die Theaterbühne und die Leinwand verhalf. Bekannt sind insgesamt 17 Verfilmungen, die letzte fand 2007 in Russland statt.

Dostojewski: Besser als Thomas Mann

Ebenso wie Thomas Mann fehlt es in Dostojewskis Leben nicht an ideologischen Brüchen. Die Stärke seines Schreibens besteht aber darin, trotz als notwendig geglaubter, politischer Rechtfertigung den hohen künstlerischen Anspruch nicht vergessen zu haben. Damit sperren sich seine Werke – ganz im Gegensatz zu Manns streitbarem Doktor Faustus etwa – gegen klare Vereinnahmungen. Beide führen zur Frage nach dem Sinn des Schmerzes. An diesem metaphysischen Kern dürfen sich künftige Ideologen und Literaturpäpste die Zähne ausbeißen.

Literaturtips:
Fjodor M. Dostojewski: Sämtliche Werke. 10 Bände. Gesamtausgabe im Schmuckschuber. München: Piper 2008. 9432 Seiten. 39,80 Euro.
Pjotr Kropotkin: Ideale und Wirklichkeit in der russischen Literatur. Zürich: Diogenes 2003. 592 Seiten. 29,90 Euro.

 
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