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Hartmut Lange, der Großwesir der kleinen Prosaform, legt mit seiner Novelle Im Museum nicht nur einen weiteren Champagnermoment seines Schaffens vor, sondern händigt der Berliner Republik unnachahmlich ihr Abschlusszeugnis aus. Bevor die Rollläden runtergehen, ist es Hartmut Lange todernst mit seinem finalen Befund. Man muss ihn dennoch pädagogisch verstehen, der Düsternis zum Trotz. Lange nimmt den Leser an die Hand und geht mit ihm durch die Jahrhunderte. Von Metternich bis in die Normannenstraße und zurück – Deutschland, deine Duftnoten.
Zwar nihilistisch, aber nicht pessimistisch In sieben Miniaturen lässt der Erzähler einen gesellschaftlichen Querschnitt durch die Räume des Deutschen Historischen Museums streifen. Die Epochen als Hintergrundstrahlung bleiben dabei immer wirksam. Sie senden ihre Phänotypen in die Gänge und geraten unausweichlich mit den Zeitgenossen aneinander. Natürlich ahnt man von der ersten Zeile an die Vergeblichkeit, dass diese Zusammenkünfte irgendwie im Guten enden könnten. Die Protagonisten neigen in Dichtung dieser Art tendenziell zum Verschwinden, die Wegbeschreibung bis zur Füsilierung beweist Hartmut Langes Können. Doch es ist nicht nur dieser melancholische Treibsandmoment, der den Leser wegen der großzügigen Fallhöhe der Novellenfiguren ein bisschen mehr als sozial-korrektes Mitleid empfinden lässt. Vielleicht so etwas wie humanistisches Mitleid. Denn Langes Werk ist zwar ein nihilistisches, aber eben kein pessimistisches. Das Museum als Gefängnis der ewigen Wiederkunft Trotz allem Abgesang – der Untergang ist ausgemachte Spengler-Sache – trägt Langes Dichtung den Keim eines kathartischen Nihilismus, eines „Belastungsnihilismus“ (Frank Lisson) in sich – der freilich nicht überwunden werden kann. Ihn gilt es aber anzunehmen, um nicht vollends den Bezug zur Geschichte zu verlieren und einem totalen, schädlichen Nihilismus zu verfallen. In den individuellen Schicksalen der Novelle beginnt dieser Belastungsnihilismus zu wuchern: Die verlassene Ehefrau und Mutter, der Geschichtsverlierer mit Stasi-Vita, der Ablenkungssuchende Vertreter oder gar die Familie Hitler. Allesamt geistern sie verloren umher, begegnen sich, stoßen sich ab. Losgelöst vom historischen Abdruck – Tat, Kunstwerk – kollidieren die Figuren in der ewigen Wiederkehr. Einer Wiederkehr als Heimsuchung. Ihr Teilchenbeschleuniger ist das Museum, eine Art Bildmaschine als Gefängnis. Vor Tischbeins „Trauernder Elektra“ stehend leuchtet es dem Erzähler ein: „‘Aber es hat ihm nichts genützt’, dachte ich und meinte damit, dass es hier einem Künstler, indem er dies malte, zwar gelungen war, die Zeit zu überwinden, aber er selber hatte dabei verloren.“ Gespenstige Gestalten verflossener Dekaden wabern gleich Nebel durch Langes Werk Im fünften Kapitel begegnet dem Leser Adolf Hitler, dessen Versuch scheitert, der „Bilderwelt des Schreckens“, seiner Bilderwelt, zu entrinnen. Eifersüchtig drückt er sich um Napoleons Porträt herum, seiner eigenen verkümmerten künstlerischen Neigung nachtrauernd. Auf den letzten Seiten hat ein französisches Revolutionsopfer seinen Auftritt. Rodins Denker ist ihm eine Zumutung. Liegt denn nicht im europäischen Austausch der Schlüssel? Mitnichten: „Und war es nicht tatsächlich so, dass sich das Töten durch die Perversion des Denkens bis in alle Ewigkeit fortsetzte?“ Liberté, égalité, fraternité. Das literarische Fazit: Es ist ein steingewordenes Irrenhaus, das wir bewohnen. Dumpf in seiner Aura und an der Kette einer mediokren Zeit, mit dem Zwang zur Besichtigung vergangener Dekaden, ohne Hoffnung auf Fortführung oder Besserung oder Erlösung. Hartmut Lange hat es einmal mehr aufgeschrieben. Hartmut Lange: Im Museum. gebunden. Diogenes 2011. 113 Seiten. 19,90 Euro. |