Startseite Rezension „Dritte Wege“: Die Europa-Vision des französischen Faschisten Pierre Drieu la Rochelle
„Dritte Wege“: Die Europa-Vision des französischen Faschisten Pierre Drieu la Rochelle PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Felix Menzel   
Mittwoch, den 08. Juni 2011 um 23:04 Uhr

EurofaschismusDie Reihe der „Kieler Ideengeschichtlichen Studien“ beschäftigt sich mit wichtigen Denkern der Konservativen Revolution – einer Ideenbewegung in Europa und insbesondere Deutschland, die nach einem „dritten Weg“ jenseits von Sozialismus und Kapitalismus suchte. Für die im Regin-Verlag erscheinende Reihe verfaßte bisher der Historiker Sebastian Maaß vier Bücher über Edgar Julius Jung, Arthur Moeller van den Bruck, Othmar Spann sowie Wilhelm Stapel. Eine fünfte Abhandlung hat nun der junge Chemnitzer Politikwissenschaftler Benedikt Kaiser vorgelegt, der sich mit dem französischen Eurofaschisten Pierre Drieu la Rochelle auseinandersetzt.

Die Studie Eurofaschismus und bürgerliche Dekadenz. Europakonzeption und Gesellschaftskritik bei Pierre Drieu la Rochelle nimmt die politischen Einstellungen des 1893 geborenen Schriftstellers (u.a. Das Irrlicht, Die Unzulänglichen) genauer unter die Lupe. Kaiser beschäftigt sich mit einem Intellektuellen, der laut Ernst Nolte „das buntschillernde, in ungreifbaren Übergängen schwer faßbare Wesen des französischen Faschismus vielleicht am anschaulichsten verkörpert“.

Umfassende Einführung in die politischen Visionen Drieus

Drieu war antikapitalistisch und antibolschewistisch eingestellt, verachtete die dekadente bürgerliche Gesellschaft, wußte aber zugleich, daß es kein „Zurück“ vor die Zeit der Massengesellschaft geben konnte. Im Faschismus sah er eine „dynamische Entgegnung, die Synthese des Sozialen und Nationalen“, so Kaiser. Diese Bewegung sei – Drieus damaligen Ansichten nach – die einzige, die der wurzellosen Gesellschaft, die im Juden ihren Prototyp findet, wirksam entgegentreten könne.

Benedikt Kaiser weißt nun zurecht darauf hin, daß dieser Antisemitismus und diese Gesellschaftskritik in weiten Teilen irrational und verkürzend sind. Hinzu kommt, daß Drieus Lebensstil selbst gewisse dekadente Züge trug. Damit ist er in bester Gesellschaft mit anderen Faschisten, etwa dem italienischen Dichter-Krieger Gabriele D'Annunzio.

Die „Vision Europa“ kommt aus der rechten Ecke

Neben diesen eher zweifelhaften Ergüssen findet sich im Werk des Romanciers und politischen Essayisten aber auch eine Vision, die bis heute an Aktualität nicht eingebüßt hat. Viele wird es erstaunen, daß sich ausgerechnet Faschisten wie der Brite Oswald Mosley oder eben Drieu la Rochelle für die Einigung Europas einsetzten. Diesen Punkt stellt Kaiser in den Mittelpunkt seiner Untersuchung und skizziert die Europakonzeption Drieus. Dieser habe sich eine „Einigung Europas auf der Grundlage des Selbstbestimmungsrechts der Völker“ gewünscht. Dabei war ihm klar, daß dies von den Nationen hauptsächlich aus ökonomischen Gründen geschehen werde. Nichtsdestotrotz ging Drieu die politischen Hindernisse seiner „Vision Europa“ mit einer für einen Faschisten unglaublichen Offenheit an. So plädierte er dafür, daß alle Grenzstreitigkeiten (etwa zwischen Frankreich und Deutschland) beigelegt werden könnten, wenn die entsprechenden Gebiete, z.B. Elsaß-Lothringen, Autonomie erhalten.

Drieu erhoffte sich von diesem supranationalen, faschistischen Europa, das es einen dritten Weg jenseits von amerikanischem Kapitalismus und russischem Bolschewismus gehen könne. Der Faschismus sei dafür die geeignete Ideologie, weil er „ein Esprit“ versprühe. „Das ist ein Esprit, der sich den Vorurteilen widersetzt, denen der Klasse wie allen anderen. Das ist auch der Geist der Freundschaft, von dem wir wünschen, daß er sich bis zum Geist der nationalen Freundschaft emporschwingt“, brachte es Robert Brasillach, ebenfalls ein französischer Schriftsteller dieser Zeit, auf den Punkt. Drieu und andere Intellektuelle sahen also im antibürgerlichen Faschismus die einzige Möglichkeit, eine geistig-moralische Erneuerung Europas zu vollziehen. Europa sollte sich „ni droite, ni gauche“ (weder rechts noch links) gemeinsam finden und alle internen Streitigkeiten ad acta legen, um nach innen eine „brennende Vitalität“ (Alphonse de Châteaubriant) zu entfachen und nach außen weltpolitisch handlungsfähig zu bleiben.

Das faschistische Motto: „Keine Halbheiten!“

Nach dem deutschen Sieg über Frankreich zu Beginn des Zweiten Weltkriegs glaubte Drieu zunächst, Hitler könne die von ihm erhoffte europäische Einigung voranbringen. Dies stellte sich jedoch bald auch für ihn als naives Wunschdenken heraus. Aber Drieu blieb überzeugter Kollaborateur. Für ihn galt bis in den Tod: „Keine Halbheiten!“

Die Studie über den Eurofaschismus von Benedikt Kaiser beläßt es bei der Darstellung der „faschistischen Versuchung“ von Pierre Drieu la Rochelle. Dies ist erhellend zu lesen, insbesondere für jene, die bisher glaubten, jenseits der Europäischen Union gibt es keine Europakonzeptionen. In diesem Buch wird klar, daß die Rechten des letzten Jahrhunderts nicht durch die Bank weg Nationalisten waren, die die Grenzen ihres Augapfels und ihres Vaterlandes peinlichst genau hüteten. Drieu ist dazu der Gegenentwurf. Dies herausgestellt zu haben, ist der Verdienst von Kaiser.

Die politische Relevanz der „Vision Europa“ darf heute nicht unterschätzt werden.

Nun hätte es aber genau hier für die Studie auch noch genügend Raum gegeben, eine Brücke in die Gegenwart zu schlagen. Inwiefern die „Vision Europa“ für die heutige EU eine Alternative zur Beseitigung der Brüssel-Bürokratie sein könnte und ob bei den europäischen Rechtsparteien diese Vision verarbeitet wird, bleiben offene Fragen, die nicht erörtert werden. Auch den anderen bisherigen „Kieler Ideengeschichtlichen Studien“ fehlen diese aktuellen Bezüge, woraus zu schließen sein dürfte, daß der Regin-Verlag eine historisierende und unpolitische Betrachtung der Konservativen Revolution anstrebt. Geschichtswissenschaftlich betrachtet ist diese „afaschistische Perspektive“, wie sie der Historiker Karlheinz Weißmann nennt, der richtige Weg, damit sich irgendwann mit der Konservativen Revolution weitestgehend ideologiefrei beschäftigt werden kann. Politisch jedoch drohen durch diese Methode die wirklich guten Ansätze der Konservativen Revolution durchs Raster zu fallen. Das ist der Europa-Vision von Drieu la Rochelle jedenfalls nicht zu wünschen.

Benedikt Kaiser: Eurofaschismus und bürgerliche Dekadenz. Europakonzeption und Gesellschaftskritik bei Pierre Drieu la Rochelle, Kiel 2011, 18,95 Euro

 
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