Startseite Rezension „Es wird ein Heimweg kommen, der Jahrzehnte dauert.“ – Herta Müller, zwei Jahre Nobelpreis und ihr Roman „Atemschaukel“
„Es wird ein Heimweg kommen, der Jahrzehnte dauert.“ – Herta Müller, zwei Jahre Nobelpreis und ihr Roman „Atemschaukel“ PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Benjamin Jahn Zschocke   
Montag, den 12. September 2011 um 09:27 Uhr

Herta Müllers Roman Atemschaukel wurde 2009 über Nacht zum Denkmal. Nach Böll (`72) und Grass (´99) waren wir wieder Nobelpreis. Müller, 1953 in Siebenbürgen geboren, wuchs deutschsprachig auf. 1987 ging sie aus politischen und persönlichen Gründen ins Ausland, nach Berlin. Ihre Auszeichnung löste Neid und Mißgunst ebenso aus wie Jubel. Nahe lag und liegt die Vermischung von Werk und Person, die des selektiven Lesens. Denn Müller ist keine Sympathieträgerin. Für den Roman ist das unbedeutend. Nun liegt er in der erschwinglichen Volksausgabe bei Fischer vor. Ausgangspunkt für eine nüchterne Annäherung.

Doch wie sich einem Denkmal nähern, ohne pietätlos zu sein, überheblich oder voreingenommen? Mit gerade 25 Jahren kann der Autor nicht beurteilen, wie „gerechtfertigt“ der Nobelpreis war. Schwer fällt die neutrale Herangehensweise an ein Buch, das unmittelbar nach seinem Erscheinen, also praktisch ohne vorherige Kritikerdebatte ausgezeichnet wurde. Von Kalkül war da die Rede.

Im Klappentext zur Taschenbuchausgabe viele adjektivgesättigte Pressestimmen. Eine Unart eigentlich, die den Blick verstellt, als würde der Pressetext direkt auf der CD-Hülle stehen: „Überwältigend“, „ergreifend“, „demütig machender Roman“, „erschütternd“, „ungeheures Buch“, nochmals „überwältigend“, „atemberaubendes Meisterwerk“, „kühn“, „dicht“, „Manifest“, „komplex“, nochmals „ergreifend“, nochmals „Meisterwerk“. Alles zusammen zweifarbig auf 12,4 mal 19 cm Buchrücken. Kann man Atemschaukel danach noch gut oder schlecht oder sonst wie finden?

„Wir waren alle in keinem Krieg, aber für die Russen waren wir als Deutsche schuld an Hitlers Verbrechen.“

Leopold Auberg ist 17 Jahre alt und wird, wie 60.000 seiner zwischen 17 und 45 Jahre alten Landsleute zum „Wiederaufbau“ – meint Zwangsarbeit – nach Rußland deportiert. Müller schildert den Lageralltag der späten Vierzigerjahre als immerwährende, um sich selbst rotierende Momentaufnahme. Der größte Teil von Atemschaukel ist Psychogramm zwischen Langeweile, Tod und bestialischem Hunger. Die Autorin lädt wiederkehrende Metaphern mit ungewöhnlichen Sinngehalten auf und knüpft um diese ein dichtes Netz aus Verbindungs- und Assoziationslinien. Sie schreibt vom „Hungerengel“, der „Mondsichelmadonna“, der „Herzschaufel“, der „Atemschaukel“. Sie werden zu Synonymen für die Kämpfe, die Auberg stellvertretend für seine Mitgefangenen im Roman austrägt. Ungewöhnliche Begriffe, die deutlich machen, wie weit außerhalb des Vorstellbaren das Lager ist. „Der Nullpunkt ist das Unsagbare.“

Das Buch beeindruckt nicht nur wegen seiner Sprachgewalt, sondern durch den Grad an Intensität, der herrührt von den Gesprächen mit Überlebenden wie Oskar Pastior, einem Landsmann Müllers. Mit ihm wollte sie den Roman ursprünglich gemeinsam schreiben, doch er verstarb 2006."

Verlorene Heimat, Ostblockkritik und Sprachgewalt: Herta Müller und Arno Surminski

Herta Müllers Roman wurde ausgezeichnet, weil er eine kulturgeschichtliche Leerstelle traf und sie auf hohem Niveau schloß. Die Kausa Kriegsverbrechen an Deutschen hätte das Zeug gehabt, eine kleine historische Trendwende einzuleiten. Atemschaukel hätte als Anstoß wichtiger werden können als alle Sarrazins, denn das Buch betrachtet eine Ursache, nicht die Wirkung. Doch es ist ein Roman, ein Kunstwerk. Ihm hätten Sachbücher und Kommentare folgen können, was nicht der Fall war. Sein historischer und literarischer Wert ging stattdessen unter im Streit um Müllers Person.

Sie steht für die Beschäftigung mit unangenehmen Wahrheiten: Neben den Kriegsverbrechen gegen Deutsche auch für die Auseinandersetzung mit der Sowjetunion ohne antikommunistische Attitüde sowie dem in ihrer alten Heimat, nach ihrer Meinung noch heute tätigen Geheimdienst Securitate.

Ein Name muß hier fallen, der Arno Surminskis. 1934 in Ostpreußen geboren, flüchtete er 1945, verließ Heimat und Familie mit den Trecks. Die Vertreibung wurde zu seinem Lebensthema ebenso wie die kritische Auseinandersetzung mit dem Ostblock und seinen Geheimdiensten. In beidem ist er Müller sehr nahe. Eines seiner Hauptwerke, der Roman Jokehnen, wurde mit Landsmann Armin Müller-Stahl in dreiteiligen Serie verfilmt, aber nie mit vergleichbaren Ehren bedacht. Gern wird Surminski als Heimatdichter abgetan. Daß seine Literatur sich aber mit der Weltspitze messen kann, beweisen nicht nur seine Romane, sondern auch seine Kurzgeschichten. Bis vor Jahren war das Thema Siebenbürger Sachsen ebenso tabu wie das der Vertriebenen. Müllers Roman bewies, daß das kein Dauerzustand bleiben muß.

Herta Müller: Atemschaukel. Roman, 300 Seiten. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 2011. 9,99 Euro.

 
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