Startseite Rezension Metaphysik nach dem Nullmeridian. Altes und Neues in der Causa Ernst Jünger, zum Hören und Lesen
Metaphysik nach dem Nullmeridian. Altes und Neues in der Causa Ernst Jünger, zum Hören und Lesen PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Till Röcke   
Mittwoch, den 05. Oktober 2011 um 07:07 Uhr

Die Edition Apollon hat ein wirklich schlichtes Hörbuch zum Ernst Jünger Essay Der Waldgang vorgelegt. Schlicht meint nicht schlecht, im Gegenteil, Aufmachung und Darbietung wissen sich ästhetisch gegen die gewaltige Hörbuchkonkurrenz zu behaupten. Man kommt mit dem nötigsten aus. Ein „W“ wie Waldgang als Graffito auf der Innenseite und die wohltuend zurückgenommene Vorleserstimme eines Thomas Arnold liefern die Steilvorlage zur Auseinandersetzung mit diesem in jeder Hinsicht üppigen Text. Vor allem in Sachen Sound: Wer sich je auf YouTube den Audio-Jünger zugetraut hat, oder ihm gar in Echtzeit noch sein Ohr leihen durfte, wird die sonore Stimme eines Thomas Arnold dem Schnarren seiner entomologischen Eminenz vorziehen wollen.

Jünger und der Nihilismusbefund

Mit dem „Waldgänger“ führt Ernst Jünger seine geschichtsphilosophische Typenlehre fort, die er mit dem Unbekannten Soldaten und dem Arbeiter einst begonnen hat. Zugleich radikalisiert dieser 1951 erschienene Text den Nihilismusbefund, den Jünger ein Jahr zuvor in Über die Linie bereits unmissverständlich für die Gegenwart festgestellt hat. Mit der „Linie“ evoziert Jünger einen „Nullmeridian“ der nihilistischen Welt, den es hinter sich zu lassen gilt – die Möglichkeiten eines dafür notwendigen Schrittes auszuloten, gehören die folgenden Jahrzehnte seiner literarischen Produktion.

Sein Nihilismusbefund lautet zusammengefasst: Der Mensch hat sich hemmungslos auf die Allmacht der rationalen Welt, ihrer Maschinen und „Apparate“ verlassen und darüber die Bindung an das Wesentliche verloren. Das Wesentliche meint die Souveränität des Bewusstseins, jederzeit Herr der eigenen Lage zu sein oder auf jene wenigstens den größtmöglichen Einfluss auszuüben. Genau dieses Überblicken und Einordnen der Dinge, der geschichtlichen Welt, sei dem gegenwärtigen Individuum aber nicht mehr möglich. Ernst Jünger versucht nun, mit dem Waldgang eine Option des Widerstands aufzuzeigen. Der Tendenz des Untergehens im Unübersichtlichen setzt er den Typus eines Sich-Entziehenden entgegen, eben den „Waldgänger“.

Timo Köllings Buch: „Ernst Jünger und die Nichtvergesslichkeit“

An diesem Punkt setzt Timo Köllings Arbeit über Ernst Jünger ein. Er begreift den Autor der „Linie“ als Gestalt, die in ihrem Spätwerk nichts weniger als das in Schrift eingegangene Absolute darstelle – sich allerdings sukzessive und mit jeder neuen Publikation, über die Essays der 50er Jahre, den Alterstagebüchern bis hin zur Schere (1990) zu einer solchen erst entwickelt habe. Im „selbstgezimmerten Käfig der Bedeutsamkeit“ (Kölling) ruhe die Gestalt und fasse alles als Gleichnis. Jede Regung der Weltgeschichte ein Fanal, ein Teil des großen Plans. Gewogen und für gut befunden; die Gestalt hat gesprochen.

Kölling weiß nur zu gut um die Häme, die dem „Rechts-Anarchen“ (Martin Mosebach) ob dessen Masseneindeutung zu Teil wurde und wird. Unüberbrückbar für viele der Graben zwischen einem nationalistischen, der Wirklichkeit zugewandten Gestus und dem Zwischen- und Nachkriegswerk, dessen Universalismus schon Armin Mohler aufs bitterste aufstieß.

Die Welt ist nicht länger ein ästhetisches Phänomen

Kölling geht auf diese Kritik kurz ein, um sogleich souverän durch die Geistesgeschichte zu wandeln und die entscheidende Frage aufzuwerfen: Wenn der Nihilismus über die Seismographen Hölderlin, Schopenhauer und Nietzsche hinweg gerollt und schließlich zur Totalität gelangt ist, also alles und jeden erfasst und infiziert hat, sind dann nicht auch die Begriffe dieser Zeit nihilistische, also restlos entwertete?

Und wenn ja, wie dann noch den Eingriff wagen können, ohne ins gelassene Heideggern zu verfallen? Denn dass Autorschaft einen Auftrag auszuführen bedeutet, dieses abendländische Credo – zutiefst elitär und der Ordnungskategorie Kunst verschrieben – hat Ernst Jünger immer wieder betont. Kölling ebenso, wenn er die Jüngersche Selbsteinschätzung eines Wechsels vom „Politischen zum Theologischen“ konkretisiert: Jünger sei deshalb nicht mehr Jünger, sondern „Jünger“ (kein Mensch namens Jünger habe Siebzig verweht geschrieben, sondern die Gestalt „Jünger“), weil in ihm der unverbrüchliche Kern der Aneignung und Umwandlung alles Geschehens in einen Sinnzusammenhang existiere und sich im Werk mitteile.

Das ist der entscheidende Punkt: Die Welt wird nicht mehr entworfen, ist kein „ästhetisches Phänomen“ mehr, sondern sie wird von der Gestalt einverleibt. Die Gestalt ist dabei die „souveräne Gesetzgeberin“ (Kölling), in ihr war jeder Eindruck schon immer vorhanden, jedes Szenario in seiner Wirkung schon immer berechnet. Die Autorschaft der Gestalt teilt genau das mit, im Werk. Daher der Altersstil Jüngers, den nichts unerwartet trifft, sondern alles immer schon Gleichnis war.

Nietzsche wie Jünger als Gestalt

Damit ist auch die alte Subjekt-Objekt-Relation überwunden und die Fährte nach Turin gelegt. Besonders lohnend zeigt sich Köllings Interpretation denn auch dort, wo sie den späten Jünger als geistigen Erben des reifen und herunter gekühlten Nietzsche ausweist. Vor allem dessen so populäres Modell der Ewigen Wiederkehr wird kritisch beäugt, sei doch gerade dieses eine dezidierte Vision der Gestalt „Nietzsche“ und keinesfalls eine Weltanschauung, mit der sich leben ließe. Jünger nähere sich hier dem „Willen zur Macht“, obschon Kölling offen lässt, ob Ernst Jünger tatsächlich in letzter Konsequenz den Ausfallschritt aus seinem Monaden-Gehäuse hinein in die Welt getan hätte – Nietzsches innigster Wunsch; ihm fehlten dafür bekanntlich Verbündete, und zum Schluss die Nerven.

Ernst Jünger endet ähnlich, nämlich beim Ziehen der religiösen Summe: „Nicht mehr in ästhetischer, einzig noch in eschatologischer Perspektive geben die Formen ihren Sinn preis.“(Kölling) Dass dabei meisterhafte Prosa entstand, ist unbestritten.

Ernst Jünger: Der Waldgang. Hörbuch, gelesen von Thomas Arnold. Königs Wusterhausen: Edition Apollon 2011. 23,99€.

Timo Kölling: Ernst Jünger und die Nichtvergesslichkeit. Der Autor als Schrift. Hagen-Berchum: Eisenhut Verlag 2011. 9,90€.

 
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