Startseite Rezension Fröhlich, harmonisch, präsent? FAZ-Redakteurin Melanie Mühl über den Irrtum der Patchwork-Familie
Fröhlich, harmonisch, präsent? FAZ-Redakteurin Melanie Mühl über den Irrtum der Patchwork-Familie PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Laura Küchler   
Donnerstag, den 27. Oktober 2011 um 05:50 Uhr

Patchwork-Familien waren früher selten, exotisch, man betrachtete sie mit einer Mischung aus Verachtung und Mitleid. Sie zeugten von menschlichem Scheitern, von Scheidung und Verletzung. Die Kinder waren kein guter Umgang für diejenigen Spielkameraden, die in äußerlich intakten Familien aufwuchsen. Man sprach damals von unvollständigen Zweit- oder Nachscheidungsfamilien. Wie sich dieses Bild durch tatkräftige Unterstützung der Medien gewandelt hat und welche Auswirkungen für Kinder, Eltern und neue Lebenspartner zu befürchten sind, darüber hat die FAZ-Redakteurin Melanie Mühl das Buch Die Patchwork-Lüge – Eine Streitschrift verfasst.

Zunächst beginnt die 1976 in Stuttgart geborene Journalistin ihre Ausführungen mit einer kurzen Begriffsanalyse: „Patchwork kommt aus dem Angelsächsischen und bedeutet Flickwerk. (...) Sucht man in einem Textverarbeitungsprogramm nach Synonymen, werden einem Makel, Ausschuss, Gehudel, Stümperei, Mangel, Murks, Fehler, Sudelei, Missgriff, Schnitzer, Unbrauchbarkeit, Schrott vorgeschlagen.“ Patchwork ist also keineswegs positiv belegt, aber das fällt im Alltag kaum auf.

Melanie Mühl erklärt, warum das so ist: Medien wie die Boulevardpresse, das Privatfernsehen und Internetangebote zeichnen ein bewusst schillerndes Bild voller Harmonie und Freundschaft von Familien in unterschiedlichsten Konstellationen. Herausragende Exemplare von Patchwork-Familien sind für die Autorin unter anderem die Bundespräsidentenfamilie Wulff, die undurchsichtigen Strukturen der Familie des Ex-Tennis-Profis Boris Becker und die Sippschaft von Schauspieler Til Schweiger.

Patchwork in den Medien – die klassische Familie als Auslaufmodell

Besonders die Familie unseres geschiedenen und wiederverheirateten Staatsoberhauptes Wulff bekommt ihr Fett weg: Die Medien haben laut Mühl die öffentlichkeitsscheue Pferdenärrin Christiane Wulff in ein biederes Image gezwängt. Da kam die Hinwendung zu Bettina Körner (spätere Wulff) inklusive Umzug in „eine feine Penthousewohnung im Philosophenviertel von Hannover“ grade recht. Seit seiner Wahl zum Bundespräsidenten wird Christan Wulff auch in Familienfragen von den Mainstreammedien hofiert, Schloss Bellevue scheint die bundesdeutsche Pforte zum Patchwork-Himmel zu sein. Aber so harmonisch die Zeitungsberichte sich auch lesen, so nett die Bilder im TV auch anmuten mögen, Melanie Mühl bringt es auf den Punkt: „Das Präsidentenpaar, hieß es im Focus, verkörpere die ‚junge Republik’. Es runde einen gesellschaftlichen Trend ab, der mit einer ostdeutschen Pfarrerstochter an der Regierungsspitze begann, einen schwulen Vizekanzler sowie die Karriere eines vietnamesischen Adoptivkinds zum Parteivorsitzenden und Wirtschaftsminister ermöglichte. (...) Nur passt das Patchworkmodell nicht nahtlos in diese Reihe, weil Patchwork nicht von vorneherein die beste Lösung ist, sondern in der Regel eben nur die Zweitbeste.“

Dieser sekundäre Charakter einer Nachscheidungsfamilie geht allerdings mehr und mehr verloren. Patchwork-Familien sind an der Tagesordnung und längst Normalität. Im Fernsehen, gibt es laut der Autorin keinen Platz mehr für die klassische Familie mit berufstätigem Vater, einer Mutter als Hausfrau und Kindern. Überall gibt es berufstätige Frauen, alleinstehende Ermittler in Krimis, den unsteten Lebenswandel als Lifestyle in allerlei Soaps. Die klassische Familie erkennt Mühl nur noch als Parodie bei den Simpsons. Es scheint, als habe sie als Lebensmodell ausgedient. Doch: Sie ist der Vorlauf jeder Patchwork-Familie, die unausweichliche Vorstufe und im bundesdeutschen Medienkonsens heute leider das Auslaufmodell.

Die Medien blenden die Probleme einer Patchwork-Konstellation aus

Niemand wird leugnen können, dass eine auseinanderbrechende Familie ein Problem für die Beteiligten darstellt – für die betroffenen Kinder ebenso wie für die Eltern. Fast jeder wird sich an Situationen in seiner Kindheit erinnern, in denen er hoffte, die Eltern würden aufhören zu streiten, die Verlustangst ist dann allgegenwärtig. Genauso wird kaum jemand behaupten können, noch nie um eine zerbrochene Beziehung getrauert zu haben, die Einsicht, dass die Liebe doch nicht gehalten hat, ist schmerzhaft.

Das wird allerdings in den Medien nicht oder nur am Rande thematisiert. In Die Patchwork-Lüge wird es wie folgt beschrieben: „Die Fernsehpatchworkwelt verbreitet Hoffnung, das ist ihre Aufgabe. (...) Es gibt keinen Neid, keine Missgunst, keine Trauer, kein Leid, keine Verzweiflung, keine Verluste. Es gibt keine Schwerverwundeten, nicht einmal Leichtverletzte.“ Aber es gibt sehr wohl Verletzte, besonders Kinder werden durch Trennung und Scheidung der Eltern traumatisiert. Ihre Lebenswelt bricht auseinander und mit ihr der Raum der Sicherheit und Geborgenheit.

Mühl zeigt die drastischen Folgen auf: Leistungsabfall in der Schule, Verhaltensauffälligkeiten, fehlende Sozialkompetenz, Zurückgezogenheit. Außerdem sei das Risiko einer gescheiterten Ehe für Scheidungskinder ungleich höher als das von Erwachsenen, die in intakten Familien aufgewachsen sind. Die Statistiken sprechen eine deutliche und unmissverständliche Sprache. Doch warum nehmen viele Eltern augenscheinlich so wenig Rücksicht auf die Bedürfnisse ihrer Kinder?

Selbstoptimierung“ und Individualismus sind wichtiger als das Kindeswohl

Hinter dem scheinbar beliebigen Wechsel des Partners steht laut Mühl ein recht einfaches Konzept, sie nennt es „Selbstoptimierung“. Solange die Medien von sexueller und persönlicher Selbstverwirklichung und dem perfekten Partner sprechen, wird sich das nicht ändern. Viele sind dann nicht mehr zufrieden mit dem, was sie haben und glauben an ein Recht auf Glück. Doch dieses Recht existiert nicht und hat nie existiert.

Mühl führt in Bezug auf das seelische Gleichgewicht der Kinder eine einfach anmutende und doch radikale These ins Feld: Kinder sind nicht interessiert daran, ob ihre Eltern glücklich zusammenleben, solange sie nur zusammen sind. Das lässt nur den Schluss zu, dass Eltern in ihrer Partnerschaft unter Umständen zu Gunsten ihrer Sprösslinge auf persönliches Glück verzichten sollten, um eben diese zu schützen.

Melanie Mühl hat mit Die Patchwork-Lüge – Eine Streitschrift ein wichtiges Buch vorgelegt. Ein Werk, dem niemand gleichgültig gegenüberstehen kann, es liefert Zündstoff für eine neue Diskussion über Familienwerte. Leider verkennt die Autorin, dass im Leben nicht immer alles glatt laufen kann. Dass Trennungen, Scheidungen, Leid und Schmerz dazu gehören und schon immer dazu gehört haben. Durch leichtfertiges Ignorieren der Probleme und das Vorspielen einer heilen Welt löst man keine Konflikte, man verdrängt sie nur. Dennoch ermuntert die Streitschrift zu mehr Kampfgeist und warnt vor zu viel Egoismus und Leichtfertigkeit. Um es mit Schopenhauer zu sagen: „Meistens belehrt uns erst der Verlust über den Wert der Dinge.“

Melanie Mühl: Die Patchwork-Lüge. Eine Streitschrift Hanser Verlag München. Flexibler Einband, 176 Seiten. 16,90 Euro.

 
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