| „Das Beginnen einer neuen Kunst“: Der Maler Philipp Otto Runge und der Morgen der Romantik |
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| Geschrieben von: Charlotte Reutter |
| Montag, den 31. Oktober 2011 um 08:13 Uhr |
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In der Münchner Hypo-Kunsthalle endete kürzlich eine Ausstellung, die sich dem „Kosmos Runge“ widmete. Mit rund 300 Werken war es die erste umfassende Runge-Retrospektive außerhalb der Hamburger Kunsthalle, die bislang fast das gesamte noch erhaltene Werk des Künstlers beherbergte. 1931 zerstörte ein Brand im Münchner Glaspalast einen Großteil des Oeuvres. Nach 80 Jahren kehrte Runges Werk nun in die Stadt der Katastrophe zurück. Das Neu-katholische Künstlerwesen Philipp Otto Runge, geboren 1777 in Wolgast in Ostvorpommern, gestorben 1810 in Hamburg, gilt als Begründer der Romantik in der deutschen Malerei. Sein Name wird in einem Atemzug mit dem Caspar David Friedrichs (1774 – 1840) genannt. Und doch haben die Werke in der Hypo-Kunsthalle wenig gemein mit Friedrichs konstruierter Landschaftsmythologie und dessen sphärischen Seelenporträts. Sie sind aus einem Grund durch und durch romantisch: Runge vollzieht als Vorreiter den Übergang „aus einer klassisch-antiken Bilder- und Formenwelt“ zu einem „Bewusstsein, einer christlich-europäischen Tradition und Gemeinsamkeit der Antike gegenüber“ (Prof. Gerhard Schulz). Zeitgenosse Goethe sah dem alten Heidentum darin ein „neu-katholisches Künstlerwesen“ entgegengestellt. „Sternbaldisierend“ nannte er diese Kunst nach einem der wichtigsten romantischen Bücher, nämlich, einem „altdeutschen“ Künstlerroman aus der Feder Ludwig Tiecks. Es wollte mich dünken, daß hier wohl das Beginnen einer neuen Kunst anhebt, einer Kunst des Fühlens und der Träume, die kommen muß nach all dem elenden Verstandeszeug der Aufklärung […]. Ich glaube, dies ist ein Beginnen, das was Sie da gemacht, und wer Sinn hat für diese Kunst, der mag sich Schönes daraus erträumen.“ – Diese Worte wurden Ludwig Tieck vom Schriftsteller Fritz Meichner in seinem Runge-Roman Wir Drei in den Mund gelegt. Sie machen mir das Herz gesund, lieber Runge …“, fährt der Roman-Tieck fort und Philipp Otto Runge, ganz Romantiker, antwortet: „Ich möchte einmal in Bildern darstellen, wie ich zum Wesen der Blumen gelangte, wie mir immer deutlicher unsere innere Übereinstimmung mit dem All vor die Seele trat, wie ich den Schwung der Welt, ihren ewigen Wechsel und der Menschheit Kampf, Verwirrung und Friede erschaute. Das möchte ich alles malen, da ich es in Worten nicht auszudrücken vermag …“ Die Abgrenzung vom Klassizismus Den Auftakt der Ausstellung bilden Werke aus der frühen Schaffenszeit Runges, vor allem seine (Selbst-)Porträts. Von besonderer Intensität, fallen die Kreidezeichnung antiker Köpfe ins Auge – als fände man hier die Gesichter zu Rilkes archaischem Torso Apolls, der einem befiehlt, sein Leben zu ändern. Eine Suche nach etwas vergleichbar Lebendigem wird wenig Erfolg haben. Das Schmuckstück des nächsten Raumes ist zweifelsohne der „Triumph des Amor“. „Ich habe das Bild ganz genau mit bleystift auf die Leinwand gezeichnet“, beschrieb Runge den Anfang des Schaffensprozesses. Das Ergebnis lässt einen ungläubigen Betrachter zurück, der immer wieder die Dreidimensionalität des Bildes erkunden will. Ist das wirklich ein Gemälde oder doch ein Figurenfries? Die berühmten Porträts, von den Eltern des Künstlers oder den Hülsenbeck’schen Kindern folgen. Gerade hier sind die herben Züge seiner Figuraldarstellung erkennbar, die Betonung des Bürgerlichen in Abgrenzung zum aufkommenden Klassizismus. Das Herzstück der Ausstellung bildet jedoch der berühmte Zyklus der Tageszeiten, hier vor allem „Der große Morgen“, denn nicht umsonst trägt die Ausstellung den Untertitel „Der Morgen der Romantik“. Auf dem Sterbebett bat Runge seinen Bruder Daniel, das Bild zu zerschneiden, „weil manches unrichtige in demselben nur Irrthum würde verbreiten können“. 1890 fand der letzte Wunsch Runges unter nicht näher geklärten Umständen seine Umsetzung. Neun Fragmente jedoch blieben erhalten. 1927 fügte sie der Restaurator Victor Bauer-Bolton anhand älterer Skizzen zusammen, bediente sich dabei der „Neutralretusche“: Anstatt die fehlende Teile zu ersetzen, griff er auf einen einheitlichen grauen Farbton zurück. Sind die landschaftlichen Hintergründe bei Runges Porträts noch sachlich nüchtern, lebt er im „großen Morgen“ seine allegorische Auffassung der Natur – das Dichterische darin, das Phantastisch-Religiöse – aus: „Der Morgen ist die grenzenlose Erleuchtung des Universums.“ Aber Runge war nicht nur Maler: Er brachte es in der Disziplin der Scherenschnitte wahrlich zu einer nie gesehenen Meisterschaft. Die Schere bezeichnete er gerne als Verlängerung seiner Finger. In ihrer Schlichtheit ergreifen die Scherenschnitte, besonders die floralen Silhouetten, den Betrachter im letzten Ausstellungsraum. Hier dringt Runge tatsächlich zum „Wesen der Blume“ vor und lässt die zentralen Elemente seiner Kunst, Schönheit und die Lebendigkeit der Natur, kulminieren. Runge, Goethe und die (gemeinsame) Farbenlehre Ein Exkurs widmet sich innerhalb der Ausstellung Runges Farbenlehre, die er in dreidimensionalen Skizzen anschaulich machte. Dabei ging es ihm vor allem um die „Verhältnisse aller Mischungen der Farben zu einander.“ Daraus entwickelte er seine Farb-„Harmonie“. In romantischer Verklärung nannte Runge die Farbe „süße Vernichtung des Lichtes“. 1809 verfasst, erschien der entsprechende theoretische Aufsatz in seinem Todesjahr. Goethe, mit dem Runge schon seit einigen Jahren in Kontakt stand, bekam die Abhandlung bereits im Entstehungsjahr zu Gesicht. Darauf richtete er einen Brief an den Maler: „Sie haben mir, werthester Herr Runge, durch Ihren Aufsatz sehr viel Vergnügen gemacht: denn wie sehr meine Vorstellungsweise mit der Ihrigen zusammentrifft, ergiebt sich schon daraus, daß ich am Schlusse meines Entwurfs einer Farbenlehre einige früher mitgetheilte Blätter mit abdrucken ließ. Leider habe ich das Ganze noch nicht abschließen können, und so liegt denn eins mit dem andern noch im Verborgenen.“ Bei Cotta erschien Goethes Zur Farbenlehre ebenfalls 1810. Die Kunst, der Künstler und die Bedeutung des Gefühls Die Misere des Künstlers, der um den Ausdruck seines Innersten ringt, beschreibt Runge selbst wie folgt: „Worte, die du nicht verstehst, und womit du doch etwas sagen willst, was sie nicht sagen, lässest du nicht allein besser ungesagt, sondern es ist auch die größte Qual es zu thun, wenn die Umstände dich zwingen.“ Er wollte dem Ausdruck seiner Gefühle nicht, wie beispielsweise später die Expressionisten, freien Lauf lassen, denn „sonst kommen wir gleich von vornherein in das Chaos zurück, aus welchem uns der Verstand und die Zeit retten, und dadurch zu noch größerer Herrlichkeit der Anschauung führen wollen.“ Ihm galt die „überströmende Fülle der Empfindung“ vordergründig als Quelle, nicht als Wirkung seiner Kunst. Bild 1: Philipp Otto Runge Wir Drei Bild 2: Philipp Otto Runge Der große Morgen, 1890 zerstört, 1927 neutralretuschiert. |