Startseite Rezension Die Neunziger als Symptom: Langersehnte Neuauflage von Thomas Palzers Kultbuch „Pony“
Die Neunziger als Symptom: Langersehnte Neuauflage von Thomas Palzers Kultbuch „Pony“ PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Benjamin Jahn Zschocke   
Mittwoch, den 09. November 2011 um 22:13 Uhr

Pony ist die Geschichte eines auf die Vierzig zugehenden Ich-Erzählers, der von heute auf morgen arbeitslos wird. Mit der schriftlichen Interpretation seiner Erinnerung glaubt er, Rache an der Realität nehmen zu können. Er läßt in seinem Bericht viele erotische Beziehungen aufleben. Da ist seine Jugendliebe Brigitte aus der Internatszeit. Eine Frau, deren Schönheit den jungen Mann einschüchterte und deren Wesen zwischen äußerer Keuschheit und tatsächlicher Wollust, sein Frauenbild prägte. Und da ist Tanja, gewissermaßen die Frau seines Lebens, die, ur-tragisch, nicht vermitteln kann zwischen seinem drängenden Werben und den eignen erotischen Wünschen. Von ihrem Glück schließt sie ihn aus, denn sie weiß selbst nicht, wie es aussehen soll. Ohne ihn kann sie aber auch nicht. Der Teufel scheißt auf den größten Haufen: Alles scheitert, als die Arbeitslosigkeit eintritt…

„In Wahrheit ist es die innere Landschaft, die die äußere topographiert.“

Man muß Pony, 1994 in der Erstauflage beim Münchner belleville Verlag erschienen und bis dato vergriffen, im Kontext der Neunziger lesen. Palzer veröffentlichte seine Geschichte, als die Frau, die die Post-Porno-Literatur mit Feuchtgebiete auf ihren Höhepunkt führte, noch in den Kindergarten ging und Houellebecq gerade sein erstes Büchlein über H.P Lovecraft tippte. Palzers deutliche Sprache war damals sicher ein Skandal. Heute wirken die zahlreichen pornographischen Beschreibungen abgestanden.

Das ist leider die Sollbruchstelle des Buches, die mit seiner unkommentierten Wiederveröffentlichung zusammenhängt: Pony schwankt zwischen den Extremen: Palzers feingliedrige, sehr genau beobachtende und kluge Erzählkunst ist lesenswert. Die aus heutiger Sicht tausendfach gehörten und altbekannten Pornismen weniger. Sechs Jahre nach Houellebecqs Die Möglichkeit einer Insel ist es des Spermas und der Schwänze genug. Da hilft auch Palzers Relativierung wenig, die versucht, alles in ein programmatischeres Licht zu rücken, das die Neunziger als Symptom fast nebenbei treffend zusammenfaßt: „Nach allem bin ich zu der festen Überzeugung gekommen, daß das Ich geopfert werden muß. Hier liegt der Zweck meines Tuns. Das Ich hat keinen Sinn außer dem, sich in der Ekstase zu verlieren; wir gehören nicht unserem Ich, auch wenn wir mit ihm sterben werden.“

„…, daß wir die Liebe praktizierten im Sinne einer erotischen Revolte gegen sie.“

In Pony wird die Frau im Plural verstanden, als Phänomen zur Selbstbestätigung und Spiegelung eines ultraempfindsamen und unfruchtbaren Einzelgängers. Die Frau im Singular, im Sinne einer Selbstverwirklichung, einer Vervollkommnung und Vollendung des Mannes in der Gegenseitigkeit, bleibt außen vor. Denn das würde Abstriche am Individualismus des selbstmitleidigen und neurotischen Künstlertypen bedeuten. Palzers Ich-Erzähler betreibt deshalb eine Loslösung und Freistellung des Erotischen vom Kontext der Liebe, die er, ganz vom Leben enttäuscht und verbittert, nur mehr als „eine ideologische Vorschrift“ verstehen kann. Er löst alles körperlich-sexuelle aus dem Leben heraus und hält es als abstraktes Kuriosum, gleich einem Prisma vors Auge – unfähig, es als organischen Teil des Lebens zu begreifen. Deswegen beschreibt er es so vollmundig.

Palzers Geschichte ist das Dokument eines Irrtums, der persönlichen Verfehlung seines Protagonisten, seines Scheiterns, das ihm jedoch eine wunderbar zwingende Kunstdefinition abringt und gleichzeitig der Schlüssel ist zum Verständnis von Pony: „Wenn ich schon dazu verdammt bin, meinem eigenen Zerfall beizuwohnen, so will ich wenigstens davon Zeugnis ablegen.“

Thomas Palzer: Pony. Geschichte. Eisenhut Verlag Hagen-Berchum, 2011. 140 Seiten, Broschur. 13,90 €. www.eisenhutverlag.de

 
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