Startseite Rezension Preußen II: Der Schelm Fritz und sein Vater – Über die Jugendjahre des großen Preußenkönigs
Preußen II: Der Schelm Fritz und sein Vater – Über die Jugendjahre des großen Preußenkönigs PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Simon Meyer   
Donnerstag, den 22. Dezember 2011 um 11:36 Uhr

Preußen und die Hohenzollern schienen lange Jahre völlig ungeeignet, das Interesse einer breiteren Öffentlichkeit zu wecken. Mit dieser deutschen Geschichtsepoche ließ sich kein Hund hinter dem Ofen hervorlocken. Allenfalls wurden in einschlägigen Tendenzveröffentlichungen etliche Negativklischees über das Königreich breitgetreten. Doch seit einiger Zeit erlebt Preußen und seine Herrscherfamilie auf dem Büchermarkt eine unerwartete Renaissance. Auslöser mag 2001 das dreihundertjährige Jubiläum der Krönung Friedrichs I. in Königsberg zum preußischen König gewesen sein. So erfreut sich sogar der viel geschmähte Wilhelm II. seit kurzem wieder einer differenzierteren Wahrnehmung, jenseits des Bildes vom polternden Trottel.

300. Geburtstag des Alten Fritz

Nunmehr steht 2012 ein neuerliches Jubiläum ins Haus: der 300. Geburtstag König Friedrichs des II. von Preußen, genannt Friedrich der Große oder schlicht der Alte Fritz. Dieses Jubiläum wirft bereits jetzt seine Schatten voraus und das literarische Preußen-Interesse der Vorjahre dürfte noch überboten werden. Aus der Vielzahl der neuen Publikationen hervorzuheben ist das neue Buch des Historikers Uwe A. Oster, seines Zeichens stellvertretender Chefredakteur des Geschichtsmagazins Damals. Oster verfaßte in den letzten Jahren neben einer Gesamtdarstellung der preußischen Geschichte schon mehrere Bücher über Angehörige des Hauses Hohenzollern, etwa über Friedrichs Schwester Wilhelmine, die spätere Markgräfin von Bayreuth oder das furiose Buch über den Prinzen Louis Ferdinand, den „preußischen Apoll“, wie ihn Fontane nannte.

Anders als bei den vorangegangenen Büchern entwirft Oster diesmal keine vollständige Biographie. Vielmehr beschäftigt er sich ausschließlich mit der Zeit Friedrichs als preußischer Kronprinz und stellt hierbei den Konflikt Friedrichs mit seinem Vater Friedrich Wilhelm I., dem Soldatenkönig, in den Mittelpunkt. Und so trägt das Buch als Titel ein Zitat aus den Memoiren der bereits erwähnten Wilhelmine, die über die Kronprinzenzeit ihres Bruders urteilte: „Sein Leben war das traurigste der Welt.

Friedrichs schwierige Zeit als Kronprinz

Leicht hatten die beiden es nicht miteinander, der musisch interessierte Kronprinz und der rauhbeinig, biedere Soldatenkönig auf dessen Regierung die preußischen Tugenden wie Ordnung, Fleiß, Disziplin, Sparsamkeit und Unbestechlichkeit zurückgehen und dessen Leidenschaften dem Militär und der Jagd galten. Seinem Sohn verbot er alle geistige Tätigkeit, die nicht auf einen unmittelbaren praktischen Nutzen abzielte. So verpaßte er etwa einem Lehrer seines Sohnes, der mit diesem lateinische Vokabeln deklinierte, eine gehörige Tracht Prügel, denn der Sinn des Erlernens einer toten Sprache erschloß sich dem König nicht.

Der Kronprinz schien indessen das Gegenteil des Vaters zu werden, was diesen regelmäßig zur Weißglut trieb. Wer das Bild Otto Gebührs aus dem Film Der große König vor Augen hat, wird Friedrich in seinen Jugendjahren kaum wiedererkennen. Noch weit entfernt ist er dem nimmermüden Streiter des Siebenjährigen Krieges, dem Sieger von Roßbach, Leuthen und Torgau. Der Kronprinz war in den Augen des Vaters ein Sensibelchen, geckenhaft und ohne jede Neigung zum Militär. Bekannt ist der Ausspruch des Kronprinzen vom Sterbekittel, mit dem er den vom König so geliebten Soldatenrock der preußischen Truppen bezeichnete.

Prügel für die Beschäftigung mit Kunst und Kultur

Die Interessen des jugendlichen Friedrichs galten der Musik, der Philosophie und der Literatur. Neigungen, denen er nur heimlich nachgehen konnte. Wurde er hierbei von seinem Vater erwischt, setzte es deftige Schläge. Bücher oder Notenblätter wurden vernichtet. Je älter der Kronprinz wurde, desto mehr fürchtete sein Vater, eine Memme als künftigen König heranwachsen zu sehen. Und umso heftiger fielen die verbalen Attacken und körperlichen Mißhandlungen aus, die der König seinem Sohn auch in aller Öffentlichkeit verpaßte.

Der Konflikt gipfelte schließlich in der schon im Ansatz gescheiterten Flucht des Prinzen, als dieser während einer Reise durch Süddeutschland versuchte, sich vom königlichen Troß abzusetzen und nach England zu fliehen. Es folgte die Inhaftierung des Kronprinzen in der Küstriner Festung. Zeitweise rechnete dieser mit einem Schicksal, wie dies der König unter Verschärfung des Kriegsgerichtsurteils dem in den Fluchtplan eingeweihten Freund des Kronprinzen, Hans Hermann von Katte, zumaß. Der wurde in Küstrin unter dem Gefängnisfenster des Kronprinzen enthauptet.

Diese Inhaftierung stellte gleichzeitig den Höhe- aber auch den Umkehrpunkt des Konfliktes beider dar. Was folgte, war eine Bewährungszeit Friedrichs, zunächst als Mitarbeiter einer Verwaltungsbehörde, später als Kommandeur eines Infanterieregiments in Neuruppin und schließlich die glücklichsten Jahre Friedrichs mit einer eigenen kronprinzlichen Hofhaltung in Schloß Rheinsberg. Die Rheinsberger Zeit und damit auch der Zeitraum, den Oster behandelt, endete 1740 mit dem Tod des Königs und der Übernahme der Herrschaft durch Friedrich.

Osters Niveau ist wie gewohnt hoch

Oster schreibt in einem flüssigen, angenehm zu lesenden Stil, so daß dem Leser keine Sekunde langweilig wird. Es handelt sich um ein, positiv zu verstehendes, populärwissenschaftliches Werk ohne großen Fußnotenapparat. Oster gelingt es in bewährter Manier, den Leser in den Bann zu ziehen. Allerdings hätte es einem Autor wie Oster nicht passieren dürfen, im auf den Umschlaginnenseiten abgebildeten Stammbaum der Hohenzollern zwar alle Schwestern Friedrichs aufzuführen, den bedeutendsten Bruder Friedrichs, den Prinzen Heinrich, jedoch einfach zu vergessen.

Uwe A. Oster: Sein Leben war das traurigste der Welt – Friedrich II. und der Kampf mit seinem Vater. PIPER Verlag 2011, 19,99 Euro.

 
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