Startseite Rezension Für junge Leser: Jostein Gaarder modernisiert in „Die Frau mit dem roten Tuch“ den Briefroman
Für junge Leser: Jostein Gaarder modernisiert in „Die Frau mit dem roten Tuch“ den Briefroman PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Mirjam Kühn   
Freitag, den 27. Januar 2012 um 08:16 Uhr

Spätestens mit dem ersten Todesfall in der Familie, stellt sich auch Jugendlichen die Frage nach dem Danach. Was passiert mit uns, wenn wir einmal nicht mehr sind? Sterben wir oder stirbt lediglich unser Körper? Man kann auf diese Fragen religiös oder wissenschaftlich antworten, eine objektive Antwort wird man nicht finden. Bestsellerautor Jostein Gaarder versucht in seinem aktuellen Roman Die Frau mit dem roten Tuch eine Annäherung, indem er sich für die Form des Briefromans entscheidet. Nicht erst seit Die Leiden des jungen Werthers wissen wir, daß diese sich für existenzielle Fragen besonders gut eignet, da sie eine große Nähe zwischen Leser und Figuren herstellt.

Alles beginnt mit einem Rätsel

Jostein Gaarder hat zwei Figuren erschaffen, Solrun und Steinn, eine Frau und einen Mann, wie sie in ihrer Weltanschauung unterschiedlicher kaum sein könnten. Vor über dreißig Jahren liebten sie einander. Sie waren 19 Jahre alt, als Solrun einen ihrer „Anfälle“ bekam. Sie hatte Angst vor dem Tod, hatte Angst davor vergänglich zu sein. Um Solrun zu trösten und sie abzulenken, schlug Steinn eine Reise vor. Auf dem Weg begegnen sie einer Frau mittleren Alters. Sie war allein unterwegs und trug besagtes rotes Tuch um die Schultern. Dieses Treffen wird ihr Schicksal entscheiden: Solrun und Steinn spürten danach, dass etwas mit ihnen passierte. Sie wussten, dass sie kein Paar mehr sein konnten. Sie wurden sich von diesem Zeitpunkt an fremd und wussten nicht warum.

Dreißig Jahre später treffen sie sich wieder in einem Hotel. Beide sind mittlerweile verheiratet, beide haben zwei Kinder. Solrun hält diese Begegnung für ihr Schicksal, Steinn für einen Zufall. Sie wollen per E-Mail in Kontakt bleiben, um sich nicht wieder aus den Augen zu verlieren, um endlich zu klären, was damals wirklich passierte und warum ihre Geschichte auf diese Weise ihr Ende nahm. In unzähligen Mails erklären sie sich danach, wie sie die Begegnungen mit der Frau mit dem roten Tuch erlebt haben. Sie wollen wissen, an was und woran sie glauben und wieso sie sich nach so langer Zeit in demselben Hotel wie damals wieder begegnet sind.

Gaarder ist noch immer einer der besten Jugendautoren der Gegenwart

Das interessante an Die Frau mit dem roten Tuch ist, dass das Buch ausschließlich aus den fiktiven E-Mails von Solrun und Steinn besteht. Damit belebt Gaarder den klassischen Briefroman mit modernen Mitteln. In der ersten Hälfte des Buches kommt überwiegend Steinn zu Wort. Er ist Pragmatiker, Solrun hingegen hört auf ihre Intuitionen. Sie erzählt im zweiten Teil ihre gemeinsame Geschichte. Da Steinn ein Naturwissenschaftler ist und nicht an übernatürliche Phänomene glaubt, ist der erste Teil des Buches für einen naturwissenschaftlich ungebildeten Leser zeitweise ein bisschen trocken und schwerfällig. Gaarder gelingt es nicht immer zu beschreiben, manchmal verfällt er ins Dozieren. Seine Figur Steinn versucht zu erläutern, wie die Erde entstanden ist, was das menschliche Bewusstsein ist und weicht so Solruns Frage »Woran glaubst du?« einfach mit wissenschaftlichen Erklärungen aus. Wer Gaarder länger kennt oder zumindest Sophies Welt gelesen hat, trifft hier auf ein Grundproblem seiner Literatur: sie ist in der Regel zu theorielastig. Aber das schwer Verständliche zu durchdringen, kann ja eine lohnenswerte Herausforderung sein.

In der zweiten Hälfte des Buches tut Gaarder das, was er gut kann: spannende Geschichten erzählen. Die Begegnung mit der Frau mit dem roten Tuch wird zum mysteriösen Dreh- und Angelpunkt des Buches, der erst am Ende aufgelöst wird. Gaarder fragt, was viele Jugendliche beschäftigt: Kann ich auf das hören, was aus mir kommt oder nicht? Solrun glaubt nicht an Steinns Rationalismus und verlässt sich auf ihre innere Stimme.

Hat man sich erst einmal in die Geschichte hineingedacht, ist sie trotz schwer zu lesenden norwegischen Namen und vielen Fachbegriffen spannend und fesselnd, zeitweise sogar ein bisschen unheimlich. Das Ende des Romans ist alles andere als vorhersehbar, wird aber hier nicht verraten.

Jostein Gaarder: Die Frau mit dem roten Tuch. Hanser Verlag, München. 224 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag. 18,90 Euro.

 
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