Startseite Rezension Muss ein neues Netz her? ZEIT-Journalisten warnen vor dem Internet
Muss ein neues Netz her? ZEIT-Journalisten warnen vor dem Internet PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Lukas Rudi   
Montag, den 30. Januar 2012 um 04:28 Uhr

Gut zwei Milliarden Menschen nutzen zwischenzeitlich das Internet. Allein Google verzeichnet monatlich über eine Milliarde Nutzer, Facebook etwas mehr als die Hälfte davon. Mit dieser globalen Verbreitung gehen Missbrauch von sensiblen Daten und systematische Kriminalität einher: Im Jahr 2011 waren 77 Millionen Playstation-Kunden vom Datenklau genauso betroffen wie eine sechsstellige Zahl von Citigroup-Kreditkartenbesitzern. Politisch und militärisch relevant wird es, wenn z.B. chinesische Hacker die Baupläne der neuesten US-Kampfflugzeuge stehlen. Muss angesichts dieser Sicherheitslücken das Internet ersetzt werden? Ja, meinen Thomas Fischermann und Götz Hamann, die Autoren des auch für Nicht-Informatiker gut lesbaren Buches Zeitbombe Internet.

Paranoia scheint nicht fehl am Platz zu sein

Glaubwürdig legen die Autoren, die regelmäßig für den Wirtschaftsteil der Wochenzeitung DIE ZEIT schreiben, dar, dass das Internet von seiner Entstehung her als freies und  „demokratisches“ Netz gedacht war. Für den Verkehr von sicherheitsrelevanten Daten sei es deshalb ungeeignet. Jeder private Nutzer kommt ins Nachdenken, wenn Experten zitiert werden, die versichern, dass die heutigen Online-Banking-Systeme allesamt unsicher sind. Geradezu paranoide Ängste überfallen einen, wenn man liest, dass „Abermillionen von willenlosen Computern im Internet auf die Befehle ihrer Herren – sogenannte Computer-Zombies – warten“.

In neun sehr kurzweiligen Kapiteln gehen die Autoren auf verschiedenste Aspekte des Internets und dessen Gefahrenpotenziale ein: Von der Spam-Flut über Hacker-Konferenzen zum Cyberkrieg. Lukrative Geschäfte werden von Cyberverbrechern getätigt: Alleine in Russland sei der Umsatz 2010 auf eine Milliarde Dollar pro Jahr gewachsen. Persönlich relevant werden für den Leser die Abschnitte über soziale Netzwerke und den damit einhergehenden Verlust der Privatsphäre: „Spätestens mit den Smartphones haben die Menschen ihr Leben unwiderruflich mit den Supercomputern verwoben“, wird ein Abteilungsleiter des weltberühmten Massachusets Institute of Technology zitiert. Mehr als 35 Milliarden Geräte – darunter Handys, Navigationsgeräte und Digitalkameras - seien inzwischen ans Internet angebunden. Damit sei das Internet die größte Überwachungsmaschine aller Zeiten.

Ein Netz 2.0 muss her

Im Bereich des Verbraucher- und Datenschutzes wird speziell der deutschen Politik „Versagen durch Unterlassen“ vorgeworfen. Dass dieses Buch aber nicht nur kritisieren oder schwarzmalen will, wird in vielen konkreten Tipps und konstruktiven Forderungen von Experten in der zweiten Hälfte des Buches deutlich. Ganz zentral ist hierbei der Vorschlag, Infrastrukturen, bei denen es um Leben und Tod geht, wie z.B. Atomkraftwerke, Krankenhausrechner oder Flughafentower unwiderruflich vom normalen Netz zu nehmen. So stellt ein Technik-Experte des FBI lapidar fest: „Daten, die auf vernetzten Computern gespeichert werden, kann man nicht schützen“. Dagegen helfe nur eins: „Konsequent Entnetzen“.  „Physische Trennung ist das Einzige, das Sicherheit gewährleistet“ ist auch die Überzeugung eines Mannheimer Informatik-Professors.

Unterm Strich lässt sich festhalten, dass den ZEIT-Autoren ein aufklärendes und sensibilisierendes Buch gelungen ist, das nicht zur Totalverweigerung des Internets, sondern zum kritischen Umgang damit aufruft.

Thomas Fischermann und Götz Hamann : Zeitbombe Internet. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2011. 255 Seiten, 19,99 EUR.

 
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