| WEGNER WERTET: Nur ein Sturm im Wasserglas – Das neue Album der Nazi-Jäger „Atari Teenage Riot“ |
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| Geschrieben von: Nils Wegner |
| Donnerstag, den 02. Februar 2012 um 11:23 Uhr |
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Proteste in der Welt – Anarchos riechen Geld Nun, ganze dreizehn Jahre nach ihrem letzten Studioalbum, sehen sich die Steckdosenanarchos erneut durch aktuelle politische Entwicklungen bemüßigt, ihre Parolen in die Welt zu krakeelen. Is This Hyperreal? nennt sich das neue Werk, und in jedem Fall wummert und kreischt es von Anfang bis Ende. Zur Einführung beklagt das Stück „Activate“ sogleich die Kontrolle des Bürgers durch den Staat und möchte Musik als Waffe dagegensetzen. Das anschließende, vom verzerrten Geschrei Nic Endos getragene „Blood In My Eyes“ beginnt tranceartig und kulminiert erstaunlicherweise nicht im üblichen Krach-Exzeß. Vielleicht, weil darin die genderbewußte Frau abgefeiert wird? Weiter geht es mit der Singleauskopplung „Black Flags“. Hier sucht Alec Empire etwas vom Abglanz der durch Wikileaks und die Hackergruppe Anonymous populärgewordenen Datenklau-Szene zu erhaschen, indem er die Bestrafung von Cyberattacken beklagt und den (wie in beinahe jedem Lied der Gruppe) ostentativ wiederholten Bandnamen um das Wort „Anonymous“ ergänzt. Passenderweise verkündete Empire in einem der letzten ATR-Rundschreiben, daß man sich neuerdings mit den Hackern von Anonymous zusammengetan habe – diese würden jetzt „Black Flags“, in ihren Videos als Hintergrundmusik nutzen. Ganz schön abgeschmackt für einen fast schon marktschreierisch Linken, der einen „Klassenkrieg“ wittert, den natürlich „die Reichen“ vom Zaun gebrochen haben. Nur allzu passend, daß man auch mit der Occupy-Bewegung harmoniert. Peinliche Schlagwortparade Vollends lächerlich wird es dann im Titellied des Albums. Musikalisch gänzlich verhalten und repetierend, wartet es gegen Ende mit einer völlig absurden Ansprache Empires auf, der „über den Rasen zum Bundestag marschieren“ und sagen will: „Hände hoch! Verbrennen Sie Ihre Ausweise! Sie sind verhaftet!“ Spätestens an dieser Stelle dürften selbst viele Sympathisanten der Gruppe vor Scham im Boden versinken. Kein Wunder, daß die anschließenden, für ATR eher typischen sechs Lärmorgien sich wieder auf Englisch mit dem Internet-Anarchie-Umsturz-Sujet beschäftigen – die obligatorischen Nazi- und Holocaustvergleiche fehlen auch hier nicht. Und natürlich wird noch einmal betont, daß der kommende Kampf nicht durch Wahlen gewonnen werden kann. Wirklich revolutionär war die Musik von ATR in den 90er Jahren. Heute gehen Empire und Endo stramm auf die Vierzig zu, und zumindest Alec hat sich durch seinen „Wir sitzen in einer Luxuslimousine und reden über die Revolution“-Auftritt mit Robert Stadlober bei artes „Durch die Nacht“-Format selbst ad absurdum geführt. Daß ihr neues Album immerhin an den Stellen nicht blamabel ist, an denen sie ihre alten Alben zitieren, ist fast ein wenig traurig. Zumindest, wenn man sich mit dem rabiaten „Riot Sound“ von damals anfreunden konnte. „The revolution has been activated“? Mag sein, Herr Empire, aber sicher nicht durch diese CD. |