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Zum Abendbrot gibt es Kartoffeln und Gemüse mit Sinti-und-Roma-Soße (auf dem Etikett stand „Zigeuner-Soße“, aber das ist hier nicht näher zu kommentieren). In der Post findet sich zudem eine Leseprobe des Erzählbandes Nach oben ist das Leben offen von Philipp Schönthaler, der am 6. Februar erscheint. Anders als sonst schickt man uns kein ganzes Buch, sondern ein separat gebundenes Kapitel, 25 Seiten lang. Das Cover erinnert an Die Vermessung der Welt von Daniel Kehlmann, sicher kein Zufall. Der Pressetext sagt uns, das Buch fordere den Leser „listig heraus“. Das wollen wir doch mal sehen ...
Nun steht erst mal sehr kritisch die Frage im Raum, ob man denn von einer Single-Auskopplung gleich auf das ganze Album schließen kann oder ob das nicht wieder eine Masche des Buchmarktes ist. Hätte man von der fiktiven Single-Auskopplung des Stückes „London Calling“ auf die Qualität des doch recht heterogenen gleichnamigen Doppel-Albums schließen können? Wohl eher kaum. Deshalb bleibt nun, sich an das vorliegende zu halten und sich anzusehen, was es anzusehen gibt. Der Zauberberg in der Jetztzeit Schönthaler belebt in dieser Erzählung Thomas Manns Zauberberg wieder. In der Jetztzeit befindet sich auf dem Davoser Schauplatz kein Lungensanatorium mehr, sondern eine Trainingsstätte für Hochleistungssportler. Vom alten Charme sind nur noch die latexlackierten Wände übrig und Doktor Behrens, der seit 1924 nicht gealtert ist und den Insassen Medizinchen verschreibt. Das könnte man schon mal „listig“ nennen. Schönthalers Ich-Erzähler ist ein Kollektiv. In der Wir-Form schildert er ein an Körpern und Seelen zusammengeknotetes vielköpfiges Wesen, bei dem „ein Blick genügte, um die Gemütsverfassung des anderen restlos zu erfassen“, mit „potenziertem Willen und potenzierten Kräften“. Sehr strikt vermeidet er das Soldatenmotiv: der Soldat ist bei ihm Sportler, der Offizier Trainer, die Kaserne das Sportlerheim, die Schlacht ist das Höhentraining. Nur einer, Frieder (der Moribunde der Trainingsstätte), nimmt das Wort „Krieger“ in den Mund. Er ist der einzige, der seinen Zustand als einen soldatischen sieht. Folgerichtig stirbt er bald darauf in den Bergen. Schönthaler führt auch hier das Motiv Manns weiter – nämlich Castorps Traum von der Schnee-Apokalypse. Zugegebenermaßen ist das auch nicht unlistig. „Nach oben ist das Leben offen“ ist eine ökonomische Mann-Variation Anders als Thomas Mann betrachtet Schönthaler das Treiben auf dem Berg ökonomischer und weniger farbig. Den alternierenden Sportleralltag beschreibt er durch zahlreiche wortwörtliche Wiederholungen. Verstärkt wird dieser Eindruck noch durch die konsequente Vermeidung des Wortes „und“ in Aufzählungen, was etwas Beiläufiges hat. Für ihn ist der Zauberberg kein Ort des müßigen Wohlbehagens, sondern eine Lehranstalt, zu der es weiter nichts zu sagen gibt. Vielleicht ist deswegen die Erzählung auch so kurz. Anhand einer von zwölf Geschichten kann man kein ganzes Buch bewerten. Das ist klar. Bestenfalls läßt sich darin eine kluge Schutzfunktion des Verlages gegenüber den Berufszerredern des Feuilletons erkennen. Wer nur eine Geschichte gelesen hat, kann die anderen nicht verreißen. Schönthalers Mann-Variation ist deutlich gelungener als die von Thorsten Becker, wenn auch nicht so lehrreich. Mit 25 Seiten kommt sie aber über den Status eines Entwurfs nicht hinaus. Kehrt man nochmal zum Bild der Single-Auskopplung zurück, verheißt das für das ganze Buch nichts Gutes, denn in der Regel pickt man sich dort ja schon die Rosinen heraus. Ob eine Schwalbe (oder eben Rosine) schon einen ganzen Sommer macht, kann nur die Lektüre des kompletten Buches klären. Und das war ja vom Verlag sicher auch so gewollt. Philipp Schönthaler: Nach oben ist das Leben offen. 201 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag. Verlag Matthes & Seitz Berlin. 17,90 Euro. |